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DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Fr., 01.01.2021 23:01
von Sid Vicious
Regisseur: Renato Polselli
Kamera: Ugo Brunelli
Musik: Gianfranco Reverberi
Drehbuch: Renato Polselli
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Doktor Herbert Lyutak ist ein geschätzter sowie gefragter Psychiater, welcher der Polizei (bei Mordfällen) mit Rat und Tat zur Seite steht. Was niemand weiß: Herbert leidet unter Potenzproblemen. Er arbeitet allerdings emsig an seiner Genesung und prüft seine Manneskraft mittels eines Vergewaltigungsversuchs. Doch der Schuss geht nicht nur nach hinten, sondern gar nicht los, sodass der frustrierte Seelenklempner das Opfer, ein junges Mädchen, postwendend ermordet. Da Herbert fortan von Halluzinationen und Depressionen geplagt wird, gesteht er seiner Frau, Marcia („Marcia! Warum?“), den Mord. In der Folgezeit kommt es jedoch zu weiteren Gräueltaten im Umfeld des Ehepaars. Doch diesmal kann Herbert nicht der Mörder sein. Was ist hier eigentlich los?

"Ich will versuchen, ob die Chance einer Heilung für dieses Individuum besteht. Mit einer Untersuchung biochemischer-chromosomatischer Art und Weise. Ich weiß selbst noch nicht genau." (Doktor Herbert Lyutak)

Zitate dieser Art manövrieren den Zuhörer in einen individuellen Kosmos des Schwachsinns. Doch sollte man, ohne die Begeisterung für dieses außerordentlich bizarre Sprachkonstrukt zu schmälern, „Das Grauen kommt nachts“ nicht zu sehr an der bundesrepublikanischen Tonbearbeitung festmachen. Denn wer vor oder während der der Sichtung die italienische Tonspur aktiviert, dem wird die Möglichkeit offeriert, diesen Film vollkommen neu zu entdecken. Während dieser Expedition zeigt sich der von der Imaginationen gesteuerte Wahn im Vergleich zur „realen“ Manie als ein gleichberechtigter Indikator. Auf diese Weise wird der ohnehin stark groteske Eindruck, den der Film hinterlässt, additional befruchtet. Dabei schwingt der Rezipient zwischen Trance, Drogenrausch und Wahnsinn. Anhand dieser Marschroute gelingt es dem Streifen natürlich zahlreiche Fragen zu reflektieren, deren Antworten sich allerdings nur in Polsellis privater Datenbank des kreativen Irrsinns entdecken lassen.

Einhergehend legen die Protagonisten ein extrem befremdliches Verhalten an den Tag. Eine Szene in der sich die die Darsteller/innen ohne ersichtlichen Grund auf dem Boden wälzen, rückt diesbezüglich besonders eindringlich in den Fokus. Das bizarre, von psychedelischer Rockmusik untermalte, Treiben könnte durchaus einem „Haunted House-Film“ entnommen sein und reflektiert weniger die Atmosphäre eines Giallo-Thrillers wieder. Jene umrissene Szene ist freilich kein Unikat, denn die Filmcharaktere hinterlassen in unzähligen Momenten einen Eindruck, als hätten sie zuviel weißes Pulver durch ihre Nasenflügel gejagt. Man beachte Mickey Hargitays sonderbare „Spiegel-Szene“ und …. und … und …

Polsellis Film ist halt eine Belastungsprobe, die dem Rezipienten eine Eignung oder Nichteignung für dessen (Polsellis) Kabinett des Absurden attestiert. Das Skurrile, das Närrische, das fast Undefinierbare, welches „Das Grauen kommt nachts“ versprüht, kommt einem Magnet gleich, der den Zuschauer immer tiefer ins Delirium hineinzieht. Wer allerdings nach der Sichtung voreilig behauptet, dass die Abgedrehtheit, die der Film zueigen hat, nicht zu übertreffen ist, der hatte mit Sicherheit noch nicht die Möglichkeit, sich mit Polsellis „Lusthaus teuflischer Begierde“, „Mania“ oder „The Reincarnation of Isabel“ auseinander zu setzten, denn die genannten Filme maximieren den bereits eindringlich definierten und stark überschüssigen Irrsinn ins nahezu Unermessliche.

Die (bereits angesprochene) deutsche Synchronisation ist das „Speziellste“, was mir je zu Ohren kam. Wir lernen den Kartoffel und die Hyäne kennen und instinktive Verdachtsmomente verraten uns wo wild getanzt wird. Es ist teilweise unfassbar, was man den Protagonisten an Leckerlis in den Mund gelegt hat. Dieses exzentrische Dialogbuch wird (in den Internetquellen) Heinz G. Schier zugeschrieben. Hinter dem Namen versteckt sich Heinz Gerhard Schier respektive Harry Reisch. Dieser hatte Mitte der 1960er quasi im Alleingang und per Eigenverleih Filme wie „Liebe per Inserat“ und „Des Teufels nackte Tochter“ in die Lichtspielhäuser gebracht. Die angesprochenen Dialoge mit denen „Heinz Gerhard Harry Schier Reisch“ seine Zuhörer „bereichert“, animieren gleichermaßen zum Lachflash wie zum Kopfschütteln (damit meine ich kein Headbangen!). Jenes auditive Vergnügen raubt dem Film allerdings große Teile seiner eigentlichen Message, sodass dieser zu einem „Stadl der Kuriositäten“ mutiert, dessen Aussage man nicht für voll nehmen kann und darf. So wird beispielsweise während der zahlreichen Telefongespräche (hier telefoniert ständig jemand) immer die Frage „Bitte?“ in den Hörer gebrüllt. Ferner spricht der Kartoffel von und mit einer Fliege, die noch lebt.

