BEDENKZEIT - Ludwig Cremer

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
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Prisma
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BEDENKZEIT - Ludwig Cremer

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● BEDENKZEIT (D|1971) [TV]
mit Krista Keller, Peter Pasetti, Iska Geri, Heinz Giese, Evelyn Gressmann, Gisela Kraft, Irmgard Riessen, Renate Raspe,
Karin Buchholz, Jochen Schröder, Ingeborg Wellmann, Eva Lissa, Dieter Wagner, Horst Thomas sowie Blandine Ebinger
eine Produktion der Intertel | im Auftrag des ZDF
ein Fernsehfilm von Ludwig Cremer

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»Ob es wohl Leute gibt, die mit ihrer Ehe zufrieden sind?«


Ingrid Ahrens (Krista Keller), Chef-Laborantin einer Universitätsklinik, wird von Kolleginnen und Ärzten wegen ihrer hohen Professionalität und Zuverlässigkeit geschätzt, außerdem stellt sie sich als Verantwortliche im Zweifelsfall vor ihre Belegschaft. Privat läuft es für die mittlerweile 40-Jährige nicht so erfolgreich. Ihr Verlobter heiratete eine andere und sie lebt mit ihrer Mutter (Blandine Ebinger) zusammen, die einerseits darauf drängt, einen Mann kennenzulernen, ihr aber jeden wieder ausredet. Als sie im Labor einen neuen Chef vor die Nase gesetzt bekommen soll, wird sie von Dr. Heidt (Peter Pasetti), der den Betrieb aufgrund eines lukrativeren Angebots verlassen wird, überredet, ebenfalls den Job zu wechseln. Ingrid erbittet sich trotz sehr guter Bedingungen Bedenkzeit …

Der Duisburger Regisseur Ludwig Cremer konnte sich vor allem einen Namen als Hörspielregisseur machen, inszenierte jedoch auch zahlreiche qualitativ hochwertige TV-Produktionen, wie etwa "Bedenkzeit" aus dem Jahr 1971. Dieser 85 Minuten lange Fernsehfilm ist im Grunde genommen als zeitlich passgenaues Soziogramm zu verstehen, welches die Rolle der Frau retrospektiv aber mit einigen Abstrichen auch noch aktuell zu zeichnen vermag, und mit einer kraftvollen Interpretin wie Krista Keller ihre dichte Erfüllung findet. Auf dem Prüfstand stehen vergangene Weichenstellungen und natürlich die momentane Lebenssituation, die sich zum Großteil mit dem Beruf auseinandersetzt, falls dieser denn ausgeübt wurde. Der Titel der Produktion suggeriert eine Art im Vorfeld gestelltes Ultimatum und eine schwierige Entscheidungsfindung, die den Verlauf noch sehr eindringlich prägen wird, da die Angelegenheit über das Berufliche hinausgeht. Zunächst legt die Regie ihr ausschließliches Augenmerk auf die uneingeschränkte Hauptattraktion des Films: Krista Keller alias Ingrid Ahrens. Zunächst ist sie nach einem Konzertbesuch privat und als Alleingängerin zu sehen. Attraktiv aber unauffällig. Unübersehbar bleibt hierbei, dass sie sich vornehmlich an anderen orientiert, denn ihre Blicke bleiben an Pärchen und der Zweisamkeit haften. Auch ohne viel über sie erfahren zu haben, wird schnell klar, dass sie sich einsam bis unerfüllt fühlt und nach einer Beziehung sehnt, immerhin bekommt sie subtilen Druck von zu Hause gemacht, was der nächste Szenenwechsel dokumentiert. Mit einer patenten Interpretin wie Blandine Ebinger, die auch Jahrzehnte später noch Nuancen des Berliner Cabarets der 1920er-Jahre etabliert, liegen die Karten schnell auf dem Kaffeetisch. Man sieht eine Mutter, die immer auf dem gleichen Stand Mutter geblieben ist, und ein Kind, welches dasselbe Schicksal mit mittlerweile 40 tragen muss. Sie nimmt die Einsamkeit ihrer Tochter in Kauf, um nicht selbst eines Tages alleine aufwachen zu müssen, immerhin ist sie seit gut 25 Jahren verwitwet. Nur auf der Arbeit kann sich ihre Tochter verwirklichen. Hier wird sie insbesondere von Kollegen mit akademischem Titel geschätzt, als Frau jedoch überall übersehen, wobei dies nur die halbe Wahrheit zu sein scheint.

