DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Prisma
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DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS / SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO / SEVEN BLOOD-STAINED ORCHIDS (D|I|1971)
mit Antonio Sabàto, Uschi Glas, Petra Schürmann, Pier Paolo Capponi, Rossella Falk, Marina Malfatti, Renato Romano, Claudio Gora,
Gabriella Giorgelli, Aldo Barberito, Franco Fantasia, Bruno Corazzari, Tom Felleghy, Linda Sini, Alessandro Tedeschi und Marisa Mell
ein Rialto Film Preben Philipsen | Flora Film | National Cinematografica | im Constantin Filmverleih
ein Film von Umberto Lenzi

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»Vielleicht bist du es gewesen!«


Ein rätselhafter Mord erschüttert Rom. Eine junge Prostituierte (Gabriella Giorgelli) wird auf einem Parkplatz brutal ermordet, und am Tatort findet die Polizei in ihrer Hand das Medaillon eines silbernen Halbmonds. Zum Täter gibt es keine Hinweise. Kurz darauf geschehen weitere entsetzliche Morde an Frauen, und jedes Mal hinterlässt der Killer sein Markenzeichen. Welche Verbindung besteht zwischen den Ermordeten? Als auch Giulia (Uschi Glas) während ihrer Hochzeitsreise von dem Täter überfallen wird, tappt die Polizei vollkommen im Dunkeln da sich kein Zusammenhang herleiten lässt. Mario (Antonio Sabàto), der Mann von Giulia, versucht dem Täter auf eigene Faust auf die Schliche zu kommen und kann nach kurzer Zeit bereits einige Zusammenhänge aufdecken, doch der Mörder ist gewarnt und attackiert auch Mario …

Eine Reihe von leichten Damen wartet auf einem Parkplatz auf gute Gelegenheiten, die Finanzen merklich aufzubessern, und plötzlich fährt eine schwarze Mercedes-Limousine vor, in die das erste Opfer des Halbmond-Mörders einsteigt. Unter einer Brücke soll das Geschäft stattfinden, und noch bevor sich die nichtsahnende Marcella vollkommen entblößen kann, gibt es ein böses Erwachen, beziehungsweise gar keins mehr. »Na, gefalle ich dir nicht?«, fragt sie ihren Kunden erwartungsvoll, doch dieser hat alles andere als sein Vergnügen im Sinn. Er massakriert sie mit einer Machete und lässt sein Markenzeichen, den silbernen Halbmond zurück. Bereits in den ersten Szenen präsentiert Regisseur Umberto Lenzi seinen Film in sehr eindeutigen, beziehungsweise prosaischen Bildern und setzt dabei auf konsternierende Erlebnisse. Da die Constantin Film diesen Beitrag unter dem Edgar-Wallace-Banner vermarktete, waren es der Schocks wohl doch ein bisschen zu viel für die empfindlichen Gemüter zahlreicher treuer Fans der Serie, sodass sich der Film, zumindest in der Bundesrepublik, keines großen Zuspruches erfreuen durfte. Das Konzept des Beitrags bietet mehrere Vorteile in einem. Der Zuschauer bekommt einen packenden Thriller geboten, darüber hinaus einen hervorragenden Giallo, außerdem handelt es sich um einen spannenden, mit neuen Impulsen angereicherten Überraschungscoup innerhalb der langjährigen Wallace-Reihe. Nimmt man "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" als Giallo, so fährt man vermutlich am besten mit dieser beklemmenden Angelegenheit. Umberto Lenzi legt den Fokus auf eine größtenteils unmissverständlich wirkende Bildsprache, die Geschichte an sich wirkt lange nicht so weit hergeholt wie in vergleichbaren Produktionen, auch der Aufbau ist sehr gut strukturiert und durchdacht worden, sodass Komponenten wie Spannung, Tempo und sogar Tragik deutliche Konturen liefern.

Das Prinzip des Serienmordes garantiert eine lange, im Dunkeln liegende Geschichte mit tiefen Abgründen und ein regelrechtes Mitfiebern mit den Haupt- und Nebenpersonen, nach deren Leben ein Unbekannter trachtet. Die üppige Besetzungsliste und die recht ausgefeilte Dramaturgie liefern genügend Tatverdächtige, auch dass der Mörder hier offensichtlich keine unnötige Zeit verliert, vermittelt ein ganz klassisches Zeitdiktat. Lenzis Spielfilm hat im Gegensatz zu den im gleichen Jahr entstandenen "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" insbesondere im Rahmen der Crew kaum mehr Züge der obligatorischen, deutschen Herangehensweise zu bieten, was diesen Beitrag nicht nur zusätzlich von seinem Konkurrenten trennt, sondern ihn auch im Sinne der kriminalistischen Herangehensweise alternativ dastehen lässt, weil der Gerechtigkeit im Grunde genommen nicht Genüge getan wird. Dieser Spritzer Tragik tut dem Verlauf sehr gut und unterstreicht den Eindruck, dass man es mit sehr interessanten Charakteren zu tun hat, wobei man von einem Brillantschliff zugegebenermaßen weit entfernt ist. Das Prinzip, einen privaten Ermittler zu integrieren, erweist sich stets als gerne genommene Variante, da es sich in der Regel um einen der Sympathieträger der jeweiligen Produktion handelt, und diese Personen dem Zuschauer meistens näher sind, als sachlich und steril agierende Urgesteine der Polizei, deren Rolle auch hier zugunsten der Protagonisten untergeordnet wurde. Der Polizeiapparat und ganz Rom steht vor einem Rätsel, Anhaltspunkte werden mühsam wie in einem Puzzlespiel zusammengetragen, bis sich erste Erkenntnisse manifestieren. Jedoch wird diese verstreichende Zeit ihre Opfer fordern und die Mordszenen wurden spektakulär, und reichlich brutal in Szene gesetzt. Serienmord bedeutet nicht gleichzeitig, dass es sich immer um dieselbe Vorgehensweise handeln muss, nur der silberne Halbmond wird als Markenzeichen hinterlassen, um eine Kausalität zu demonstrieren.

Das Ziel ist der Tod, jedoch beinhaltet der Weg dort hin eine, für den Mörder wichtige Kleinigkeit. Er will seine Opfer vorher quälen, er möchte, dass sie vorher mit ihm konfrontiert werden. Der Halbmondmörder will die Todesangst sehen um im Rahmen der Rache Genugtuung verspüren zu können. In diesem Zusammenhang sind die sehr nüchtern, und nicht minder atmosphärischen Ermordungsszenen zu erwähnen und natürlich die beteiligten Schauspielerinnen. Umberto Lenzi beweist hierbei eine gute Dosierung im Spektrum der Vorgehensweise. Manche Morde werden nahezu exemplarisch auf einem Silbertablett serviert, gepfeffert mit einigen Gewaltspitzen und brutalen Details. Auf der anderen Seite sieht man bestimmte Tathergänge nicht, sodass sie sich in der Fantasie abzuspielen haben, was unter Umständen noch viel intensivere Blüten treiben wird. Die Chronologie des Todes eröffnet die Prostituierte Marcella, gespielt von der überaus attraktiven Gabriella Giorgelli, die ein ziemlich erbarmungsloses Ende finden wird. Die Tatsache, dass sie wenig später als einfaches Mädchen mit gutem Herzen charakterisiert wird, erzeugt Mitleid, außerdem entsteht eine globale Fassungslosigkeit, wenn sich am Ende herausstellt, wer sein bitteres Ende überhaupt nicht verdient hatte. Kathy Adams, ein Partygirl, versehen mit dem passenden Gesicht von Marina Malfatti, wird genau wie die psychisch labile Elena Marchi alias Rossella Falk, vor ihrem Tod gequält. Die Mordmethoden sind eigentlich wahllos und daher stets unterschiedlich. Zwischendurch bekommt der Zuschauer eine rasant geschnittene Messer-Attacke auf Uschi Glas zu sehen, jedoch sind die Szenen von Petra Schürmann und Marisa Mell in diesem Zusammenhang die eindringlichsten geworden. Der Mord an Concetta di Rosa geschieht im Off-Screen, wirkt aber umso bestürzender aufgrund des Settings Kirche und Beichtstuhl, wenn man bedenkt, wie sich das Ganze wohl abgespielt haben muss. Maria Sartori hingegen muss genau wie der Zuschauer eine barbarische Bekanntschaft mit einer Bohrmaschine machen, und diese Aktion wird sich am nachhaltigsten in die Erinnerung einbrennen.

Ein Frauenmörder wählt sich also seine Opfer anscheinend völlig zusammenhanglos aus, sie kannten sich nicht, sie hatten eigentlich nichts gemeinsam, doch der Schlüssel zur Lösung wird dem unfreiwilligen Ermittler-Duo Antonio Sabàto und Uschi Glas zugespielt. Erneut steht die Polizei ziemlich hilflos im Gesamtgeschehen da, es geschehen tödliche Fehler, wohlgemerkt für die anderen, aber auch die Dramaturgie offeriert in dieser Richtung ein paar kleinere Ungereimtheiten. Geschenkt, kann man sich sagen, da sich der Film durchaus bemüht, einen realen, greifbaren Transfer herzustellen, denn Mörder, Opfer und Polizisten sind ja sozusagen auch nur Menschen. Die Rollenverteilungen wirken insgesamt strikt voneinander abgegrenzt und sind - wenn man so sagen darf - recht italienisch, angesichts des Aufbaus von männlich-weiblichen Konstellationen und der Unterteilung in Haupt- und Nebenrollen. Die meist kurzen Auftritte von vielen Schauspielern garantieren einen sehr flexiblen Erzählfluss, es entsteht der Eindruck, dass ständig etwas Neues passiert, auch wenn man den roten Faden der Geschichte stets vor Augen hat. "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" liefert insgesamt ein hervorragendes Gesamtbild, vor allem im stilistischen Sinn. Die aufmerksame Kamera wird in Verbindung mit der präzisen Montage zum Volltreffer und ist hauptsächlich an Prosa interessiert, verliert dabei allerdings auch nicht den Sinn für die Schönheit. Vor allem die bemerkenswerte musikalische Unterstützung von Riz Ortolani wird hierbei zum klassischen Verstärker und man bekommt ein sehr rundes, in sich abgeschlossenes Gesamtpaket geboten, dessen klarer Aufbau immer wieder überzeugend wirkt. Genau betrachtet, handelt es sich bei Lenzis Film um einen eher konservativen Giallo, aber auf der anderen Seite um einen progressiven Wallace, sodass man ihn - um allen Seiten gerecht zu werden - vielleicht Wiallo nennen kann.