Da jedoch nicht allein die seltsame deutsche Synchronisation für Verwunderung sorgt, sollten Logikfans und Koryphäen-Entlarver den Film (auch bei Auswahl des italienischen Originaltons) lieber nicht sichten, denn „Das Grauen kommt nachts“ wird auf euch Klugscheißer nun wirklich keine Rücksicht nehmen, sodass der erbarmungslose Fährmann des Todes seine Sense in der Tunke des gegenüberliegenden Hauses liebkost und anschließend freudestrahlend die Hyäne im Spiegel vereist, sodass der Beweis, den der Kartoffel in letzter Konsequenz in die Wiese legte, entschlüsselt werden kann, um einhergehend der Fliege zu bestätigen, dass sie tatsächlich noch lebt.

BITTE?
BITTE??
BITTE??
BITTE??
BITTE??
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Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Mo., 29.12.2025 18:40
von Kent
Der Irrsinn nimmt seinen Lauf:




Ich habe mir gestern endlich diesen Film angeschaut und bin etwas verstört. 1972 war einer der Sternstunden des Hemdendesigns, und man kann dies insbesondere bei den Polizisten sehen. Neben sehr schönen Herrenhemden kann der geneigte Zuseher auch eine gute Filmmusik erleben.
Zur Handlung hat Sid ja oben schon eine Menge geschrieben. Alle Darsteller machen ihre Arbeit vorzüglich, die Figuren sind alle rätselhaft und leben in ihrer ganz eigenen Kommunikationswelt. Alle Szenen wirken surreal. Doch hier ist eben nicht wie bei Johannes Schaafs Traumstadt eine bewusste Entscheidung, hier ist es eher eine unfreiwillige Regiearbeit. Ich habe den Eindruck, dass der Regisseur hier etwas zu viel gewollt hat. Polselli wollte wohl, dass der Zuschauer in einen Rausch gerät, nur gelingt ihm dies nicht. Dies liegt nicht nur an der schrägen deutschen Synchronisation, sondern auch einer recht wunderlichen Regie.

Es ist noch darauf hinzuweisen, dass in den verschiedenen Länderfassungen, andere Schwerpunkte gesetzt werden. In der Fassung für die USA wird wohl darauf eingegangen, dass Lyutyak (Hargitay) in Vietnam verwundert und traumatisiert wurde. Dieser Aspekt ist in der deutschen Fassung gar nicht vorhanden.

ich kann den Film den Mitgliedern des Forums uneingeschränkt empfehlen :D

Hier noch ein Link:
https://www.italo-cinema.de/item/grauen ... nachts-das

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Mo., 29.12.2025 21:48
von Dschallogucker
Der Film wurde ja schon mehrmals aufgelegt, ich hab die alte Filmart DVD von 2014.
Sichtung liegt also länger zurück, aber empfehlen kann ich ihn nicht.
Polselli ist schon sehr eigenartig, ein guter Regisseur ist was anderes.
Ich weiß nicht, ob ich mir eine 2. Sichtung nochmal irgendwann zumuten kann

Gehe aber davon aus, dass die meisten User hier den Film schon kennen.

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Mo., 29.12.2025 21:48
von Richie Pistilli
Kent hat geschrieben:
Mo., 29.12.2025 18:40
Der Irrsinn nimmt seinen Lauf: Doch hier ist eben nicht wie bei Johannes Schaafs Traumstadt eine bewusste Entscheidung, hier ist es eher eine unfreiwillige Regiearbeit. Ich habe den Eindruck, dass der Regisseur hier etwas zu viel gewollt hat. Polselli wollte wohl, dass der Zuschauer in einen Rausch gerät, nur gelingt ihm dies nicht. Dies liegt nicht nur an der schrägen deutschen Synchronisation, sondern auch einer recht wunderlichen Regie.

Es ist noch darauf hinzuweisen, dass in den verschiedenen Länderfassungen, andere Schwerpunkte gesetzt werden. In der Fassung für die USA wird wohl darauf eingegangen, dass Lyutyak (Hargitay) in Vietnam verwundert und traumatisiert wurde. Dieser Aspekt ist in der deutschen Fassung gar nicht vorhanden.

https://www.italo-cinema.de/item/grauen ... nachts-das


Den Begriff "unfreiwillige Regiearbeit" würde ich angesichts zahlreicher weiterer Werke des Regisseurs anprangern, die ebenso wie DAS GRAUEN KOMMT NACHT völlig über den Strich gebürstet sind. Polsellis Filme weisen ab etwa 1968 eine Vielzahl von gleichgelagerten Elementen auf, die seine unnachahmliche Filmkunst letztendlich ausmachten. Pure Ekstase, völlige Entfesselung, die weit bis zum Anschlag aufgerissenen Augen der paranoid agierenden Filmfiguren und der hypnotische Sog, der den geneigten Zuschauer unweigerlich in den dargebotenen Wahnsinn hineinzieht. MANIA und DAS LUSTHAUS TEUFLISCHER BEGIERDEN setzen dem Ganzen dann die Krone auf.


