
Klassen Feind (D)
Klassefjenden (DN)
Class Enemy (INT)
D 1983
R: Peter Stein
D: Gregor Hansen, Stefan Reck, Jean-Paul Raths, Udo Samel, Ernst Stötzner, Tayfun Bademsoy, Michael Maassen

deutsche Kinopremiere: 11.03.1983
Titeltrack: Sex Pistols - Pretty Vacant
OFDb


Die Berliner Rütli-Schule in den frühen 80ern: Verhaftet an ihrem scheinbar ursprünglichen Standort in Kreuzberg, herrschten an der mittlerweile aus Funk und Fernsehn bekannten Berliner Terrorschule bereits zum damaligen Zeitpunkt die gleichen desaströsen Zustände, durch die sie dann über zwei Jahrzehnte später am neuen Standort in Neukölln der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde.
In einem trostlosen Trümmerhaufen, irgendwo in Berin-Keuzberg, treibt ein völlig enthemmter Klassenverband die zuständige Lehrkörperschaft in den Wahnsinn, wobei die gnadenlose Vorgehensweise bereits damals schon jegliche Menschlichkeit vermissen ließ. In einer von Hoffnungslosigkeit und No-Future Ängsten geprägten Zeit, lassen die sechs Schüler der 10a ihrem angestauten Lebensfrust freien Lauf, was wiederum in erster Linie die irrenhausbereitzumachenden Lehrbeauftragten zu spüren bekommen. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass der Film mit einer energischen "Tür-Aufreiß-Szene" eröffnet wird, bei der eine völlig aufgelöste Lehrerin das unheilvolle Schulgebäude fluchtartig verlässt und auf Nimmerwiedersehen entschwindet. Das Entsetzen ist ihr dabei unübersehbar ins Gesicht geschrieben. Der Grund dafür: Sechs völlig entwurzelte und desillusionierte Jugendliche, die sich ohne Rücksicht auf Verluste gegen das verhasste Establishment auflehnen.
Geflutet von endloser Hoffnungslosigkeit und einer unbändigen Wut auf die vermeintlichen Verantwortlichen an ihrer Lebensmisere, entlädt sich ihr ganzer Frust in einem abgelegenen und bereits völlig demolierten Klassenzimmer, wobei dieser Ort des Geschehens auch sogleich den einzigen Schauplatz dieser theaterhaften Inszenierung darstellt. Kein Wunder, denn dem verwendeten Drehbuch liegt ein Theaterstück des Engländers Nigel Williams zugrunde. Das Stück trägt den Namen "Class Enemy" und war ursprünglich im Londoner Stadtteil Brixton angesiedelt. 1981 adaptierte Regisseur Peter Stein das Theaterstück auf Berliner Verhältnisse und brachte es zunächst auf die Bühne, bevor er dieses 1983 erneut für die große Kinoleinwand inszenierte. Dabei entstand eine kammerspielartige Verfilmung, die aufgrund des sowohl energischen, als auch mitreißenden Schauspiels ihrer sechs Darsteller ordentlich begeistern kann. Trotz der ungewöhnlich langen Laufzeit von 120 min. kam zu keinem Zeitpunkt der Inszenierung auch nur der Hauch von Langeweile auf, denn die äußerst authentisch wirkenden Darsteller gelingt es problemlos, ihre fesselnden Darbietungen über den gesamten Filmverlauf aufrecht erhalten.
Nachdem der unbändige Trupp also auch seinen vorerst letzten Lehrkörper ins Bockshorn jagen konnte, macht sich unter den sechs unfreiwillig zusammengewürfelten Klassenkameraden ein Gefühl der alltäglichen Sinnlosigkeit breit, zumal die endlose Warterei auf den nächsten Erzieher zu enormer Langeweile und Frustaufbau führt. Da innerhalb der Gruppe auch zusätzlich noch ein hierarchisches Gefälle besteht, dauert es nicht lange, bis erste Spannungen unter den Beteiligten entstehen, woraus wiederum eine durchwegs bedrohliche Grundstimmung resultiert.