Die Protagonistin mit naturwissenschaftlichem Verstand kann Gefühle und damit verbundene Unberechenbarkeiten nicht messen, sie jedoch im Vorfeld deuten und bewerten, sodass es sich de facto um ein Ausschlussverfahren des Vorfeldes handelt. Sie bewegt sich am liebsten auf ihrem sicheren Terrain. Hierzu zählt sie nicht Emotionen und Partnerschaften, also fühlt sie sich alleine am sichersten, aber auch am einsamsten. Überraschend aber exzellent erweist sich hier die Wahl von Krista Keller für die Hauptrolle, deren emotionale Kapriolen bekannt und vielmehr berüchtigt sind, da man sie hier völlig beherrscht und in sich gekehrt wahrnimmt. Die Frau, deren Interpretationskunst in der Regel dort anfängt, wo Worte aufhören, bietet sich als greifbares Äquivalent für viele Frauen der damaligen Zeit an. Sie prägt diesen interessanten Verlauf sozusagen in alleiniger, wenngleich kühler Art, ohne dabei die übliche erdrückende Dominanz entstehen zu lassen. Man nimmt Ingrid vor allem als Beobachterin wahr. Ludwig Cremer bemüht sich erfolgreich, eine Alltags-Ästhetik entstehen zu lassen, die durch kleine Details, bekannte Settings oder Konversationen entstehen zu lassen, die so gut wie jeder bereits erlebt hat. So handelt es sich um keine Geschichte, die schwerfällig oder ungelenk an der Realität gemessen wird oder vorbeiläuft, sondern um eine Studie des Alltags, die zahlreiche Zuschauer als altbekannt identifizieren werden, mit Abstrichen sogar heute noch. Thematisiert wird der Betrieb, der es einem niemals danken wird. Das ganze Engagement, die Mehrarbeit und Entbehrungen. Der Stress. Ingrid bekommt einen Herren vorgestellt, der durch das Labor geführt wird. Kritisch prüfend, abschätzig kommentierend. Es missfällt dem arrogant wirkenden Facharzt für Labor-Diagnostik, dass man im Keller zu arbeiten hat, auch die Ausstattung sei reichlich spartanisch, die Arbeit der Laborantinnen wird durch Nebensätze als altmodisch abqualifiziert. Es ist ein pauschales Aufbäumen gegen die bevorstehende Neuerung mit dem Verweis zu beobachten, dass es ausschließlich Fräulein Ahrens zu verdanken sei, dass die vorhandene Ausstattung überhaupt modernisiert wurde. Doch es hängt an den langsamen Mühlen der Verwaltung in Bewilligungssachen, wie man zu hören bekommt.

