La pelle sotto gli artigli (IT)
La pelle sotto gli artigli (F)
La piel bajo las uñas (ES)
The Skin Under the Claws
IT 1975
R: Alessandro Santini
D: Gordon Mitchell, Geneviève Audry, Tino Boriani, Ettore Ribotta, Mirella Rossi, Ada Pometti, Renzo Borelli, Agostino De Simone
Italienische Erstaufführung: 10.05.1975
Score: Francesco Santucci
IMCDb
OFDb
In der rennomierten Privatklinik 'Villa Carla' gehen unheimliche Dinge vor sich, denn der Direktor des Hospitals, Professor Ernst Helmut (Gordon Mitchell), führt in seinem Haus fragwürdige Transplantationen an Pavianen durch. Da aber das Experimentieren mit Tieren für Professor Helmut keinerlei neuen Erkenntnisgewinne mehr hervorbringen, offenbart er seinem Kollegen Dr. Gianni Dani (Tino Boriani) -der gerade erst kürzlich mit einer weiteren ärztlichen Kollegin der Klinik, Frau Dr. Silvia Pieri (Geneviève Audry), eine Liaison einging-, dass er seine Versuchsreihe auch baldmöglich am Menschen praktizieren möchte. Dabei hegt der zwielichtige Professor die Hoffnung, mit seinen menschlichen Organtransplantationen nicht nur den Tod zu überwinden, sondern bestenfalls auch noch eine Art Übermensch zu erschaffen, der aufgrund der verpflanzten Transplantate dem normalen Menschen weitaus überlegen ist. Zu allem Überfluss geschehen etwa zur gleichen Zeit zwei grausame Frauenmorde, bei denen einer Prostituierten (Mirella Rossi) mit einem chirurgischen Schnitt feinsäuberlich die Bauchdecke aufgeschlitzt wird, und eine in Stücke zerrissene Nymphomanin (Ada Pometti), deren zweigeteilter Leichnahm schließlich in einem Koffer verstaut wird, den die Polizei kurz darauf an einem nahegelegenen Bahnhof auffindet. Im Rahmen der forensischen Untersuchung stellt sich heraus, dass sich unter den Fingernägeln der beiden Opfer nicht nur Rückstände von verwestem Menschenfleisch haften, sondern auch Spuren von menschlichen Fäulnissäften, was den ermittelnden Kommissar Rinaldi (Ettore Ribotta) wiederum zu der Annahme führt, dass die beiden Damen von einem toten Menschen ermordet wurden. Aber kommen wir wieder zurück zu Professor Helmut, der eines schönen Nachts urplötzlich einen Herzschwächetod erleidet. Als Gianni und Silvia kurz darauf von einem romantischen Wochenende nach Rom zurückkehren, ist nicht nur plötzlich der Leichnahm des verstorbenen Professors spurlos verschwunden, sondern ein wenig später auch Silvia...
Lebende Zombies, die durch Gehirntransplantationen ins Leben gerufen werden, sollen sich letzten Endes mit lebenden Frauen paaren, um somit eine neue Lebensform zu erschaffen, die dem Ottonormalmensch in sämtlichen Belangen den Rang ablaufen. Klingt nicht nur absurd, sondern ist es letztendlich auch, denn DIE HAUT UNTER DEN KLAUEN offenbart sich als ein völlig durchgeknallter Bodensatzvertreter des italienischen Giallo-Genres, der obendrein auch noch polsellihafte Züge aufweist. Zu verantworten hat diese filmgewordene Unfassbarkeit der italienische Produzent und Drehbuchautor Alessandro Santini, der zwischen 1971 bis 1979 auch kurzzeitig als Regisseur in Erscheinung trat und in diesem Zeitraum vier vollendete Filme sowie ein unveröffentlichtes Werk hinterließ. Was mir beim Anblick der jeweiligen Stabsangaben direkt ins Auge stieß, war die offensichtliche Nähe zu Renato Polselli und dessen späteren Stammproduzenten Bruno Vanni, denn neben dem vorliegenden LA PELLE SOTTO GLI ARTIGLI drehte Santini 1971 den Film QUESTA LIBERTÀ DI AVERE... LE ALI BAGNATE, bei dem Polselli nicht nur am Drehbuch mitstrickte, sondern gleich auch noch seine angestammte Muse Rita Calderoni als Schauspielein ins Rennen schickte. Ein Jahr später veröffentlichte Santini den Italo-Western AL DI LÀ DELL'ODIO, der wiederum auf einem Drehbuch von Bruno Vanni basiert. 1979 erblickte dann unter dem Titel UNA FORCA PER 3 VIGLIACCHI ein weiterer Italo-Western das Licht der Welt, wobei sich dieses Mal sowohl Renato Polselli als auch Bruno Vanni für das Drehbuch verantworteten, auf dem schließlich Santinis letzte Regiearbeit beruhte. Weiterhin existiert ein unvollendeter Film Santinis, bei dem es sich um keinen Geringeren als UNA VERGINE PER SATANA handelt, von dem wiederum einige der fertiggestellten Ritualszenen in Renato Polsellis CASA DELL'AMORE... LA POLIZIA INTERVIENE ihre Verwendung fanden. Und als wäre das alles noch nicht genug, spielen sich auch einige Szenen von LA PELLE SOTTO GLI ARTIGLI in der glorreichen Lyutak-Villa ab, in der Renato Polselli während seiner triumphalen Ralph-Brown-Phase ständig sein entfesseltes Unwesen trieb. So geschehen in DAS GRAUEN KOMMT NACHTS, MANIA, QUANDO L’AMORE È OSCENITÁ und RIVELAZIONI DI UNO PSICHIATRA SUL MONDO PERVERSO DEL SESSO. Den Abschluss macht die Schauspielerin Mirella Rossi, die ebenfalls in vier Polselli-Filmen mitwirkte.