Last but not least sind die Personen zu nennen, die hier ebenfalls wichtige Überzeugungsarbeit leisten. Antonio Sabàto als Modezeichner Mario macht einen hervorragenden Eindruck. Sein junges Glück wird direkt von schwarzen Handschuhen bedroht, die Macheten, Messer, Telefonkabel oder Bohrmaschinen auswählen, um die Opfer damit zu beseitigen. Sabàto wirkt souverän und agil und es besteht eigentlich kein Zweifel, dass er den Wettlauf gegen die Zeit nicht gewinnen könnte. Neben ihm sieht man eine Uschi Glas, die glücklicherweise in die Reihe hineinwachsen konnte und somit eine reife Leistung offeriert. Im Sinne einer italienischen Frauenrolle wirkt sie vielleicht etwas zu bourgeois, weiß aber insgesamt zu überzeugen, wenn nicht sogar zu gefallen. Viele Gegenspielerinnen im Sinne von Ausstrahlung und Exposition können ihr dennoch das Wasser nicht abgraben. Marisa Mells Auftritt ist kurz gehalten worden, aber aufgrund der Anlegung und Bedeutung ein wichtiges Puzzlestück für die Story, außerdem präsentiert sie einen regelrechten Rundumschlag aus ihrem ausgiebigen Repertoire. Pier Paolo Capponi als Inspektor zeichnet eine sehr überzeugende Variante des strebsamen Polizisten, dem man ansieht, dass ihn die Arbeit über all die Jahre desillusioniert hat, und dem trotz aller Planung und Organisation manchmal Fehler unterlaufen können. Die kurzen bis ultrakurzen Auftritte von beispielsweise Petra Schürmann, Claudio Gora, Renato Romano, Marina Malfatti oder Gabriella Giorgelli bescheren Wiedersehensfreude und Präzision. Insgesamt bietet "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" alle schmackhaften Zutaten, die ein überzeugender, kurzweiliger und packender Film braucht. Die Tatsache, dass sich alles, aber wirklich alles nur um eine Kettenreaktion tödlicher Irrtümer handelt, kann letztlich sogar etwas nachdenklich zurücklassen. Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist und bleibt einer meiner Lieblingsfilme.

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● DAS MÄDCHENINTERNAT - DEINE SCHREIE WIRD NIEMAND HÖREN / SCHOOL'S OUT 2 - DIE INSEL DER ANGST (D|2000) [TV]
mit Katharina Wackernagel, Barnaby Metschurat, Anne Kanis, Luise Bähr, Alexandra Finder, Lilia Lehner, Nezâ Selbuz,
Friederike Kempter, Carlheinz Heitmann, Christoph Gareisen, Wigand Witting sowie Karin Giegerich und Annette Kreft
eine Produktion der Real Film | im Auftrag von RTL
ein Fernsehfilm von Robert Sigl

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»Er ist hinter mir her. Sogar hier!«


Nina (Katharina Wackernagel), traumatisiert durch die Morde an ihren Freunden, wird von ihren Eltern in ein exklusives Sanatorium auf einer abgelegenen Insel vor der bretonischen Küste geschickt, um die schrecklichen Geschehnisse aufzuarbeiten. Die Leiterin, Professor Meiring (Annette Kreft), ist berüchtigt für ihre Konfrontationstherapie, die auch den sechs Mädchen vor Ort oft schwer zusetzt. Um das alte Gemäuer, ein ehemaliges Kloster, hält sich eine hartnäckige Legende, dass es alle zehn Jahre zur Walpurgisnacht vom Geist der einstigen Äbtissin heimgesucht wird. Plötzlich wird eine unheimliche Gestalt im Habit einer Nonne gesichtet und eine der jungen Patientinnen verschwindet spurlos …

Nach Robert Sigls "Schrei - denn ich werde dich töten!", der bei Ausstrahlung auf RTL zum großen Quotenerfolg avancieren konnte, war das Platzieren eines zweiten Teils nach einem guten Jahr Pause eine logische Konsequenz, wobei es sich bei "Das Mädcheninternat - Deine Schreie wird niemand hören" in erster Linie um eine nominelle Fortsetzung handelt. Ausgestrahlt im Januar 2001, bekommt das Publikum einen handwerklich identisch angepackten Film präsentiert, der schemenhaft an die Ereignisse des Vorgängers erinnert, um jedoch mit Elementen des Gothic-Horrors eigene Wege einzuschlagen. So offenbart sich eine interessante Mischung aus Erwartung und Überraschung, deren größter Vorteil die durchgehende Spannung ist. Es werden gedankliche und visuelle Brücken zur Vergangenheit gebaut, die als Grundsubstanz für die hier in isoliertem Setting aufgerollte Geschichte dienen. Nina soll die schrecklichen Ereignisse der tödlichen Abi-Feier verarbeiten und wird von ihren Eltern in ein exklusives Sanatorium auf einer Insel geschickt. Die Abgeschiedenheit soll ihr und den anderen jungen Frauen helfen, ein Sicherheitsgefühl zu erlangen. Da alle von ihnen traumatische Erfahrungen mit Männern gemacht haben, sind diese auf der Insel kurzerhand unerwünscht. Um das alte Gemäuer, welches einst ein Kloster war, türmen sich zahlreiche Mythen, die hier als Nährboden für die bevorstehende Mordserie dienen werden. Auf dem Eiland befinden sich neben der Leiterin sechs Patientinnen und eine Hausdame. Ein Bootsmann versorgt das Haus mit allem Nötigen und wenig später taucht eine Art Revisorin auf, die gemeinsam mit Ninas Freund zur Insel kommt. Der Kreis der Verdächtigen ist somit zwar deutlich eingeschränkt, doch es bleibt trotz dieser Übersichtlichkeit fesselnd, auch wenn sich die Anzahl der Personen nach und nach dezimiert. Indizien, die zum Täter führen, sind früh zu erkennen, doch die Geschichte profitiert enorm von ihrer unheimlichen Aura, vor allem wenn die Nonnengestalt auftaucht und ihren Opfern aus dem Hinterhalt auflauert. Diese und andere Szenen erinnern beinahe an große und atmosphärische Vorbilder des italienischen Giallo, hier zwar im TV-Gewand, aber das Ganze verfügt über eine hohe Intensität. Das Setting beherbergt interessante Charaktere, unter denen sich kaum vertrauenswürdige Gesichter erkennen lassen, was letztlich viele Möglichkeiten offenlässt. Im Sanatorium herrschen strenge Regeln, die von den jungen Patientinnen jedoch bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausgehebelt werden, allerdings nicht nur von ihnen selbst.

Die Leiterin des Hauses ist berüchtigt für ihre alternativen Therapiemethoden, von denen sich die Professorin eine Art Heilung über Konfrontation oder Schock verspricht. So liegt der Fokus natürlich hauptsächlich auf Ninas Schocktherapie, die auch beim Publikum für Unbehagen sorgt. Katharina Wackernagel setzt in dieser Fortsetzung genau dort an, wo sie aufgehört hatte und bietet sympathisches, solides und in den wichtigen Momenten dynamisches Schauspiel zum Miteifern an. Schnell empfindet man es ebenso wie Nina fragwürdig, ob die Therapiepraktiken von Professor Meiring nicht über das anvisierte Ziel hinausschießen, doch diese bekommt eine Wachhündin vor die Nase gesetzt, die nicht müde wird, die Dame im Rollstuhl zu kritisieren. Meiring bleibt erstaunlich sachlich und ruhig, demonstriert dabei eine beeindruckende Unbeirrbarkeit. Hervorragend gespielt von Annette Kreft, die sich unter anderem einen Namen durch 139 Episoden in der Serie "Lindenstraße" machen konnte, tun sich geschickt Verdachtsmomente auf, die eine eigenartige Symbiose mit Vertrauenswürdigkeit eingehen. Irgendwie scheint hier jeder unter Kuratel zu stehen, die meisten sogar unter Verdacht des Zuschauers, sodass ein klassisches Kombinieren in Gang gesetzt werden kann, was die Daueraufmerksamkeit unterstützt. Natürlich sind auch hier etliche Momente zu finden die über das Ziel hinausschießen, was sich vor allem und erneut auf zu derb konstruierte Inhalte und visuelle Eindrücke bezieht, sodass man sich schon ein paar imaginäre Verbesserungsvorschläge im Kopf zurechtrückt. Dies tut dem Unterhaltungswert jedoch insgesamt keinen Abbruch, zumal sich die Architektur der Geschichte vor allem thematisch gesehen in produktiver Weise vom Vorgänger entfernt, ohne sich jedoch komplett zu distanzieren. Im Gros kommt einem der Film im Vergleich weniger blutig aber nicht minder brutal vor und einige Effekte wirken genauso übertrieben, doch man kann das Angebot aufgrund überwiegender Vorzüge sehr gut annehmen. Verdachtsmomente gehen reihum, Karten werden neu gemischt, Dezimierungen rücken das Geschehen wieder in die imaginäre Realität zurück. Findet man hier den Schlüssel zur Vorhersehbarkeit, kommt es zu der erstaunlichen Erkenntnis, dass sie dem Gesamtangebot kaum etwas anhaben kann, da der Unterhaltungswert stimmt, die Spannung kaum signifikante Einbrüche verzeichnet und das Ganze im Endeffekt gut bis annehmbar vorgetragen wirkt, sowohl hinter und vor der Kamera. Am Ende ist "Das Mädcheninternat - Deine Schreie wird niemand hören" vielleicht interessanter geworden, als der erste Teil.