Ludwig Cremer skizziert einen gestochen scharfen Alltag in seinem Film, eine Realität, die überall genauso aussehen könnte. So zeigt sich kein Aufpolieren, man nimmt keine Verzerrungen oder Übertreibungen wahr, außerdem bleiben die Charaktere greifbar und transportieren nichts von filmischen Trugbildern, die immer wieder gerne als Stilmittel verwendet wurden. Berufliche und vor allem private Konflikte prägen das Szenario überwiegend unterschwellig, da das Alltagsgeschäft buchstäblich das Regiment führt, sich dementsprechend Resignation und Frustration, aber auch immer wieder aufblitzende Hoffnungsschimmer bemerkbar machen. Zwar ist Ingrid Ahrens in diesem Zusammenhang als Hauptfigur etabliert, aber um sie herum existieren genau die gleichen Probleme für andere Personen, mit denen sie unmittelbar zu tun hat. Naturgemäß hat man die eigenen im Visier und es scheint, als sei die auf das Funktionieren programmierte Frau hier bereits sehr festgefahren. Zu Hause wird sie mit den immergleichen Arien und völlig gehaltlosen Konversationen versorgt, um im Zweifelsfall darauf hingewiesen zu werden, dass ihre Ausbildung für eine Witwe nicht leicht zu stemmen gewesen sei. Doch ihre Mutter hat nur ein Primärziel im Visier behalten, dass ihre Tochter endlich einen Mann finden möge. Als es so weit ist, kommt die panische Angst vor Veränderungen wie eine Fontäne zum Vorschein, aber es betrifft beide Frauen gleichermaßen, nur in unterschiedlichen Reaktionen und Reflexen. In schauspielerischer Hinsicht agieren Blandine Ebinger und Krista Keller perfekt miteinander, sozusagen als von Krankheiten befallene Symbiose, bis diese von einem Mann angegriffen wird, den sich Frau Ahrens doch so sehnlich an der Seite ihrer Tochter gewünscht hat. Dr. Heidt, angesehen, selbstbewusst, mit medizinischem Charme versehen aber verheiratet, wird exzellent mit den berüchtigten Mitteln eines Peter Pasetti ausgestattet. Er, als eines der Urgesteine der Klinik, will dem verlockenden Ruf der Wirtschaft folgen, zu besseren Konditionen versteht sich. Seine gewissenhafte Chef-Laborantin und langjährige Vertraute möchte er am liebsten mitnehmen, zunächst aus rein sachlichen Gründen. Ingrid zeigt sich nicht abgeneigt, immerhin verbergen sich innerhalb der eigentlichen Offerte weitere verlockende Angebote.

Es sollte mehr als nur ein Tapetenwechsel sein, aber bei der völlig unprätentiös wirkenden Frau ist kein Kalkül wahrzunehmen. Dr. Heidt fährt mit ihr für zwei Tage zum designierten Arbeitgeber, der in Aussicht stellt, dass man sich im Neubau sogar die Büros nach eigenem Gusto einrichten könne. Er lernt die Ahrens über die berufliche Basis hinaus näher kennen, bis er sich dazu verleiten lässt, von sich selbst zu sagen, dass er bislang blind gewesen sein muss. Nach eindringlichen gegenseitigen Sondierungen startet das wahre Abenteuer. »Wenn man mit einer Kollegin verheiratet ist, dann kann man wenigstens noch über berufliche Dinge sprechen, wenn man sich schon sonst nichts mehr zu sagen hat. Ich meine gar nichts mehr!« Die hohe Hürde Ehe wird langsam aber sicher wegdiskutiert, auch das beste Alter spielt keine Rolle, eher im Gegenteil. Dem Publikum gefällt die Findung auf Raten, doch man ahnt, dass sich der Verstand schnell wieder einschalten, somit alles beim Alten bleiben wird. Oder doch nicht? Ludwig Cremer stattet diesen Fernsehfilm schlussendlich mit keinem klassischen Finale aus, da es sich in den Köpfen des Zuschauers abzuspielen hat. Die Beschreibungen von Alltagszwängen, deren Relevanz und dementsprechenden Ängsten sind hier sehr geglückt und man bekommt ein völlig unaufgeregtes Filmangebot, weil Krista Keller ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellt. Zwar bietet sich die Gelegenheit, Anflüge ihres Temperaments nicht mehr unterdrücken zu müssen, aber insgesamt bleibt eine überraschende Dosierung, eine buchstäbliche Beherrschung, die umso mehr zu gefallen weiß. "Bedenkzeit" findet einen brillanten Transfer in den damaligen Alltag und zeichnet real wirkende Begleitumstände, besitzt sogar noch Wertigkeit für heutige Verhältnisse, da Konventionsdruck und Probleme der Zwischenmenschlichkeit vielleicht visuell anders aussehen, aber dennoch aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Exzellente Darstellungen der Haupt- und Nebenrollen verhelfen der Produktion zu einem gehobenen Status im Bereich der TV-Produktionen, die wie so häufig in der Versenkung verschwunden sind. Am Ende kann gesagt werden, dass der Zuschauer hier keinerlei Bedenkzeit brauchen wird, um für sich zu klären, einem dramaturgisch wasserdichten und hervorragend ausgearbeiteten Film vor sich zu haben.