Obwohl LA PELLE SOTTO GLI ARTIGLI aufgrund seiner abstrusen Handlung sowie bestimmter Gewaltfantasien, die sich dem Zuschauer insbesondere am völlig enthemmden Ende des Films in einem Gewölbekeller der Villa Germolio offenbaren, zweifelsfrei von Polselli stammen könnten, hinkt Santinis Endresultat den unnachahmlichen Machwerken des Abstrusitäten-Maestros weit hinterher, denn was die inszenatorisch Qualität dieser wirren Bodensatzsause anbelangt, so entpuppt sich diese als äußerst dilletantisch umgesetzt. Da wäre beispielsweise die unzulängliche Cinematografie, die einfach nur wie 'drauf los gefilmt' wirkt. Zudem scheint der verantwortliche Kameramann Luigi de Maria im Vorfeld keinerlei Gedanken an etwaige Bildkompositionen verschwendet zu haben, was wiederum dazu führte, dass es gar nicht mal so einfach war, ausreichend adäquates Bildmaterial für die obligatorischen Bildergalerien zusammenzustellen. Oder die Inszenierung der Liebesgeschichte zwischen Dr. Gianni Dani und Dr. Silvia Pieri, in der die beiden Mediziner nicht nur ständig völlig emotionslos ihre gegenseitige Liebe beschwören, sondern auch ansonsten im Großen und Ganzen befremden. Zudem agieren die Filmfiguren in Santinis sexy Horror-Comic-Strip weitaus weniger entfesselt.
Was den Film wiederum so unfassbar macht, ist das dilettantische Selbstverständnis Santinis, mit dem er den Film flutete. So wurde beispielsweise das spartanische Büro von Kommissar Rinaldi, in dem sich ausschließlich ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Telefon und eine Aktenschrankatrappe befinden, offensichtlich in einem kargen Kelleraum errichtet, welches aber im weiteren Handlungsverlauf eine wundersame Wandlung durchmacht. Oder ein Autopsieraum, der bei Bedarf auch als Speiseraum dient. Dann wäre da auch noch ein exaltierter Maler, der sich von zwei weiblichen Nacktmodellen dazu inspirieren lässt, die weiblichen Reize der beide Damen in Landschaftsbilder zu transferieren, denn Frauen verteten für ihn die Natur, die er entsprechend in seinen Werken auch genau in diese umwandelt. Und eine Zugdirektverbindung von Rom nach Paris darf natürlich auch nicht fehlen. Der absolute Wahnsinn offenbart sich aber erst am Ende des Films, denn plötzlich befindet sich der Zuschauer in einem stickischen Gewölbekeller, in dem nackte Frauen angekettet sind, an denen der geheimnisvolle Killer seine menschenverachtenden Experimente vollzieht, deren Wurzeln -wie sollte es auch anders sein- mal wieder ganz tief in der NS-Zeit verankert sind.
Was die Transplantationsgeschichte betrifft, so gesellt sich LA PELLE SOTTO GLI ARTIGLI in eine Reihe von Filmen ein, die sich bereits seit dem Jahr 1970 mehr oder minder überzeugend mit dieser Thematik befassen. Zu nennen wären beispielsweise Mario Mancinis Schundwerk FRANKENSTEIN 80 oder auch der beeindruckende CRYSTALBRAIN, L'UOMO DAL CERVELLO DI CRISTALLO von Juan Logar. Ansonsten kann der Film, von dem augenscheinlich sowohl eine gekürzte 74-minütige Schnittfassung als auch eine 86-minütige Fassung existiert, nur hartgesottenen Giallo-Liebhabern empfohlen werden, die obendrein eine Vorliebe für abstruse Bodensatzsausen hegen. Wer solch abstrusen Unsinn mag, der dürfte mit dem vorliegenden Film seinen Spaß haben. Allen anderen sei unmissverständlich abgeraten.
Das Einzige, was mir nach der Sichtung dieses abgeschmackten Wahnwitzes jetzt noch als Fazit in den Sinn kommt, ist ein völlig bescheuertes 'Respect to the men in the icecream van'.
In diesem Sinne...
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