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Prisma
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Michael Rennie   Karin Dor   Craig Hill   in

DRACULA JAGT FRANKENSTEIN


● LOS MONSTRUOS DEL TERROR / DRACULA JAGT FRANKENSTEIN / OPERAZIONE TERRORE (E|D|I|1970)
mit Patty Shepard, Ángel del Pozo, Paul Naschy, Manuel de Blas, Gene Reyes, Diana Sorel, Peter Damon, Ferdinando Murolo und Ella Gessler
eine Produktion der Producciones Jaime Prades | Eichberg-Film | International Jaguar Cinematografica | im Verleih der Columbia-Bavaria
ein Film von Hugo Fregonese, Tulio Demicheli und Eberhard Meichsner

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»Wäre es nicht einfacher sie auszurotten?«


Ummo, der Planet einer körperlosen außerirdischen Macht, droht den Gefrierpunkt zu erreichen. Da es nicht rechtzeitig möglich war, eine künstliche Sonne zu erschaffen, ist man gezwungen, nach einem geeigneten Ausweichplaneten zu suchen, sodass die Auswahl auf die 14 Lichtjahre entfernte Erde fällt. Um diese möglichst intakt in die Gewalt zu bekommen, verfolgt der Abgesandte der fremden Macht, Doktor Warnoff (Michael Rennie), einen teuflischen Plan. Mithilfe seiner Assistenten Maleva (Karin Dor), einer bei einem Autounfall tödlich verunglückten Biochemikerin, und Kirian (Ángel del Pozo), einem bei Kampfhandlungen getöteten Chirurgen, will er die Menschheit vernichten. Zu diesem Zweck bedient er sich einer weit verbreiteten Krankheit: dem Aberglauben. Nach und nach lassen die Wissenschaftler eine Reihe von Monstern wieder auferstehen. Ein Werwolf, Frankensteins Monster, Graf Dracula und die Pharaonenmumie sollen den tödlichen Plan verwirklichen, damit Doktor Warnoff selbst nicht unter Verdacht gerät …

Verwundert nimmt man bei "Dracula jagt Frankenstein" zur Kenntnis, dass sich offenbar gleich drei Herren den Regiestuhl teilen mussten, was zunächst für einen recht konfusen Eindruck sorgen möchte. So wird der Produktion gerne vorgeworfen, dass man diese unterschiedlichen Herangehensweisen in aller Deutlichkeit zu spüren und zu sehen bekommt, was die teils puzzleartigen Handlungsstränge ungeniert belegen werden. Aber was wäre das einschlägig bekannte Film-Universum ohne derartige Experimente der eigenwilligeren Sorte, die einfach nur hemmungslos den Unterhaltungssektor bedienen und insgesamt einen besonders eigenwilligen Charme zu vermitteln wissen? Von Beginn an hört sich die Geschichte ungemein interessant an und es entsteht der Eindruck, dass man es mit einer Art Aufschlüsseln des Aberglaubens oder vielmehr dessen Anatomie zu tun bekommen wird. Dieses Interesse hält sich zugunsten nett anzusehender, reißerischer Veranschaulichungen deutlich in Grenzen und die Triple-Regie-Spitze konzentriert sich auf das Wesentliche, denn spätestens, wenn man alle Warnoff'schen Monster und dessen mordlüsterne Exemplare aus dem Labor zu Gesicht bekommen hat, weiß man, wohin die Reise geht, beziehungsweise gehen muss. "Dracula jagt Frankenstein" wirkt in vielerlei Hinsicht faszinierend und sogar über weite Strecken überzeugend, wenngleich dies auch an den immer wieder gerne vermittelten Inhalten der überzogenen Sorte liegen mag. Kurzweilig ist diese Expertise hastigen Inszenierens aber allemal, und man wird quasi immer wieder gerne dazu verleitet, sich diesen gut bekömmlichen Beitrag aus dem Schreckenskabinett anzuschauen, denn bei allen Eindrücken ist eine angenehme Dosierung im Spektrum einer vollen, prallen, überspitzten Dosis betäubender Bilder und verzerrter Charaktere wahrzunehmen.

Karin Dor hat einen eigenartigen Einstieg in das Szenario, nämlich als Leiche, die für die Zwecke der fremden Macht pracktischerweise reanimiert wird. Gleich nach dem Vorspann ist sie schön wie eh und je zu sehen, wenngleich sie im Sinne der Geschichte etwas unterkühlt wirken muss. Man darf sich berechtigterweise fragen, wie eine Schauspielerin von Karin Dors Format in einem derartigen Experiment gelandet sein mag, was sie sich zweifellos selbst gefragt haben wird, aber insbesondere ihre späten Rollen und Charaktere bieten einen besonderen Reiz, da sie ein deutlich alternativ angelegtes Repertoire anzubieten wusste. Zwar sind schauspielerische Exzesse hier bei Weitem kaum erforderlich, aber ihre Rolle wirkt alles andere als uninteressant, wenngleich auch nicht besonders schlüssig, was aber nicht weiter stört, denn schließlich kann man sie auf eher ungewohntem Terrain begleiten. Karin Dor reichert das düstere Geschehen mit viel Verve und diskreter Erotik an - man sieht sie sogar in zwei braven Liebes- und Bettszenen. Insgesamt zeigt die Deutsche eine gute Mischung im Wechsel von erforderlich sparsamen Emotionen und ungewollt temperamentvollen Zuständen, die ihre Ratlosigkeit und Unsicherheit gut herausarbeiten. In der Riege von Doktor Warnoffs gehorsamen Maschinen wird sie im Verlauf noch indirekt die gefährlichste von allen werden. Insgesamt mutet die Rolle der Maleva oberflächlich an, und dieser Eindruck entsteht hauptsächlich durch eine im Geschehen relativ ausgeprägte Screentime, die im Kontrast zu einer auffälligen Dialogarmut steht. Eine besonders starke Szene entsteht, als sie an Warnoffs skurrile Sequenz-Maschine angeschnallt wird, bis zum Wahnsinn herumschreit und in bizarrer Art und Weise die Augen verdreht. Letztlich erkennt man die wirklichen Fähigkeiten eines Künstlers vor allem in vermeintlich schwächeren Filmen oder alternativen Anforderungen, wenn trotz allem der Eindruck einer besonderen Leistung vermittelt wird.

Der Brite Michael Rennie als Dr. Warnoff überzeugt vor allem durch seine physische Erscheinung, denn darstellerisch hatte er gewiss andere Sternstunden erlebt, wie beispielsweise in dem Klassiker "Der Tag an dem die Erde stillstand". Sicher ist dies auch der Anlegung seiner Rolle geschuldet, denn man durfte sich schließlich keine Emotionen erlauben. So agiert er starr und größtenteils unempfindlich. Der unbeirrbare Wissenschaftler erscheint in vielen Großaufnahmen und spätestens beim Zoom auf seine leeren, kalten Augen weiß man, dass er einem seiner Monster wieder telepathische Befehle erteilt. Seiner Figur fehlt insgesamt leider ein bisschen der rote Faden und sie hätte deutlich rücksichtsloser dargestellt werden müssen, um für zusätzlichen Schrecken zu sorgen. Craig Hill als Inspektor Tobermann liefert eine sehr diffuse Ermittlungsarbeit und kann schließlich größere Erfolge bei den Damen feiern, die schöne Patty Sheppard erweist sich dabei als geeignetes Objekt der Begierde. Bei den besonderen Leistungen wären schließlich noch die Monster des Doktors zu erwähnen. Zunächst ist einmal zu betonen, dass die Maske in diesen vier Fällen bei einem Streifen geringeren Budgets ein ordentliches Ergebnis abliefern konnte. Abgesehen von zahlreichen Momenten, die zwischen Schrecken und Humor hin- und herspringen, was zwangsläufig von allen Exemplaren aus dem Schreckenskabinett Warnoffs ausgeht, sind sie im Endeffekt überzeugend hergerichtet und teils beunruhigend in Szene gesetzt. Insbesondere die vertrocknete Pharaonenmumie sorgt für sehr starke Momente, wenn sie ihre Opfer mit versteinertem Blick anvisiert und unbeirrbar Befehle ausführt. Paul Naschy als verantwortlicher Drehbuchautor und unberechenbarer Werwolf Waldemar Daninsky löst seine Aufgabe angemessen, wenn auch obligatorisch, und es macht letztlich Spaß, dieser Besetzung von A bis C zu folgen.

Insgesamt kommt dieses verlockende Spektakel schnell auf Touren und beschäftigt das Publikum über weite Strecken damit, wie die Monster ausfindig gemacht, reanimiert, zusammengebastelt und natürlich an geeigneten Objekten getestet werden. Warum, weshalb, wieso? Diese Frage beantwortet sich bei "Dracula jagt Frankenstein" entweder von selbst oder eben gar nicht. Leider wird nach kurzer Zeit die Grundidee des Films rund um die Absichten der außerirdischen Gefahr nach Nirgendwo verdrängt und es geht nur noch darum, das Versprechen des Filmtitels möglichst greifbar und spektakulär einzuhalten. Dass sich Frankensteins Monster und Co. gegenseitig ohne Ende hassen, kommt dabei wie gerufen und man darf Zeuge von einigen halsbrecherischen bis amüsanten Vorstellungen werden, die glücklicherweise nicht unnötig in die Länge gezogen wurden, sodass die Geschichte nicht gestreckt wirkt. Pionierarbeit im Bereich atmosphärischer Dichte leistet dabei die bemerkenswert anpassungsfähige Musik, die jeder erdenklichen Situation zahlreiche Gesichter verleiht. Ansonsten sind alle nötigen Zutaten vorhanden, die einen kurzweiligen Run ausmachen. Obskure Apparaturen vom anderen Stern und eine obligatorische Herz-OP werden zu Hinguckern, es wird laboriert und diesbezügliche Fragen werden einfach ignoriert, einige Folter-Kostproben und ein wahnwitziger Plan liefern Konturen, außerdem gibt es ein altes Schloss mit dunklen Gewölben, Särge werden geplündert und mit neuen Leichen ausstaffiert, kleine Kostproben von mörderischen Demonstrationen sollen den Zuschauer gruseln und bei Laune halten, und ein Bumerang-Effekt bahnt ein vorhersehbares Ende an. "Dracula jagt Frankenstein" ist und bleibt zu jeder Tages- und vor allem Nachtzeit gut bekömmlich und als Fazit lässt sich sagen, dass es alleine schon bemerkenswert, beziehungsweise noch schöner ist, dass Filme in dieser Fasson überhaupt existieren.

