MORD IM PFARRHAUS - Hans Quest

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
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Prisma
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MORD IM PFARRHAUS - Hans Quest

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MORD IM PFARRHAUS


● MORD IM PFARRHAUS (D|1970) [TV]
mit Inge Langen, Herbert Mensching, Edith Schneider, Ingrid Capelle, Heinz Bennent, Paula Denk,
Willy Semmelrogge, Käte Jaenicke, Paul Neuhaus, Fritz Haneke, Clara Walbröhl und Helga Anders
nach dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie
eine Produktion des Zweiten Deutschen Fernsehens
ein Fernsehfilm von Hans Quest

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»Ein Mord genügt doch im Augenblick!«


Beim Pfarrer (Herbert Mensching) eines englischen Dorfes findet man einen Toten an dessen Schreibtisch. Dabei handelt es sich um Oberst Hampton, den am meisten gehassten Mann der kleinen Gemeinde. Dass sich ein Mord im Pfarrhaus abgespielt hat, verbreitet sich wie ein Lauffeuer unter den Bewohnern. Die Polizei beginnt unter Inspektor Slack (Willy Semmelrogge) zu ermitteln, doch zu seiner Verwirrung bieten sich ihm gleich mehrere Täter mit entsprechenden Geständnissen an. Sein Misstrauen ist geweckt. Auch die neugierige Hobby-Detektivin Miss Marple (Inge Langen) beginnt sich für die Zusammenhänge zu interessieren und kommt auf erstaunliche Kombinationen …

Die in ihren Ausarbeitungen höchst unterschiedlichen und zahlreich vorhandenen Adaptionen nach Agatha Christie bieten ein breites Spektrum an Unterhaltungswert an. Auch deutsche Produktionen versuchten ihr Glück im Unterhaltungszirkus und eine Variante dieser TV-Filme stellt Hans Quests "Mord im Pfarrhaus" dar, der sich insgesamt eng an die literarische Vorlage halten soll. Dies geht sogar so weit, dass man es mit einer strikten und daher befremdlichen deutschen Übersetzung zu tun bekommt, sodass man beinahe zusammenzuckt, wenn man permanent mit der Anrede »Fräulein Marple« konfrontiert wird. Derartige Kleinigkeiten transportieren stets den Eindruck von Biederkeit, was sich noch eindrucksvoll durch diesen Verlauf winden wird. Generell bietet es sich an, jegliche Miss Marple-Interpretationen nicht mit der persönlichen Lieblingsdarstellerin zu assoziieren, die bei den meisten vermutlich Margaret Rutherford heißen dürfte. In dieser Geschichte versucht sich Inge Langen in dieser eigentlich dankbaren Rolle zu empfehlen, doch der komplette Aufbau scheitert bereits an ihrem zu jungen, tatsächlichen Lebensalter. Sucht man nach Rollen, in welchen die hochverdiente Inge Langen keine Überzeugungskraft und ihre hauseigene Dynamik aufbauen konnte, wird man nicht so schnell fündig werden, bis zu dem Zweitpunkt dieser Performance, die man am Ende schlicht und einfach als Fehlbesetzung identifizieren muss. Hinzu kommt, dass die neugierige Schnüfflerin mit der außergewöhnlichen Kombinationsgabe, leider nur eine Nebenrolle im Geschehen einnimmt, auch wenn ihr standesgemäß das Finale gehören wird. Der komplette Verlauf spielt sich ausschließlich im besagten Pfarrhaus ab, was unter anderem den Nährboden für ein klassisches Kammerspiel darstellt. Glücklicherweise ist dieser Fernsehfilm sehr interessant besetzt, wobei sich zahlreiche Licht- und Schattenseiten feststellen lassen, denn jeder Akteur kämpft gegen eine überaus dröge Inszenierung an, was für Quest'sche Verhältnisse mehr als überraschend erscheint. Man findet einen Toten, dem in der kleinen Gemeinde offenbar kaum Sympathien entgegengebracht wurden. So handelt es sich schließlich um günstige Grundvoraussetzungen, genügend Verdächtige auf einem Präsentierteller serviert zu bekommen.

Unabhängig von der Nähe zur Romanvorlage wirkt hier leider alles, aber wirklich alles vollkommen artifiziell und gestelzt, was sich vom Schauspiel und den entsprechenden Gebärden über die lieblos vorgetragenen Dialoge bis hin zu den eintönigen Kulissen zieht. Weit bevor der wahre Täter gefunden wird, zeigt sich ein anderer, rücksichtsloser Killer: die Langeweile. Für einen Kriminalfall wirkt es daher mehr als erstaunlich, dass wirklich keinerlei Spannungsamplituden ausfindig zu machen sind, sodass das Geschehen unbarmherzig vor sich hin plätschert. Die Polizei, der Freund und Helfer, bekommt einen sehr aggressiven und wenig charmanten Anstrich von Willy Semmelrogge verpasst, doch seine Strategie, die Verdächtigen in die Enge zu treiben, erweist sich jeweils als völliger Schlag ins Wasser, bis die aufmerksame Miss Marple zum Zuge kommen muss, um den Zuschauer und alle Beteiligten der Auflösung des Mordfalles näherzubringen. Verwunderlich bleibt, dass sich bereits im Mittelteil zwei Täter für den begangenen Mord anbieten, was zumindest für eine willkommene Abwechslung in Form anhaltender Verwirrungszustände sorgen kann. Inge Langens Darstellung greift und erreicht einen hier leider nicht, ihr Potenzial, Szenarien beziehungsweise Intervalle für sich zu vereinnahmen, kann nicht abgerufen werden. Optisch völlig ungünstig hergerichtet und in den Gebärden absolut unglaubwürdig, fehlt eine Identifikationsfigur, eine Sympathieträgerin, die in dieser Einöde kaum zu finden sein wird. Beherzte Leistungen bieten Herbert Mensching, Helga Anders, Edith Schneider und Heinz Bennent an, zumindest ist es meistens nicht völlig uninteressant, ihnen zu folgen und man nimmt gute Unterstützung von Paula Denk, Käte Jaenicke und Ingrid Capelle wahr. Kriminalfall samt Motiv bleiben jedoch weitestgehend unspektakulär und können sich trotz einiger Twistversuche nicht vom Durchschnitt unterscheiden. Was hier grundlegend fehlt, ist Schwung, Dynamik und Substanz, was "Mord im Pfarrhaus" schlussendlich zu einer der weniger gelungenen Christie-Adaptionen und schlussendlich zu einem TV-Schlafmittel macht. Ein paar Modifikationen hier und da hätten am Ende vielleicht keine Wunder vollbringen, aber sicherlich den Staub abschütteln können, der sich hier überall festgesetzt hat. Leider misslungen.

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