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Prisma
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● KRISTA KELLER als INGRID AHRENS in
BEDENKZEIT (D|1971)



Eine Frau quält sich nach einem Konzertbesuch durch die Menge, für sie war es einer der obligatorischen Solo-Abende. Jeder ihrer Blicke bleibt an der Zweisamkeit hängen, für sie muss es sich so anfühlen, als sei sie die Einzige, die nicht in Begleitung unterwegs ist. Der nächste Morgen weist einen der Hauptgründe auf, wieso es ihr Privatleben nicht viel hergibt, geschweige denn, eine Partnerschaft einzugehen. Beinahe genervt aber sicher kurz angebunden reagiert sie auf die alltäglichen Kommentare und Anweisungen ihrer Mutter, die es vermutlich immer nur gut gemeint hat. Sie erfragt wie der Abend verlaufen sei und will eigentlich nur wissen, ob ihre Tochter endlich einen Mann kennengelernt hat, den sie ihr im Zweifelsfall wieder ausreden wird. Außerdem verstehe sie nicht, wie man etwas für Gershwin übrig haben könne, aber »du bist ja noch so j…« Das letzte Wort wird durch einen mahnenden Blick Ingrids unterbunden, die Mutter weiß, dass sie sich gerade fast den Mund verbrannt hat. Die Kamera begleitet die wieder einmal auffällig schöne Krista Keller alias Ingrid Ahrens auf dem Weg zur Arbeit und achtet dabei akribisch auf ihre beherrschten Emotionen und die Reaktionen ihres Umfeldes. Es scheint, als ob die Kolleginnen der Chef-Laborantin in einer Universitätsklinik über ihre Weisungsbefugte tuscheln und mit ihrem hochprofessionellen, unnahbar wirkenden Wesen nicht viel anfangen können, sich beinahe dadurch gekränkt fühlen, dass sie auf künstlicher Distanz gehalten werden. Oder redet man darüber, dass sie auf ergebnislose Männerfischzüge geht? Die Ahrens ist aber ebenfalls dafür bekannt, dass sie sich als Verantwortliche von Dienstwegen schützend vor ihre Belegschaft stellt. Bei ihren Arztkollegen ist Fräulein Ahrens höchst anerkannt und ihre Meinung hat Gewicht. Beinahe wird sie wie eine ebenbürtige Kollegin mit akademischem Grad behandelt, doch ihr fehlt, wie sie selbst sagt, der Doktortitel und außerdem sei sie eine Frau. Dieser wehmütig klingende Nebensatz fällt, nachdem ihr Chef einen neuen Facharzt für Labor-Diagnostik herumgeführt hat, der Ingrid ab sofort vor die Nase gesetzt werden soll. So sieht sie ihre berufliche Entscheidungsfreiheit und Autonomie plötzlich gefährdet.