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PARAPSYCHO - SPEKTRUM DER ANGST


● PARAPSYCHO - SPEKTRUM DER ANGST | EPISODE 3 | TELEPATHIE/HYPNOSE (D|1974)
mit Mathieu Carrière, Alexandra Drewes-Marischka, Helmut Förnbacher, Jane Tilden, Edwige Pierre, Heinz Marecek, Guido Wieland, Harry Hardt
eine Produktion der TIT Film | im Verleih der Cinerama Filmgesellschaft
ein Film von Peter Patzak

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»Warum halten wir alles für tot, was nicht so lebt, wie wir das Leben leben?«


Barbara (Alexandra Drewes-Marischka) und Michael (Helmut Förnbacher) sind jung vermählt und begeben sich in die verdienten Flitterwochen. Die harmonische Zweisamkeit findet jedoch ein abruptes Ende, denn Barbara ist plötzlich spurlos verschwunden. Michael begibt sich verzweifelt auf die Suche nach seiner Frau. Ist sie entführt worden? Barbara hat selbst das Weite gesucht, denn sie fühlt sich zu Maler Mario (Mathieu Carrière) hingezogen, der eine abartige Neigung hat. Mithilfe von telepathischen Befehlen lockt er junge, hübsche Frauen in sein Atelier, um sie sich in jeder Beziehung gefügig zu machen. Sein hypnotischer Einfluss kennt keine Grenzen und kein Erbarmen. Für die junge Braut beginnen Tage der Angst und der Qual. Als Mario seine Wohnung verlässt, taucht seine Mutter (Jane Tilden) auf, um Barbara aus dieser Lusthölle zu befreien. Wie wird Mario reagieren?

»Gruseliges, Grauseliges, Unheimliches und Unerklärliches passierte bei den Dreharbeiten zu dem Film "Parapsycho - Spektrum der Angst", der sich mit eben diesen Phänomenen des Übersinnlichen befasst und auseinandersetzt. Das Team, Hauptdarsteller wie Filmemacher, erlebten eine wahre Serie von geheimnisvollen Vorfällen, die bis zum beklagenswerten Tode eines Darstellers einer Nebenrolle reichte. Ein fünfzigjähriger Mann namens Wiesinger war zwei Tage nachher plötzlich tot.« Ob sich mit diesen Anmerkungen und angeblichen Geschehnissen tatsächlich eine Kausalität ableiten lässt, bleibt ungewiss, am Ende fühlen sich derartige Notizen im Reich der Mythen jedoch wohl. Unterm Strich macht es der Regisseur Peter Patzak seinem Publikum vielleicht nicht besonders leicht, seinen Film bedingungslos anzunehmen oder gar zu mögen, jedoch fällt die Entscheidung über die persönliche Lieblingsepisode dieser Veranstaltung nicht gerade schwer, zumal es unterschiedlicher nicht zugehen könnte. Innerhalb der "Parapsycho"-Triangel bleibt Episode 3 vielleicht diejenige, die am meisten greifbar erscheint, auch wenn die thematische Staffage hier über die Maßen in die Vollen greift. Aber der Wahnsinn kennt bekanntlich keine Grenzen, sodass diese Geschichte ihre Trigger und Reize bereitwillig preisgibt, noch bevor man erahnt, wo diese strapaziöse Reise eigentlich hingehen wird. Die Regie geht hier wesentlich offensiver und brutaler vor, wenngleich sich dies hauptsächlich auf die psychologische Ebene bezieht, die im Rahmen der Möglichkeiten transparent gemacht wird, um sie in gleichen Atemzügen wieder in einen verschleiernden Nebel zu hüllen. Wie in unzähligen Geschichten ist ein Irrer am Werk, der von Hauptdarsteller Mathieu Carrière eine beängstigende Aura verliehen bekommt. Seine Darbietung ist in besonderem Maße erstaunlich wie beunruhigend, da hier Abscheu und Faszination eine verwirrende Allianz eingehen. Im Verlauf gibt er seiner Figur des Mario immer wieder unterschiedliche Gesichter, sein Opfer wird indirekt zum Sprachrohr seiner Perversion und einer grenzenlos erscheinenden Brutalität, er lässt einem buchstäblich das Blut in den Adern gefrieren.

Ebenso verwunderlich wie in den zwei vorigen Episoden ist, dass einige der Darsteller Szenen haben, in denen sie direkt in die Kamera schauen, um den Zuschauer zusätzlich zu strapazieren. Dass man hier allerdings unmittelbar angesprochen wird, ob fragend, verzweifelt, lethargisch oder drohend, eine bestimmte Wirkung bleibt nicht aus. Gerade in der letzten Einstellung, in der Mathieu Carrière plötzlich einen Blickkontakt mit dem Publikum herzustellen versucht, lässt einen quasi zusammenzucken. Er suggeriert, dass er jeder, und überall sein könnte, und dass es sich um eine Person handelt, die es tatsächlich geben könnte. Im Verlauf zieht er jedenfalls mit Partnerin Alexandra Drewes-Marischka alle erdenklichen und undenkbaren Register, die Strapaziöses unter ihm zu leisten hat. Bei der Interpretin handelt es sicherlich um eines der schönsten und aufregendsten Geschöpfe des zeitgenössischen Kinos und TV, doch leider trat sie immer nur sporadisch in ausgewählten Rollen auf. Marischka agiert hier genau so, wie man es von ihr hinlänglich gewöhnt war. Beinahe wortlos agierend, verlässt sie sich auf ihre dominante Aura und im Endeffekt ist sie es, die die großen "PSI"-Momente kreiert, nicht zuletzt, weil ihr das fulminante Finale gehört. Sie und Mathieu Carrière stellen schon ein atemberaubendes Gespann dar. Des Weiteren zeigt sich Helmut Förnbacher von einer überaus angenehmen, soliden Seite, auch Jane Tilden stellt ihr Können einmal fernab ihres Rollen-Abonnements unter Beweis, was ebenso überraschend wie erfrischend wirkt. Die Personen des Szenarios wirken beinahe allesamt ungewöhnlich kalt und zurückweisend, und dabei spielt es kaum eine Rolle, auf welcher Seite sie auszumachen sind. Das Script reißt die Beweggründe lediglich vage an, sodass dem Zuschauer eine Vielzahl an Möglichkeiten offensteht, eigene Schlüsse zu ziehen. Auch wenn man viele Hintergründe nicht klar bewerten kann, sieht man sich in einer Abwärtsspirale gefangen, die immer bizarrere Kreise zieht. Die Hauptfigur Mario betreibt ein teuflisches Hobby, indem er junge Frauen per telepathischem Befehl in seine Wohnung lockt, um diese dort sexuell auszubeuten.

Die Veranschaulichungen in dieser Lusthölle stellen innerhalb der drei Episoden sicherlich die freizügigsten dar, können aufgrund ihrer brisanten Inszenierung überzeugen, zumal sie optimal mit der angebotenen Thematik verschmelzen. Schon bald kommt es zum buchstäblichen Absturz, und zwar dann, wenn der perverse Maler genug von seinen Spielzeugen hat, die ihn unter normalen Umständen wahrscheinlich demütigend auslachen würden. Eigentlich lässt "Parapsycho - Spektrum der Angst" alle Fragen - die der Film selbst aufgeworfen hat - relativ offen, kommt daher nur schwer über die hohen Klippen hinweg, übernatürliche Phänomene rund um Telepathie oder Hypnose aufzuklären oder transparent zu machen. Peter Patzak macht allen Unkenrufen zum Trotz sozusagen seine ganz eigene Wiener Melange daraus und lässt den Zuschauer entscheiden, ob das Angebot reichhaltig und unterm Strich zufriedenstellend ist. Auch ohne konkrete Aufklärung wirkt es nicht weiter tragisch, wenn offene Fragen im "PSI"-Universum zurückbleiben, die aber bei einer intensiven persönlichen Auseinandersetzung eigenständig in das rechte Licht gerückt werden. Da die Bild-Kompositionen hart, steril und kalt wirken, kommt eine ganz besonders dichte und unbehagliche Atmosphäre auf, die Kamera-Einstellungen begünstigen den experimentellen Charakter dieser Folge zusätzlich, die eigenwillige Ausstattung unterstreicht den Eigensinn der Hauptfigur, und als außergewöhnlich gut gelungen ist die Musik von Richard Schönherz und Manuel Rigoni zu bezeichnen, denn sie untermalt nicht nur schwere Stimmungen, sondern fabriziert sie regelrecht; eine akustische Untermalung wie geschaffen für einen deutlichen Nachhall, den man hier eindeutig verspüren wird. So oder so. "Parapsycho - Spektrum der Angst" schließt den Kreis letztlich mit einer hochinteressanten und brisanten Episode, die nicht selten als die gelungenste des Films eingestuft wird, weil sie auch im Konkurrenzkampf mit anderen Filmen das gewisse Etwas zu bieten hat. Die Hauptakteure Alexandra Drewes-Marischka und insbesondere Mathieu Carrière setzen diesem hypnotischen Treiben buchstäblich die Krone auf.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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IN 3 TAGEN BIST DU TOT