Was die beiden deutschen VHS-Fassungen betrifft, so meine ich mich zu erinnern, dass in beiden der Vietnam-Vorspann enthalten ist. Ich vermute daher, dass Du Dir die Hauptfassung der FilmArt-DVD mit deutscher Synchro angesehen hast, bei der es sich um die italienische Originalfassung handelt. Muss mir diesem gepflegten Wahnsinn demnächst auch mal wieder zu Gemüte führen.



Indizierungsbeschluss vom 22.10.1987:
https://www.schnittberichte.com/resourc ... te_com.pdf

Folgeindizierung vom 12.09.2012:
https://www.schnittberichte.com/resourc ... te_com.pdf

Synchronkartei:
https://www.synchronkartei.de/film/28169

Rezensionen:
https://www.nischenkino.de/delirio-cald ... mt-nachts/
http://filmclub-bali.bplaced.net/bali.p ... mmt_nachts
http://www.filmforum-bremen.de/2014/05/ ... mt-nachts/
https://badmovies.de/reviews/das-grauen-kommt-nachts




Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Di., 30.12.2025 00:21
von Prisma
Dschallogucker hat geschrieben:
Mo., 29.12.2025 21:48
Ich weiß nicht, ob ich mir eine 2. Sichtung nochmal irgendwann zumuten kann

So in etwa hatte ich das auch nach der ersten und letzten Sichtung empfunden. :mrgreen:

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Di., 30.12.2025 15:40
von Richie Pistilli
Prisma hat geschrieben:
Di., 30.12.2025 00:21
Dschallogucker hat geschrieben:
Mo., 29.12.2025 21:48
Ich weiß nicht, ob ich mir eine 2. Sichtung nochmal irgendwann zumuten kann

So in etwa hatte ich das auch nach der ersten und letzten Sichtung empfunden. :mrgreen:

Kulturbanausen! :D

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Di., 30.12.2025 17:16
von Prisma
Richie Pistilli hat geschrieben:
Di., 30.12.2025 15:40
Kulturbanausen! :D

Ich habe da eher einen Kulturschock in Erinnerung. :mrgreen:

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Mi., 31.12.2025 23:10
von Richie Pistilli
Prisma hat geschrieben:
Di., 30.12.2025 17:16
Richie Pistilli hat geschrieben:
Di., 30.12.2025 15:40
Kulturbanausen! :D

Ich habe da eher einen Kulturschock in Erinnerung. :mrgreen:

Ein Kulturschock muss aber nicht unbedingt etwas schlechtes sein... Es gibt auch positive Beispiele ;)

Bei Polsellis Filmkunst scheiden sich halt die Geister, denn entweder mag man den abstrusen Wahnsinn, den Renato voller Inbrunst in seinen Filmen zu Tage trug, oder das Ganze wirkt so verstörend, dass man wenig damit anfangen kann. Was seinen hypnotischen Inszenierungsstil betrifft, so muss festgehalten werden, dass er seine Werke schon sehr sorgfältig in Szene setzte. Hinzu gesellt sich der Enthusiasmus, den Poselli beim Dreh seiner Filme an den Tag legte. Ob man ihn mag oder nicht, seine Filmkunst war zumindest einzigartig.

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Do., 01.01.2026 18:30
von Kent
Erstmal vielen Dank für deine Recherchen Richie. Ich verstehe jetzt Polselli deutlich besser. Es kann sein, dass ich den Film einfach mit einer falschen Erwartungshaltung geschaut habe. Mein Vergleich mit Traumstadt ist vielleicht auch deswegen etwas schief, weil dort wollte ja der Regisseur ja alle Darsteller wie in einer Traumwelt darstellen. Hier hingegen ist es ja so, dass die Darsteller auch in einem eigenen Kosmos agieren, es aber schon einen Bezug zur Wirklichkeit gibt.

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Do., 01.01.2026 20:32
von Richie Pistilli
Kent hat geschrieben:
Do., 01.01.2026 18:30
Hier hingegen ist es ja so, dass die Darsteller auch in einem eigenen Kosmos agieren, es aber schon einen Bezug zur Wirklichkeit gibt.

Je nach Film löst sich dieser Bezug in seinem abstrusen Kosmos mal mehr oder weniger schnell in Wohlgefallen auf :D

Re: DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Verfasst: Sa., 03.01.2026 14:25
von Kent
unser Papst hat auch eine Kritik über den Film geschrieben und Polselli als Fußballgott gelobt 8-)
(siehe Christian Keßlers Gialli Buch, Seite 121.)