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● FOLGE 15: ZEUGENAUSSAGEN (D|1978)
mit Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Karl Obermayr
Gäste: Bruno Hübner, Maria Singer, Walter Sedlmayr, Maria Stadler, Hans Stadtmüller, Ralf Wolter, Werner Asam und Hannes Stein
Eine Produktion der Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag von ZDF | ORF | SRG
Regie: Theodor Grädler
»In der Not erinnert man sich des ungenauen Beobachters!«
Eine alte Frau wird erst mehrere Tage nach ihrem Tod aufgefunden. Die Ermittlungen ergeben, dass sie erschlagen wurde und alles deutet auf Raubmord hin. Doch leider liegt der Fall nicht so klar auf der Hand, wie zunächst vermutet, denn die Befragungen der Zeugen ergeben völlig unterschiedliche Aussagen. Dementsprechend lassen sich Tatzeit und der Kreis der Verdächtigen nicht so einfach einfassen. Eine heiße Spur stellt jedoch eine beiläufige und scheinbar belanglose Beobachtung eines kleinen Mädchens dar …
Der besonders pragmatisch klingende Episodentitel dieser 15. Folge der Reihe hört sich beinahe so an, als weise er lediglich auf eine absolute Selbstverständlichkeit hin. Kommissar Köster und sein Team waren bislang mit kaum etwas anderem beschäftigt, die verfügbaren Zeugen in die Mangel zu nehmen oder sie auch gerne einmal in eine Falle tappen zu lassen, da der Zweck schließlich alle Mittel heiligt. Was dabei herauskommt, gleicht häufig einer klassischen Wundertüte. Dass für den Titel dennoch dieser Aufhänger gewählt wurde, liegt an der einfachen Tatsache, dass die besagten Zeugenaussagen von höchst unterschiedlicher Qualität und Richtung sein werden. Häufig nicht deckungsgleich, oft ausgeschmückt, übertrieben und hin und wieder kaum plausibel, muss sich Köster durch ein Dickicht der Profilierungsgier, mangelhafter Präzision, Ungenauigkeit und Eitelkeit kämpfen, um zunächst wichtige Strohhalme zu finden, die in irgendeiner Hinsicht hilfreich sein könnten. Der Zuschauer steht in diesem speziellen Fall vor ganz ähnlichen Problemen, denn die dazugehörenden Zeugen stellen zwar eine absolute Notwendigkeit dar, sind aber nicht selten mit äußerster Vorsicht zu genießen. »Wissen Sie, das ist doch merkwürdig. Wir sind ne Großstadt und doch ist das hier noch ein Dorf!« Verblüfft und beinahe schon irritiert ist dies die wohl handfesteste Erhebung des Alten. Zu sehen ist Kleinbürgertum aus dem Bilderbuch, Gehässigkeit gegenüber jedem Nachbarn und auch die Grundausstattung des Misstrauens darf nicht fehlen. Aber man kennt sich, oder glaubt es zumindest. Natürlich darf auch die pure Neugierde nicht fehlen, die sich durch den Tag eines jeden windet, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgelebt zu werden. Natürlich diskret, denn die Nachbarn sollen ja nichts erfahren, aber jeder weiß hinlänglich, mit wem man es zu tun hat. Die Berichterstattungen wirken schlussendlich nicht nur lückenhaft, sondern zum Teil auch wie aus dem Märchenwald, allerdings weiß Köster nur zu gut, dass auch bei derartigen Erzählungen ein wahrer Kern zu finden sein könnte. Wahrzunehmen sind Leute, die sich dem Empfinden nach bereits 100 Jahre lang kennen müssen, aber unterm Strich nichts Signifikantes voneinander wissen.
Man schätzt sich nicht gegenseitig, vermutlich weil man zu viele Gemeinsamkeiten ausmachen kann, aber man braucht sich, um stets auf dem neusten provinziellen Stand zu sein. Der Dialekt und die hier angebotenen Typen lassen Theodor Grädlers Beitrag zu einer der wohl am meisten volkstümlichen Episoden der Reihe werden, die innerhalb von 100 Folgen und in dieser Beziehung nicht viel Konkurrenz bekommen sollte. Es wird geplaudert, geplappert, beschuldigt, fabuliert und unterm Strich beschädigt, aber auch beschönigt, dass sich die Balken biegen. Doch wird auch gelogen? Dies gilt es herauszufinden, und zwar unter der Federführung eines sichtlich ungeduldigen Kommissar Köster, der alles versucht, sein Nervenkostüm anzubehalten. Die Leute des Umfeldes wehren sich dagegen, Fremde in ihre gemütliche Isolation zu lassen. Vertreten sind Menschen unterschiedlichster Standes, sodass der Verdacht, dass es sich um eine der unzähligen Milieu-Studien handeln könnte, erst gar nicht aufkommen will. Dies stellt sich als großer Vorteil heraus, da die Episode authentisch wirkt und daher tatsächlich von nebenan sein könnte. Verdächtig sind jedoch alle, die es sich erlauben können, auch die vermeintlich Unschuldigen. Köster agiert auf vielen Ebenen, versucht sich anzugleichen, die Leute dort abzuholen, wo man sie dummerweise vorfindet, sodass er am Ende eins mit den Grundvoraussetzungen wird, um irgendwie weiterzukommen. Das Motiv liegt mit Raubmord eigentlich auf der Hand, doch ist es am Ende wirklich so einfach? Die Zeugen leisten Widerstand, die Aussagen stiften Verwirrung, sodass man geduldig warten muss, bis die richtige Person etwas sagt. Besetzt mit Schauspielern des Münchener Karrees, sieht man gut aufgelegte Zeugen, unter denen insbesondere Walter Sedlmayr, Maria Singer, Hans Stadtmüller, Hannes Stein oder Maria Stadler hervorstechen. Auch wenn sich bis hierhin so weit alles gut anhört, krankt Folge 15 an Intervallen des Tempoverlustes, der durch die langgezogenen Befragungen nur unterstrichen werden. Theodor Grädler vergisst im Münchener Roulette, Spannung, Tempo und etwas mehr Abwechslung einzubauen. "Zeugenaussagen" weiß am Ende zwar eigentümlich zu unterhalten, kann vergleichsweise jedoch kaum einem der Vorgänger das Wasser reichen.