● IN 3 TAGEN BIST DU TOT (A|2006)
mit Sabrina Reiter, Julia Rosa Stöckl, Michael Steinocher, Nadja Vogel, Laurence Rupp, Julian Sharp, Andreas Kiendl, Susi Stach,
Michou Friesz, Konstantin Reichmuth, Claudia-Sofie Jelinek, Karl Fischer, Amelie Jarolim, Michael Rastl, Raimund Wallisch, u.a.
eine Produktion der Allegro Film | Filmförderung des Landes Österreich | Filmfonds Wien|
Österreichisches Filminstitut | ORF Film/Fernsehabkommen | im Delphi Filmverleih
Ein Film von Andreas Prochaska

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»Geh leck mi doch am Oasch!«


Nina (Sabrina Reiter) und ihre Freunde sind nach bestandener Matura in ausgelassener Feierlaune, die allerdings nicht von langer Dauer ist. Von einem Unbekannten bekommen sie Nachrichten per SMS geschickt, in denen angekündigt wird, dass sie in drei Tagen tot sein werden. Das erste Opfer ist Ninas Freund Martin (Laurence Rupp), der bei lebendigem Leib in einem See versenkt wird. Das brutale Vorgehen des Killers versetzt alle in Schockstarre und Nina und ihren Freunden ist völlig klar, dass jeder das nächste Opfer sein könnte. Es beginnt ein Davonlaufen vor der Vergangenheit …

Andreas Prochaskas Antwort auf bekannte US-amerikanische Teenie-Slasher konnte sich vor allem in Österreich als großer Überraschungserfolg etablieren und lockte dort weit über 80.000 Zuschauer in die Kinos. Vielleicht verhält es sich bei dieser Produktion im Vorfeld tatsächlich so, dass man ihr mit einer guten Portion Skepsis begegnet, da einem das Vorstellungsvermögen in Richtung eines überzeugenden Vertreters fehlt, aber die Regie belehrt den Zuschauer schnellstens eines Besseren. Die in Mundart gedrehte Produktion ist überwiegend mit bis dato unerfahrenen Darstellern besetzt, was sich zum großen Plus der Geschichte entwickelt, da eine sehr angenehme Leichtigkeit in Kombination mit Unbefangenheit aufkommt. Es ist gut möglich, dass der mit zahlreichen staatlichen und öffentlichen Mitteln finanziell geförderte Film im Vorfeld nicht als potenzieller Hit gehandelt wurde, aber die überraschend gute Umsetzung sowie die dichte Dramaturgie lassen ihn im Genre keineswegs untergehen. Jugendliche erreichen mit der Matura einen neuen Meilenstein des Lebens, die Ausgelassenheit ist groß, wird jedoch durch einen tödlichen Vorboten im Rahmen eines Wildunfalls getrübt. Bei dieser Gelegenheit lernt man die Protagonisten und ihre charakterlichen Eigenschaften kennen, was sehr flüssig vonstattengeht. Alles wirkt selbstverständlich kleiner als in amerikanischen Blockbustern, aber das hier angebotene bürgerliche Ambiente sorgt sogar für den Eindruck, dass hier alles auch ein kleines bisschen mehr echt oder zumindest nicht so weit weg wirkt. Wie so häufig ist der Schlüssel zu allem in der Vergangenheit zu finden und bis das Publikum zu diesem Schluss kommen darf, wird ausgiebig mit metaphorischen Hinweisen gespielt, die durch das unberechenbare Element Wasser angedeutet werden. Der Tod wirkt hier nicht selten unbarmherziger als anderswo, der Schock sitzt tief, da die Kamera nicht nur an Provokation und Effekten interessiert ist, sondern ebenso einen künstlerischen Anspruch verfolgt. Das Verschmelzen der Ästhetik der Bilder mit absolut brutalen Elementen steigert sich hier daher in hochinteressante Sphären. Die erste Ermordungsszene ist nicht zuletzt aufgrund der wechselnden Perspektiven schwer verdaulich, zumal das Publikum diese Phase in Intervallen aus der Sicht des gefesselten Opfers mitverfolgen muss. Die Vorgehensweise des Killers ist beängstigend und weist darauf hin, dass der nächste ohne jeden Zweifel keinen leichteren Weg zum Tod haben wird.

Viele Inhalte, Basiselemente oder auch Kleinigkeiten sind großen Vorbildern entliehen, was sich aber kaum als Hemmschuh herausstellen wird, da der Verlauf stets in der Lage ist, eine eigentümliche Hochspannung aufzubauen, um diese auch aufrechterhalten zu können. Der Film verfügt sozusagen über eine eigene Seele. Was kann einen Killer veranlassen, derartig unmenschlich vorzugehen? Diese Frage wird vom Publikum in selbstverständlicher Art und Weise als heißes Eisen gehandelt, doch vom Verlauf lange als Ass im Ärmel gehalten. Ist es Wahnsinn, oder Rache, Willkür oder die Lust am Töten? Andreas Prochaska ordnet sein blutiges Schachspiel sehr akribisch und nervenaufreibend, sodass eine dauerhafte Aufmerksamkeit garantiert ist. Als weiterer Vorteil erweist sich die Wahl der Schauspieler, die alles zwischen Vitalität, Routine und Unverbrauchtheit anbieten. Hier überzeugen vor allem die Nachwuchsschauspieler. Der Zusammenhalt einer Clique wird durch eine unsichtbare Todesliste unterwandert, jeder von ihnen vermeidet zunächst den qualvollen Blick zurück in die Vergangenheit. Alle scheinen verdrängt zu haben, dass sie ein dunkles Geheimnis verbindet. Diese Gewissheit hindert allerdings daran, unbeschwert zu leben, sodass eine Art erzwungene Amnesie zum Motor für den Killer wird, der hier wie ein Phantom inszeniert ist. Beängstigend, einer Leiche ähnlich, aber dennoch agil und brutal. Es wird noch zu einigen Szenen kommen, deren morbider Einfallsreichtum für breite Zustimmung sorgt. Rückblenden platzieren das Geschehen im Radius eines sich langsam zusammenfügenden Puzzlespiels, das thematisch gesehen wirklich interessant ausgearbeitet ist. Ein Film wie dieser lebt nicht nur von einem dichten Verlauf, sondern ebenfalls von einem packenden Finale, das sehr gelungen ist. Wenn der Mörder erstmals zu sehen ist, gefriert einem beinahe das Blut in den Adern. Ein angewiderter Blick in dessen Gesicht zeigt nichts als Hass, Emotionslosigkeit und tödliche Programmierung. Was folgt sind Impressionen, die so schnell nicht wieder zu vergessen sind und bei dieser Gelegenheit werden auch die Weichen für eine Fortsetzung gestellt, wenngleich man sich zum Produktionszeitpunkt möglicherweise noch nicht im Klaren darüber war, ob es hier in irgendeiner Weise weitergehen wird. "In 3 Tagen bist du tot" ist in jeder Hinsicht als gelungen und packend zu bezeichnen und markiert quasi den volkstümlichen Vertreter unter den Slashern, den man sich als Genre-Fan gerne einmal anschauen sollte.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● BEDENKZEIT (D|1971) [TV]
mit Krista Keller, Peter Pasetti, Iska Geri, Heinz Giese, Evelyn Gressmann, Gisela Kraft, Irmgard Riessen, Renate Raspe,
Karin Buchholz, Jochen Schröder, Ingeborg Wellmann, Eva Lissa, Dieter Wagner, Horst Thomas sowie Blandine Ebinger
eine Produktion der Intertel | im Auftrag des ZDF
ein Fernsehfilm von Ludwig Cremer

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»Ob es wohl Leute gibt, die mit ihrer Ehe zufrieden sind?«


Ingrid Ahrens (Krista Keller), Chef-Laborantin einer Universitätsklinik, wird von Kolleginnen und Ärzten wegen ihrer hohen Professionalität und Zuverlässigkeit geschätzt, außerdem stellt sie sich als Verantwortliche im Zweifelsfall vor ihre Belegschaft. Privat läuft es für die mittlerweile 40-Jährige nicht so erfolgreich. Ihr Verlobter heiratete eine andere und sie lebt mit ihrer Mutter (Blandine Ebinger) zusammen, die einerseits darauf drängt, einen Mann kennenzulernen, ihr aber jeden wieder ausredet. Als sie im Labor einen neuen Chef vor die Nase gesetzt bekommen soll, wird sie von Dr. Heidt (Peter Pasetti), der den Betrieb aufgrund eines lukrativeren Angebots verlassen wird, überredet, ebenfalls den Job zu wechseln. Ingrid erbittet sich trotz sehr guter Bedingungen Bedenkzeit …

Der Duisburger Regisseur Ludwig Cremer konnte sich vor allem einen Namen als Hörspielregisseur machen, inszenierte jedoch auch zahlreiche qualitativ hochwertige TV-Produktionen, wie etwa "Bedenkzeit" aus dem Jahr 1971. Dieser 85 Minuten lange Fernsehfilm ist im Grunde genommen als zeitlich passgenaues Soziogramm zu verstehen, welches die Rolle der Frau retrospektiv aber mit einigen Abstrichen auch noch aktuell zu zeichnen vermag, und mit einer kraftvollen Interpretin wie Krista Keller ihre dichte Erfüllung findet. Auf dem Prüfstand stehen vergangene Weichenstellungen und natürlich die momentane Lebenssituation, die sich zum Großteil mit dem Beruf auseinandersetzt, falls dieser denn ausgeübt wurde. Der Titel der Produktion suggeriert eine Art im Vorfeld gestelltes Ultimatum und eine schwierige Entscheidungsfindung, die den Verlauf noch sehr eindringlich prägen wird, da die Angelegenheit über das Berufliche hinausgeht. Zunächst legt die Regie ihr ausschließliches Augenmerk auf die uneingeschränkte Hauptattraktion des Films: Krista Keller alias Ingrid Ahrens. Zunächst ist sie nach einem Konzertbesuch privat und als Alleingängerin zu sehen. Attraktiv aber unauffällig. Unübersehbar bleibt hierbei, dass sie sich vornehmlich an anderen orientiert, denn ihre Blicke bleiben an Pärchen und der Zweisamkeit haften. Auch ohne viel über sie erfahren zu haben, wird schnell klar, dass sie sich einsam bis unerfüllt fühlt und nach einer Beziehung sehnt, immerhin bekommt sie subtilen Druck von zu Hause gemacht, was der nächste Szenenwechsel dokumentiert. Mit einer patenten Interpretin wie Blandine Ebinger, die auch Jahrzehnte später noch Nuancen des Berliner Cabarets der 1920er-Jahre etabliert, liegen die Karten schnell auf dem Kaffeetisch. Man sieht eine Mutter, die immer auf dem gleichen Stand Mutter geblieben ist, und ein Kind, welches dasselbe Schicksal mit mittlerweile 40 tragen muss. Sie nimmt die Einsamkeit ihrer Tochter in Kauf, um nicht selbst eines Tages alleine aufwachen zu müssen, immerhin ist sie seit gut 25 Jahren verwitwet. Nur auf der Arbeit kann sich ihre Tochter verwirklichen. Hier wird sie insbesondere von Kollegen mit akademischem Titel geschätzt, als Frau jedoch überall übersehen, wobei dies nur die halbe Wahrheit zu sein scheint.