An oberster Stelle dieser entfesselten Klassenhierarchie steht der äußerst wahnhafte als auch obendrein stark fremdgefährdende "Fetzer" (Ernst Stötzner), der mit seinem rockermäßigen Auftreten den Handlungsverlauf diktiert, indem er den Zuschauer quasi als dauerbrüllender Moderator durch die gesamte Sendung führt. Fetzer ist auch zugleich der Unberechenbarste und Gefährlichste von allen, der zudem ständig unter einer Daueranspannung leidet und jederzeit ganz unerwartet explodieren kann. Völlig unzufrieden mit seiner momentanen Lebenssituation macht er Gott und die Welt dafür verantwortlich, indessen Folge er Hass gegen seine Umwelt hegt. Neben Lehrern, Polizei, Richtern, Marklern, Spekulanten, Anwälten oder Eltern zählen vornehmlich unschuldige Sozialarbeiter zu seinen selbsternannten Feinbildern, die er dann auch mit voller Inbrunst bekämpft. Aber das war es dann auch schon, was sein allgemeines Alltagsinteressen betrifft, denn ansonsten scheint ihm jeglicher Sinn in seinem Leben abhanden gekommen sein. Aufgrund seiner enormen Verstocktheit zeigt er sich zudem völlig lernresistent, was wiederum seinen frustgesteuerten Bedrohlichkeitsfaktor in ungeahnte Höhen schnallen lässt.
Ihm gegenüber steht der "etwas" sanftmütigere Billenträger "Vollmond" (Udo Samel), der innerhalb der inkohärenten Klassengemeinschaft zugleich den höchsten Intellekt, am ehesten Kompromissbereitschaft und sogar ein wenig Menschlichkeit vorweisen kann. Darüberhinaus schiebt er wegen den dauerverletztenden Allüren seines selbsternannten Vorgesetzten einen dermaßen dicken Hals, dass bereits zu Beginn eine unausweichliche Spannung zwischen den beiden Kontrahenten den Klassenraum erfüllt, an der die weiteren Beteiligten unfreiwillig partizipiert werden.
Nachdem sich die Stimmung untereinander nach 15 Minuten bereits so richtig gut aufheizen konnte, initiiert der chronisch miesgelaunte Fetzer ein Lehrer-Vertretungssspiel, an dem zwar auch alle anderen unfreiwillig teilnehmen müssen, die daraus resultierenden Folgen aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal annähernd erahnen können. Nacheinander soll jeder der Anwesenden die Rolle eines Lehrkörpers übernehmen und dem Rest eine Unterrichtsstunde geben, bei der sie sich dann schließlich behaupten müssen. Dabei kommt es aber auch zur ungewollten Preisgabe von persönlichen Gefühlen und Meinungen, die wiederum ein geeignetes Fressen für den weiterhin anschürenden Fetzer darstellten. Somit kocht die Stimmung unter den Beteiligten immer höher, wodurch die bereits höchst angespannte Gruppendynamik vollends außer Kontrolle zu geraten scheint und schließlich zu Eskalieren droht.
Neben den beiden zuvor genannten Streithähnen, befindet sich auch noch der körperbetont gekleidete und leicht androgyn wirkende "Angel" (Gregor Hansen) im überschaubaren Klassenverband, der dann auch sogleich die erste Unterrichtseinheit erteilen darf. Sein ausgewähltes Thema lautet dabei "Sex", wobei er neben dem Zeichnen von Geschlechtsteilen und ein paar anzüglichen Werbesprüche nicht viel mehr vorzuweisen hat. Nebenbei stellt sein Charakter die unsicherste Persönlichkeit von allen dar. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er irgendwann völlig durchknallt und in einem Anfall optischer Halluzinationen nur noch kleine, weiße Lehrer auf dem Flur spazieren gehen sieht.
Als nächster ist mit "Pickel" (Stefan Reck) der eigentlich ruhigste Genosse an der Reihe, der den Anwesenden daraufhin eine mitreißende Unterrichtseinheit zum Thema "Gartenbau" erteilt. Dabei kann er mit den botanischen Geschichten seines "Ollen" bei fast allen Anwesenden punkten - außer natürlich bei Fetzer. Dieser hat dem pikelgesichtigen Außenseiter mal wieder nur Spott, Hass und Häme entgegenzubringen. Daraufhin ist auch schon der jokermäßig geschminkte Punk-Außenseiter "Koloss" (Jean-Paul Rathes) an der Reihe, wobei er bei seinem Vortrag sein wahres Gesicht zu Tage trägt. Aufgrund seiner NPD würdigen Hetzzrede zum Thema "Die Ausländer sind an allem schuld" entpuppt er sich schließlich als ein waschechter Nazi-Punk, der letztendlich rein gar nichts auf dem Kasten, und erst recht nichts verstanden hat.
Der letzte im Bunde hört auf den Namen "Kebab" (Tayfun Bademsoy) und ist ein türkischstammender Rabauke, der aufgrund einer fremdenfeindlichen Äußerung an einer chronischen Glasbruchkrankheit erkrankte und seitdem notorisch Fenster zerstört. Im Rahmen seiner Unterrichtsstunde erteilt er den anderen somit lebenswichtige Lektionen rund ums Fensterglas. Abschließend sei noch gesagt, dass die Unterrichtsthemen von Fetzer "lebenspraktische Selbstverteidigung" und von Vollmond "Das Zubereiten einer schmackhaften Boulette" lauten.
Aufgrund des energiegeladenen, authentischen und höchst mitreißenden Schauspiels der einzelnen Darsteller, entpuppt sich dieser recht ungewöhnlich deutsche Film als eine wahrhafte Perle, die außerdem auch noch mit einer gut durchdachten Kameraarbeit aufwartet. Trotz der Abwesenheit einer musikalischen Untermalung, besteht ungeachtet dessen ein durchwegs hohes Spannungspotenzial, welches letztendlich den gesamten Handlungsverlauf über zu fesseln weiß. Aber ganz so unmusakilsch geht die schulische Angelegenheit dann schließlich doch nicht über die Bühne, da wenigstens für den Vorspann ein fantastischer (und zugleich mein schon immer persönlich favorisierter) Titel der Sex Pistols verwendet wurde: Pretty Vacant
An dieser Stelle möchte ich mich für diese ausgezeichnete Filmempfehlung bei einem altgedienten DP User herzlichst bedanken, ohne die ich wohl nicht so schnell (wenn überhaupt) auf diesen Film aufmerksam geworden wäre
Fazit: Ein durchwegs intensives und energisches Kammerspiel der etwas anderen Art. Tolles, deutsches Kino.




Artikel aus dem Spiegel 12/1983
Ziegler-Film

Titeltrack:
(Beitrag aus dem alten Forum: 27.02.2016)