Krista Keller als Naturwissenschaftlerin zu sehen ist höchst interessant, denn es dezimiert die immer hohe Wahrscheinlichkeit, plötzliche emotionale Ausbrüche von ihr mitzuerleben auf ein Minimum. Ihre auffällige Attraktivität versteckt sie hinter Referenzen, Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit, Privates hütet sie beinahe wie ein Geheimnis. Doch gibt es überhaupt ein Privatleben? Keller wirkt beherrscht, sie demonstriert, dass sie sich darstellerisch in jede erdenkliche Lage hineinversetzen kann. Da die Produktion so gut wie ausschließlich um die Schauspielerin herumkonstruiert, sie dementsprechend auch fast in jeder Szene zu sehen ist, sind auch alle Augen auf sie gerichtet. Da sie nach außen hin so perfekt erscheint, ist der Blick auf Schattenseiten ausgerichtet, die man auch finden wird, insbesondere wenn sie alleine ist und man einen von ihrer Mimik übersetzten Blick in ihr Inneres gewährt bekommt. Ingrid ist einsam, obwohl oder weil sie mit ihrer Mutter lebt, die seit fast 25 Jahren Witwe ist. Der Verlauf schildert im Grunde genommen zwei Varianten von Ingrids beherrschtem Wesen. Eine zeigt sich im Umgang mit ihrer Mutter und ist von schonender Natur, die andere im Umgang mit der Gesellschaft und jedem erdenklichen Beobachter, um nicht zu viel von sich preiszugeben. Menschen, die so verfahren, möchten gerne von den in ihren Augen richtigen Leuten dechiffriert werden, doch auch sie muss feststellen, dass es einfach zu wenige Interessenten zu geben scheint. Die Geduld zu warten hätte sie bestimmt, aber ihr rennt einfach die Zeit davon, zumal sie zu Hause immer wieder an ihr fortgeschrittenes Alter erinnert wird. Bei der Palette der Emotionen fährt Krista Keller hier erstaunlich mehrgleisig, was ganz deutlich darauf hinweist, dass man es mit einer Frau zu tun hat, die noch viel mehr zu geben hätte, als das, was gesellschaftlich und kulturell von einer Frau der anfänglichen 1970er-Jahre verlangt wird. Versucht man als Zuschauer nach Schlüsselmomenten zu suchen, muss man ebenfalls geduldig warten, denn Keller lässt sich trotz akribischer Begleitung der Kamera nur schwer in die Karten sehen, was den viel- oder nichtssagenden Titel der Produktion äußerst treffsicher unterstreicht.

Alles scheint um Beherrschung zu gehen, vor allem, als der in Stein gemeißelte Alltag auf den Prüfstand gestellt wird. Bei ihr ist absolute Kontrolle über sich zu haben und völlige Unkontrolliertheit übrigens beinahe das Gleiche. Das Ausbuchstabieren jedes erdenklichen Extremums wird unter ihrer Leistungskraft in völlige Normalität verwandelt, aber eben nur, weil sie es nach Art des Hauses anpackt. So sieht es wie immer nicht nach einem Kraftakt aus, sondern dem Abruf einer seltenen Gabe, die so leicht von der Hand zu gehen scheint und sie so unverwechselbar macht. Man bekommt hier ein alternatives Angebot serviert, falls man im Vorfeld auf obligatorische Keller'sche Eruptionen aus war, wird aber im Kontrast keineswegs enttäuscht werden, da es eine messerscharfe Präzision mitzuerleben gibt. Krista Keller, die sehr häufig Charaktere interpretierte, die wenig mit Sympathie zu tun hatten, stellt sich hier in überraschender Weise auf die andere Seite. Man findet Ingrid nett, fühlt mit ihr und hofft, dass sich ihre latenten Wünsche erfüllen. In erster Linie bedeutet dieser fromme Wunsch, dass sie aus ihrem Alltag ausbrechen kann, folglich getrennte Wege bezüglich ihrer permanent maßregelnden und etwas weinerlichen Mutter zu gehen. Dr. Heidt, ein Arzt des Betriebes, hat sich von der Wirtschaft abwerben lassen und vor, zu gehen. Seine zuverlässige Chef-Laborantin möchte er gerne mitnehmen und nimmt sie auf einen zweitägigen Ausflug zum designierten Arbeitgeber mit. Hier werden traumhafte Bedingungen in Aussicht gestellt, im Privaten am Ende sogar diejenige, dass er sich für sie aus seiner Ehe lösen wolle, da sie ohnehin nur noch auf dem Papier bestehe. In Ingrid wird die Skeptikerin laut, sie hat gelernt, dass Dinge, die zu schön klingen, um wahr zu sein, eigentlich immer eine Kehrseite haben. Die gemeinsamen Szenen mit Partner Peter Pasetti sind erbaulich, zumindest temporär. Es entwickelt sich eine Intimität, die vielleicht im Geheimen immer schon dagewesen war, aber nie ihre tatsächliche Erfüllung finden konnte. Für kurze Momente zeichnet Krista Keller eine Ausgelassenheit, die hier nie zu sehen war, um sich jedoch gleich wieder daran zu erinnern, dass es von allen Seiten her Verpflichtungen gibt, denen die Genüge tun muss. Immerhin handelt es sich um eine Sache der Gewöhnung.