Die Protagonistin mit naturwissenschaftlichem Verstand kann Gefühle und damit verbundene Unberechenbarkeiten nicht messen, sie jedoch im Vorfeld deuten und bewerten, sodass es sich de facto um ein Ausschlussverfahren des Vorfeldes handelt. Sie bewegt sich am liebsten auf ihrem sicheren Terrain. Hierzu zählt sie nicht Emotionen und Partnerschaften, also fühlt sie sich alleine am sichersten, aber auch am einsamsten. Überraschend aber exzellent erweist sich hier die Wahl von Krista Keller für die Hauptrolle, deren emotionale Kapriolen bekannt und vielmehr berüchtigt sind, da man sie hier völlig beherrscht und in sich gekehrt wahrnimmt. Die Frau, deren Interpretationskunst in der Regel dort anfängt, wo Worte aufhören, bietet sich als greifbares Äquivalent für viele Frauen der damaligen Zeit an. Sie prägt diesen interessanten Verlauf sozusagen in alleiniger, wenngleich kühler Art, ohne dabei die übliche erdrückende Dominanz entstehen zu lassen. Man nimmt Ingrid vor allem als Beobachterin wahr. Ludwig Cremer bemüht sich erfolgreich, eine Alltags-Ästhetik entstehen zu lassen, die durch kleine Details, bekannte Settings oder Konversationen entstehen zu lassen, die so gut wie jeder bereits erlebt hat. So handelt es sich um keine Geschichte, die schwerfällig oder ungelenk an der Realität gemessen wird oder vorbeiläuft, sondern um eine Studie des Alltags, die zahlreiche Zuschauer als altbekannt identifizieren werden, mit Abstrichen sogar heute noch. Thematisiert wird der Betrieb, der es einem niemals danken wird. Das ganze Engagement, die Mehrarbeit und Entbehrungen. Der Stress. Ingrid bekommt einen Herren vorgestellt, der durch das Labor geführt wird. Kritisch prüfend, abschätzig kommentierend. Es missfällt dem arrogant wirkenden Facharzt für Labor-Diagnostik, dass man im Keller zu arbeiten hat, auch die Ausstattung sei reichlich spartanisch, die Arbeit der Laborantinnen wird durch Nebensätze als altmodisch abqualifiziert. Es ist ein pauschales Aufbäumen gegen die bevorstehende Neuerung mit dem Verweis zu beobachten, dass es ausschließlich Fräulein Ahrens zu verdanken sei, dass die vorhandene Ausstattung überhaupt modernisiert wurde. Doch es hängt an den langsamen Mühlen der Verwaltung in Bewilligungssachen, wie man zu hören bekommt.

Ludwig Cremer skizziert einen gestochen scharfen Alltag in seinem Film, eine Realität, die überall genauso aussehen könnte. So zeigt sich kein Aufpolieren, man nimmt keine Verzerrungen oder Übertreibungen wahr, außerdem bleiben die Charaktere greifbar und transportieren nichts von filmischen Trugbildern, die immer wieder gerne als Stilmittel verwendet wurden. Berufliche und vor allem private Konflikte prägen das Szenario überwiegend unterschwellig, da das Alltagsgeschäft buchstäblich das Regiment führt, sich dementsprechend Resignation und Frustration, aber auch immer wieder aufblitzende Hoffnungsschimmer bemerkbar machen. Zwar ist Ingrid Ahrens in diesem Zusammenhang als Hauptfigur etabliert, aber um sie herum existieren genau die gleichen Probleme für andere Personen, mit denen sie unmittelbar zu tun hat. Naturgemäß hat man die eigenen im Visier und es scheint, als sei die auf das Funktionieren programmierte Frau hier bereits sehr festgefahren. Zu Hause wird sie mit den immergleichen Arien und völlig gehaltlosen Konversationen versorgt, um im Zweifelsfall darauf hingewiesen zu werden, dass ihre Ausbildung für eine Witwe nicht leicht zu stemmen gewesen sei. Doch ihre Mutter hat nur ein Primärziel im Visier behalten, dass ihre Tochter endlich einen Mann finden möge. Als es so weit ist, kommt die panische Angst vor Veränderungen wie eine Fontäne zum Vorschein, aber es betrifft beide Frauen gleichermaßen, nur in unterschiedlichen Reaktionen und Reflexen. In schauspielerischer Hinsicht agieren Blandine Ebinger und Krista Keller perfekt miteinander, sozusagen als von Krankheiten befallene Symbiose, bis diese von einem Mann angegriffen wird, den sich Frau Ahrens doch so sehnlich an der Seite ihrer Tochter gewünscht hat. Dr. Heidt, angesehen, selbstbewusst, mit medizinischem Charme versehen aber verheiratet, wird exzellent mit den berüchtigten Mitteln eines Peter Pasetti ausgestattet. Er, als eines der Urgesteine der Klinik, will dem verlockenden Ruf der Wirtschaft folgen, zu besseren Konditionen versteht sich. Seine gewissenhafte Chef-Laborantin und langjährige Vertraute möchte er am liebsten mitnehmen, zunächst aus rein sachlichen Gründen. Ingrid zeigt sich nicht abgeneigt, immerhin verbergen sich innerhalb der eigentlichen Offerte weitere verlockende Angebote.

Es sollte mehr als nur ein Tapetenwechsel sein, aber bei der völlig unprätentiös wirkenden Frau ist kein Kalkül wahrzunehmen. Dr. Heidt fährt mit ihr für zwei Tage zum designierten Arbeitgeber, der in Aussicht stellt, dass man sich im Neubau sogar die Büros nach eigenem Gusto einrichten könne. Er lernt die Ahrens über die berufliche Basis hinaus näher kennen, bis er sich dazu verleiten lässt, von sich selbst zu sagen, dass er bislang blind gewesen sein muss. Nach eindringlichen gegenseitigen Sondierungen startet das wahre Abenteuer. »Wenn man mit einer Kollegin verheiratet ist, dann kann man wenigstens noch über berufliche Dinge sprechen, wenn man sich schon sonst nichts mehr zu sagen hat. Ich meine gar nichts mehr!« Die hohe Hürde Ehe wird langsam aber sicher wegdiskutiert, auch das beste Alter spielt keine Rolle, eher im Gegenteil. Dem Publikum gefällt die Findung auf Raten, doch man ahnt, dass sich der Verstand schnell wieder einschalten, somit alles beim Alten bleiben wird. Oder doch nicht? Ludwig Cremer stattet diesen Fernsehfilm schlussendlich mit keinem klassischen Finale aus, da es sich in den Köpfen des Zuschauers abzuspielen hat. Die Beschreibungen von Alltagszwängen, deren Relevanz und dementsprechenden Ängsten sind hier sehr geglückt und man bekommt ein völlig unaufgeregtes Filmangebot, weil Krista Keller ihre Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellt. Zwar bietet sich die Gelegenheit, Anflüge ihres Temperaments nicht mehr unterdrücken zu müssen, aber insgesamt bleibt eine überraschende Dosierung, eine buchstäbliche Beherrschung, die umso mehr zu gefallen weiß. "Bedenkzeit" findet einen brillanten Transfer in den damaligen Alltag und zeichnet real wirkende Begleitumstände, besitzt sogar noch Wertigkeit für heutige Verhältnisse, da Konventionsdruck und Probleme der Zwischenmenschlichkeit vielleicht visuell anders aussehen, aber dennoch aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Exzellente Darstellungen der Haupt- und Nebenrollen verhelfen der Produktion zu einem gehobenen Status im Bereich der TV-Produktionen, die wie so häufig in der Versenkung verschwunden sind. Am Ende kann gesagt werden, dass der Zuschauer hier keinerlei Bedenkzeit brauchen wird, um für sich zu klären, einem dramaturgisch wasserdichten und hervorragend ausgearbeiteten Film vor sich zu haben.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● DER TODESKUSS DES DR. FU MAN CHU / FU MANCHÚ Y EL BESO DE LA MUERTE / THE BLOOD OF FUMANCHU (D|E|US|1968)
mit Christopher Lee, Tsai Chin, Götz George, Loni von Friedl, Maria Rohm, Howard Marion-Crawford, Ricardo Palacios, Isaura de Oliveira,
Frances Khan, David de Keyser, Robert Rietty, Marcelo Arroita-Jáuregui, Olívia Pineschi sowie Richard Greene und als Gast Shirley Eaton
eine Constantin Film Produktion der | Terra Filmkunst | Ada Films | Udastex Films | im Constantin Filmverleih
ein Film von Jess Franco

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»Und wenn es mir gefällt, wirst du sterben!«


Dr. Fu Man Chu (Christopher Lee) lebt und möchte erneut die Weltherrschaft an sich reißen. Zu diesem Zweck hat er sich in den südamerikanischen Regenwald zurückgezogen um dort mit seiner teuflischen Tochter Lin Tang (Tsai Chin) gegen die Menschheit zu konspirieren. Mithilfe eines alten Inka-Giftes will er seine Kontrahenten ausschalten und dabei sollen ihm eine Reihe hübscher Mädchen behilflich sein, die mit diesem Gift infiziert werden und durch deren Kuss seine Gegner zunächst erblinden, bis sie schließlich beim nächsten Vollmond qualvoll sterben müssen. Zuerst nimmt er seinen Erzfeind Nayland Smith (Richard Greene) ins Visier, der den Todeskuss von seiner Sklavin Celeste (Loni von Friedl) erhält. Die Zeit für ihn wird denkbar knapp, denn der nächste Vollmond ist nicht mehr weit entfernt, also macht man sich auf die Suche nach einem Gegengift sowie dem Geheimversteck des Dr. Fu Man Chu …

Der Tag an dem Jess Franco das Regiment bei den Fu Man Chu übernehmen sollte, wird in der Regel mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. Viele sehen ab diesem Zeitpunkt den vorweg gegriffenen Todeskuss für die laufende Reihe, wobei andere die Art und Weise anerkennen, neue Impulse zu platzieren. In der Gesellschaft der zweitgenannten Fraktion fährt man mit diesem Beitrag erstaunlich gut, denn die vorhandenen Bindeglieder zur Reihe werden hier nicht nur aufgegriffen, sondern erfahren einige erstaunliche Erweiterungen. Von einer Verfeinerung ist allerdings nicht zu sprechen, denn dafür tauchen zu viele Ungereimtheiten auf, die sich förmlich aufdrängen. Versucht man den kompletten Verlauf eher nüchtern zu betrachten, so hat man es stilistisch und inhaltlich gesehen nahezu mit einem Sammelsurium von zahlreichen Fragmenten zu tun, die keine Ordnung und Struktur liefern, sodass Teile des Verlaufs eine auffällige Inkohärenz vermitteln. Dieser Eindruck mag vielleicht nicht zuletzt an den Vergleichen zu den Vorgängerfilmen liegen, die einfach klassischer, und auf Jess Franco bezogen sicherlich konservativer inszeniert wurden. Besonders unklar in "Der Todeskuss des Dr. Fu Man Chu" erscheint hin und wieder das Zeitfenster zu sein, da man es dem Empfinden nach mit einer Reise durch gleich mehrere Dekaden zu tun hat, wofür nicht zuletzt die eingefügten Szenen mit Shirley Eaton verantwortlich sind. Dennoch weiß diese beschwerliche Reise durch die südamerikanischen Regenwälder zu unterhalten und wartet erneut mit einer spektakulären Besetzung auf. Christopher Lee stattet die Titelrolle erneut mit einer mysteriösen und gleichzeitig beunruhigenden Aura aus, wobei seine neuste Idee, die Weltherrschaft an sich zu bringen, ohne jeden Zweifel auch seine ausgefallenste geworden ist. Dr. Fu Man Chu wirkt boshaft genug, um ihm gebannt dabei zuschauen zu können, wie er seine Kontrahenten manipuliert, foltert und liquidiert. Wieder einmal liegt es zumindest im Bereich des Möglichen, dass er seinem Ziel mit Skrupellosigkeit und Unerbittlichkeit einen bedeutenden Schritt näher kommen könnte. Mit ihm im Bunde ist seine diabolisch wirkende Tochter Lin Tang, die im Großen und Ganzen neben Christopher Lee an meisten überzeugen kann. Tsai Chin wirkt unter der Führung von Jess Franco allerdings leicht abgewandelt zu ihren vorausgegangenen Darbietungen. Auf einmal ist sie nicht nur die willenlose, sadistische Dienerin ihres Vaters, sondern neuerdings liegt das Augenmerk auf auch auf ihren femininen Qualitäten.

Zumindest dem Eindruck nach, da man beispielsweise mehr Emotionen sieht. In diesem Zusammenhang ist auch Shirley Eaton zu nennen, die man als Li Hong alias "Sumuru" zu sehen bekommt. Diese Figur in die laufende Geschichte zu integrieren ist vollkommen verwirrend und nahezu fremdartig, aber vermutlich wollte man einen namhaften Gaststar mit an Bord haben. Ihre Szenen fallen besonders im optischen Sinne komplett aus dem bestehenden Zeitfenster und der Kontakt zu ihr ist technisch sowie inhaltlich gesehen vollkommen vermessen. Des Weiteren nimmt man Maria Rohm wahr, die in ihrer ungünstig angelegten Rolle und Erscheinung nicht in die gewohnte Freude versetzen kann. Götz Georges damalige Ehefrau Loni von Friedl zeigt sich in ihrem kurzen Auftritt als Überbringerin des Todeskusses von einer sehr interessanten und ansehnlichen Seite. Götz George selbst sorgt für die agilen Momente der turbulenten Geschichte, erscheint für die Handlung jedoch weitgehend irrelevant zu sein, genau wie Fu Man Chus Erzfeind Nayland Smith, ersetzt durch den Interpreten Richard Greene, der leider eine blasse Figur abgibt und bei Weitem nicht so überzeugend wirkt, wie beispielsweise ein Nigel Green aus "Ich, Dr. Fu Man Chu". Allerdings muss man sich gerechtfertigterweise auch fragen, ob die Herren der Schöpfung in Jess-Franco-Filmen jemals relevant waren, zumindest im Vergleich mit den beteiligten Damen. So bekommt das entzündete Auge neben allerlei angedeuteten Grausamkeiten und Folterpraktiken auch die übliche Exposition und Prise Erotik geboten, da die Darstellerinnen erst gar nicht sparsam mit ihren körperlichen Reizen umzugehen brauchten. Dieser Beitrag vermittelt insgesamt nicht mehr den temporären Charme der Vorgänger und wirkt im Gegensatz dazu viel zu getuned, sodass dieser Fortschritt in sich eher einen Rückschritt darstellt. Die Schauplätze sind zwar immer wieder nett anzusehen, wirken aber fremd und die Ortsgebundenheit entwickelt sich schnell zu einem Vakuum. Musikalisch bekommt man in jeder Fassung wiederum sehr passende Klänge geboten. Die ohnehin spärlich aufkommende Spannung wird in einem hastig abgespulten Finale komplett fallen gelassen, aber der größenwahnsinnige Doktor kann wenigstens noch schnell und verheißungsvoll verkünden, dass man garantiert wieder von ihm hören werde. "Der Todeskuss des Dr. Fu Man Chu" weiß trotz bestehender Schwächen gut zu unterhalten - gewissermaßen auch zu erstaunen - sodass der Film bei jeder erneuten Ansicht auch nicht eintönig wird.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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SCREAM, PRETTY PEGGY


● SCREAM, PRETTY PEGGY (US|1973) [TV]
mit Sian Barbara Allen, Ted Bessell, Charles Drake, Allan Arbus, Tovah Feldshuh, Jessica Rains sowie Christiane Schmidtmer und Bette Davis
eine Produktion der Universal Television | für ABC
ein Fernsehfilm von Gordon Hessler

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»Leave this house while you still can!«


Die junge Kunststudentin Peggy (Sian Barbara Allen) nimmt eine Anstellung als Haushälterin in der abgelegenen Villa des Bildhauers Jeffrey Elliot (Ted Bessell) an, da ihre Vorgängerin Agnes (Tovah Feldshuh) spurlos verschwunden ist. Zunächst trifft Peggy auf Jeffreys dominante Mutter (Bette Davis), doch die Alkoholikerin möchte Peggy wieder so schnell wie möglich aus dem Haus haben. Ihr Sohn stellt sie jedoch gegen deren Willen ein. Peggy wird Zeugin unheimlicher Vorkommnisse, da sie häufiger eine weiß gekleidete Gestalt in der Dunkelheit wahrnimmt, die im gleichen Haus zu leben scheint. Es soll sich angeblich um Jeffreys geisteskranke Schwester Jennifer (Christiane Schmidtmer) handeln …

Zwischen 1969 und 1975 lief der ABC Movie of the Week jeden Dienstagabend und später noch mittwochs zur besten Sendezeit und hatte zahlreiche Genre-Vertreter im Repertoire. Zu den produktivsten Zeiten wurden bis zu 25 TV-Produktionen pro Jahr hergestellt, unter denen auch "Scream, pretty Peggy" zu finden war. Angeboten wird ein atmosphärischer Mix aus Psycho-Thriller und Gothic-Horror, der in knapp 75 Minuten zu überzeugen weiß. Bereits der Beginn verbreitet eine sehr unheimliche Aura, Unbehagen und schlussendlich Tod, denn die bisherige Haushälterin der Elliots wird von einer in Weiß gekleideten Gestalt mit einem Messer getötet, die das Szenario fortan wie ein immer wieder auftauchendes Phantom beherrschen wird. Nach diesen finsteren Eindrücken kommt es zu entschleunigenden Phasen, denn die wichtigsten Figuren und deren Intentionen werden erst einmal vorgestellt. Schnell stellt sich die entscheidende Frage, wem man von den wenigen angebotenen Charakteren überhaupt trauen darf, was selbst für ausgewiesene Sympathieträger oder betont unschuldig wirkende Personen gilt. Das Setting der abgelegenen Villa ist mit viktorianischen Stilelementen beeindruckend, was auch für die furchteinflößenden Skulpturen des Bildhauers gilt. Erneut wird die Kunst mit möglichem Wahnsinn verknüpft, woraus sich schließlich einige Verdächtige ergeben. Es ist erstaunlich, dass man bei round about nur vier relevanten Personen immer wieder aufs Neue zum Überlegen gezwungen wird, was hinter der noch aufkommenden Mordserie stecken könnte. Zwar malt man sich jede Möglichkeit schnell aus, immerhin wirkt die Story, die das Gleiche tut, wie eine General-Anleihe aus weltbekannten Horror-Vertretern. Die Regie führt einen allerdings immer wieder geschickt in die Irre und streut Zweifel, sodass es auch ohne viel Spektakel ziemlich spannend bleibt. Die größten Stärken sind die Ermordungsszenen mit dem weißen Phantom, das aus dem Nichts herbei schnellt, um nach ein paar Messerstichen wieder genau dort zu verschwinden. Diese Gestalt bekommt ihre Identität lediglich durch Fotos der nicht real wirkenden Schwester Jennifer verliehen, welches mit den schönen Gesichtszügen der seinerzeit in den USA noch hoch im Kurs stehenden deutschen Hollywood-Exil-Ikone Christiane Schmidtmer versehen ist.