Wieder zu Hause angekommen lernt man sie schließlich von einer anderen Seite kennen, als die jahrelange Unterdrückung von ihr abfällt. Unterdrückt hatte sie sich stets selbst, natürlich in Einklang mit ihrer Mutter, aber jetzt ist eine Art Oppositionelle zu sehen, die sich mit 40 gegen alles auflehnen will, was ihr zuvor Sicherheit geboten hat. Es kommt zu einer Kette von Vorwürfen, die ungehindert aus ihrem tiefsten Inneren herausbrechen. »Diesmal werde ich tun, was ich für richtig halte! Ich hab dir doch vorstellen können, wen ich wollte. Du hast immer nur die Fehler gesehen! Hast sie mir so lange vorerzählt, bis ich auch nur noch Fehler gesehen habe.« Die Mutter reagiert überaus gekränkt und fühlt sich von dem wütenden Ausbruch unfair behandelt. Es entsteht ein uralter Reflex, vorzurechnen, welche Opfer man über die Jahre gebracht und was man doch alles für das Kind getan habe. Krista Keller ist außer sich, sie läuft nervös in den Räumen herum und vertritt eine deutliche Position, die wahrscheinlich nicht lange andauern wird. »Ich will nicht gefragt werden, warum heiraten Sie eigentlich nicht, warum haben Sie nicht geheiratet. Ich will nicht, dass man herumrätselt, mit wem hat sie denn jetzt wieder ein Verhältnis. Ich will nicht mehr! Verstehst du? Ich will nicht mehr!« Der Frust ist groß, sehenswert dargestellt auf beiden Seiten, was natürlich auch für Blandine Ebinger gilt, doch morgen ist alles wieder gut. Ingrid erbittet sich Bedenkzeit für den beruflichen und privat untergeordneten Bereich. Es steht nur eines an erster Stelle: Sie will eine eigene Entscheidung treffen, auch wenn sie von anderen touchiert oder sogar forciert werden könnte. Als Zuschauer ahnt man in den letzten Minuten, wie diese aussehen dürfte, denn diese Frau kann ohne ihre Sicherheit nicht leben, deren Preis große Entbehrungen sind. "Bedenkzeit" zeigt Krista Keller von einer anderen Seite, die nicht minder interessant ist. Gefasst, beherrscht und im persönlichen Schutzgriff vor sich selbst. Erneut wird klar, dass die wandlungsfähige Schauspielerin jede Rolle meistern kann beziehungsweise zahlreiche Kino-Rollen hätte spielen können. Diese leider in Vergessenheit geratenen TV-Perlen, die oft qualitativ hochwertig ausgefallen sind, bekommen durch die Performances der Principessa einen Brillantschliff.



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