Als großer Gast-Star ist allerdings Bette Davis in Hochform zu sehen, die ihre herrisch wirkende Dominanz in jeder ihrer Szenen ausspielt. Schnell wird klar, dass es sich bei der alten Dame, die ständig mit einer Teetasse im Haus herumschwebt, um eine Alkoholikerin handelt, deren Unberechenbarkeit sich von Drink zu Drink nur steigern wird. Davis bekommt neben Schmidtmer die intensivsten Szenen vom Skript zugebilligt, wenngleich auf völlig unterschiedlichen Ebenen. Mrs. Elliot lebt von einer unnahbar wirkenden Aura und bestimmenden, teils kryptisch aufgebauten Dialogen, wobei ihre nicht greifbare Tochter Jennifer ihren Geisterstatus ausspielen kann. Die eine wirkt somit real, die andere, als ob sie gar nicht existent sei, obwohl sie immer wieder in Silhouetten und Ahnungen wahrgenommen werden kann. Ein Sturz beim Erklimmen eines Versteckes für harte Sachen fesselt die Alte ans Bett, sodass die neue Haushaltshilfe in der Villa einziehen kann. Temperamentvoll, etwas impulsiv aber sehr sympathisch dargestellt von Sian Barbara Allen, werden gute Szenen für den Verlauf angeboten, die vor allem im Zusammenspiel mit Ted Bessell zum Tragen kommen. Die Grusel-Atmosphäre wird durch das Ambiente und die Abgeschiedenheit befeuert, auch die Skulpturensammlung des Bildhauers kann für derartige Eindrücke sorgen. Zwar merkt man dem Film stets sein TV-Gewand an, aber dennoch kann sich ein Unterhaltungswert des gehobenen Niveaus entfalten, wofür vor allem die Phantom-Thematik verantwortlich ist. Es ist klar, dass sich die Ereignisse noch überschlagen werden und ein Finale geboten wird, in dem sich zahlreiche Überraschungen hervortun, auch wenn man die Ereignisse bestimmt schon irgendwie ausgemalt sind. Die spannende Frage, ob man richtig gelegen hat, bleibt jedoch bis zum Ende bestehen, sodass unterm Strich von einem kleinen Highlight gesprochen werden darf. "Scream, pretty Peggy" tut unter der Regie von Horror-Spezialist Gordon Hessler gut daran, sich auf seine ausgewiesenen Stärken zu konzentrieren und diese auch konsequent auszuspielen. Die Schauspieler tun ihr Bestes in besonders ausgefeilt wirkenden Studien und überraschen im Spektrum eines Minimal-Maximalprinzips, was schlussendlich für erstaunliche Impressionen sorgen kann. So bleibt ein kleiner Geheimtipp des einschlägigen US-TV-Horrors zurück.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



STRAFBATAILLON 999


● STRAFBATAILLON 999 (D|1959)
mit Georg Thomas, Werner Peters, Kurd Pieritz, Heinz Weiss, Klaus Kindler, Hanns Ernst Jäger, Judith Dornys, Ernst Schröder, Werner Hessenland,
Georg Lehn, Stanislav Ledinek, Alfred Balthoff, Paul Albert Krumm, Gerd Frickhöffer, Charles Palent, Bert Sotlar, Willy Schäfer und Sonja Ziemann
ein Zeyn Film| in Zusammenarbeit mit der Dubrava Film | Perutz Film | im Verleih der Union Film
dieser Film entstand nach dem gleichnamigen REVUE-Roman von Heinz G. Konsalik
ein Film von Harald Philipp

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»Komisch, mir war eben so, als ob man die Sonne hört!«


In einem Strafbataillon kommen Männer unterschiedlicher Klassen zusammen, die oft wegen geringfügiger Vergehen verurteilt wurden. Als die Wehrmachtsführung erkannte, dass darauf folgende Todesurteile nur die Möglichkeiten von potenziellem "Kanonenfutter" blockierte, müssen sich die Männer fortan an der Front bewähren. So ergeht es auch dem Bakteriologen Dr. Ernst Deutschmann (Georg Thomas), der durch Selbstversuche ein Serum für die schnellere Heilung von Verwundeten entwickeln wollte, ihm letztlich jedoch Selbstverstümmelung und Entzug vor dem Wehrdienst vorgeworfen wurde. Seine Frau Julia (Sonja Ziemann) ersucht Gnade an den verantwortlichen Stellen und beschließt, die Versuchsreihe an sich selbst fortzuführen …

"Strafbataillon 999" stellt nach dem im Jahr 1958 von Géza von Radványi hergestellten Film "Der Arzt von Stalingrad" die bereits zweite Romanverfilmung nach Heinz G. Konsalik dar, und es sollten noch etliche weitere Folgen. Ähnlich wie bei der filmischen Premiere, präsentiert sich Harald Philipps Beitrag in einer weitgehend sachlichen, wenn auch publikumswirksamen Fasson und weist dabei im Gros auf die unmenschlichen Praktiken in der laufenden Kriegsmaschinerie hin, die unzählige Kreaturen der Willkür hervorgebracht hat. Der Legende verliert man im Krieg zuerst die Unschuld, was sich als ein guter Wegbereiter für diese Geschichte erweist. Ein Bakteriologe wird zum Gang durch die Hölle Strafbataillon und anschließende Kriegsfront verurteilt, da er eigenmächtig und dementsprechend nicht im Sinne der Obrigkeit gehandelt hat, obwohl seine Hauptintention aus förderlichen Absichten bestand. Betrachtet man seine Fähigkeiten und das damit verschwendete Potenzial, skizziert diese Degradierung die Erwartung blinden Gehorsams und dem Ablegen menschlicher Eigenschaften sehr genau. Vor Ort dürfen sich Emporkömmlinge an ihm und seinen Leidgenossen abarbeiten, die zunächst den bedingungslosen Gehorsam anhand schwachsinniger Befehle ausreizen. Drakonische Strafen werden übrigens immer verhängt, egal was die Gefangenen tun. Die Regie liefert Skizzen dieser Inhalte, ohne dabei jedoch zu sehr in die Vollen zu gehen, immerhin bringt das Publikum ein genügendes Maß an Eigenfantasie mit, um sich die grassierende Perversion dieser Straflager auszumalen. Die verzweifelte Frau des Arztes setzt derweil alle zur Verfügung stehenden Hebel an den richtigen Stellen in Bewegung, um ihrem Mann zu helfen. Dass sie nicht sofort abgewiesen wird, liegt ausschließlich an ihrer Attraktivität und den schmutzigen Gedanken des aufgesuchten Gutachters Dr. Kukill, der sich alles Weitere offenbar bereits plastisch ausgemalt hat. Der Verurteilte wird an der Front verheizt, Kukill könnte sich schlussendlich erbarmen, die übrig gebliebene Frau zu übernehmen. Der Versuch, sie tief in seine Schuld zu stellen, ist dabei ziemlich durchsichtig, völlig unverfroren und in einer erschütternden Weise perfide, da Julia die Sache zwar schnell durchschaut, sich einem derartigen Kuhhandel allerdings unterwerfen müsste.

Hier liefert Sonja Ziemann ein leidenschaftliches Plädoyer und sie stellt erneut ihre melancholische Überzeugungskraft unter Beweis. Wenn eine deutsche Schauspielerin zu nennen ist, die sich vor allem im Genre des Kriegsfilms einen Namen machen konnte und dementsprechend auch immer wieder dort zu sehen war, ist es Ziemann, deren Aura hier perfekt greift. Die Frau des verurteilten Arztes, die selbst Medizinerin ist, hat den Punkt der Resignation bereits weit überschritten, doch sie sieht keine andere Wahl als den aussichtslosen Kampf, der möglicherweise ihre Würde kosten wird. Ihren Plan verfolgt sie mit dem Verstand einer Naturwissenschaftlerin, der Analysen über die Schlechtigkeit ihrer Kontrahenten erst gar nicht aufkommen lässt. Der weniger bekannte Georg Thomas ist in der Rolle ihres Mannes zu sehen und vermittelt ebenfalls eine derartige Note, agiert unterm Strich hervorragend und steht seinen namhafteren Kollegen in nichts nach. Besonders ins Auge fallen die selbsternannten Götter der Kriegsmaschinerie, hier mit den Finessen eines Werner Peters, Klaus Kindler oder Ernst Schröder zu sehen. Obwohl auf der gleichen Seite agierend, sorgen Heinz Weiss oder Kurd Pieritz für erleichternde Zwischentöne, denn sie demonstrieren, dass sich im Rahmen der Unterwerfung nicht jeder gleich verhalten muss. Erweitert interessant besetzt mit Judith Dornys, Paul Albert Krumm, Georg Lehn, Stanislav Ledinek oder Hanns Ernst Jäger, kommen intensive Leistungen zum Tragen. Die geschilderte Situation spitzt sich stringent und in jeder Lage zu, sodass der Verlauf auf eine spürbare Spannung bauen kann und die Gewissheit, dass es unter keinen Umständen zu einer guten Lösung kommen wird. Der Film verfügt im Rahmen seiner Schwarzweiß-Fotografie über eine immense Bildgewalt, die besonders beim Aufzeigen der hässlichsten Fratzen des Krieges zum Vorschein kommt. Am Ende spielt es keine Rolle, ob "Strafbataillon 999" aufgrund der Vorlage, der Bearbeitung oder der Kombination so überzeugend und mitreißend ausgefallen ist. Unterm Strich bleibt ein Vertreter des Kriegsfilms, der sich als Plädoyer für die Humanität versteht, dabei unermüdlich auf die Sinnlosigkeit des Ganzen und ausgewählte Schicksale verweist, die hier stellvertretend für eine unübersichtliche und kaum zu beziffernde Masse steht. Sehenswert.

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