SCHACHNOVELLE - Gerd Oswald

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
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Percy Lister
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SCHACHNOVELLE - Gerd Oswald

Beitrag von Percy Lister »

"Schachnovelle" (Deutschland 1960)
mit: Curd Jürgens, Claire Bloom, Hansjörg Felmy, Mario Adorf, Albert Lieven, Hans Söhnker, Albert Bessler, Dietmar Schönherr, Rudolf Forster, Jan Hendriks, Alan Gifford, Wolfgang Wahl, Harald Maresch, Karel Stepanek, Rijk de Gooyer, Dorothea Wieck u.a. | Drehbuch: Harold Medford, Gerd Oswald und Herbert Reinecker | Regie: Gerd Oswald

Der Wiener Rechtsanwalt Werner von Basil ist ein erklärter Gegner der Nationalsozialisten und muss mit dem Anschluss Österreichs an das Großdeutsche Reich im März 1938 mit Repressalien rechnen, weil er der Kirche geholfen hat, Kunstschätze vor dem Zugriff der neuen Machthaber zu schützen. Hans Berger von der Kulturabteilung der Gestapo lässt ihn festnehmen und in isolierter Einzelhaft darüber nachdenken, ob er sich nicht doch mit dem neuen Regime arrangieren will. Werner von Basil, der keinerlei geistige Zerstreuung erhält, scheint mürbe zu werden, bis es ihm gelingt, bei einem Verhör ein Buch an sich zu bringen. Allerdings handelt es sich um ein Büchlein mit hundertfünfzig Schachaufgaben. Zunächst ist der Rechtsanwalt verärgert, doch bald befasst er sich mit der Materie und steigert sich vollkommen in das "königliche Spiel" hinein....

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Freilich kommt der Film nicht ganz ohne Melodrama aus: so ist die Figur der Primaballerina Irene Andreny eine Erfindung des Drehbuchautors, in Stefan Zweigs Roman kommt sie nicht vor. Doch wie ein Buch verfilmen, das vor allem in der Gedankenwelt des Protagonisten spielt? Wie seine mentalen Qualen, seine Gewissensbisse und seine Verzweiflung darstellen? Die Handlung bedurfte einiger Ergänzungen - Ausschmückungen, wenn man es so nennen will - in jedem Fall erleichtert es dem Zuschauer den Zugang zu einem Stoff, der in seinem profanen Intellektualismus kafkaeske Züge aufweist. Zudem ist es ein Kampf zwischen zwei Männern, ein Ringen um die geistige Souveränität und ein Wettstreit um die selbe Frau - ein Zugeständnis an das breitere Publikum, das den ambitionierten Film ohnehin nur in Maßen goutierte. In souveräner Eleganz defilieren die etablierten Schauspieler vor prachtvoller Kulisse, während bereits in der Luft liegt, dass diese Harmonie, dieser Austausch von Höflichkeiten dem brüchigen Gebäude noch einen letzten stützenden Balken geben will. Bald wird sich das Blatt wenden und der Ton sich verschärfen, während die Dekors spartanischer werden und die Worte zur Mangelware. Geschliffene Komplimente werden durch Forderungen ersetzt und der Ballsaal durch ein karges Zimmer mit tropfendem Wasserhahn. Allein akustisch und visuell erfährt das Wien der alten Aristokratenordnung eine harte Hand, als Berliner Manieren Einzug halten und nicht nur mit den bisherigen Gepflogenheiten, sondern auch das Sicherheitsgefühl seiner Bürger brechen. Solidarität bleibt außen vor oder findet hinter verschlossenen Türen statt und der Held der Geschichte kämpft nun allein gegen die Folterknechte seiner Einbildung, die in Gestalt unheimlicher Schatten die Wände hochkriechen und sich mit mathematischer Präzision tausendfach wiederholen. Die Abgeschiedenheit seines Zimmers setzt Werner von Basil mehr zu als er sich eingestehen will, weil er das geistige Vakuum nur zu Beginn aus dem Speicher seines Gedächtnisses auffüllen kann, bis alle Gedanken gedacht, alle Gedichte rezitiert und alle jemals gelesenen Texte rekapituliert worden sind. Dann legt sich die bleierne Leere auf seinen Verstand und verlangt nach neuer Stimulanz, wenn er nicht an sich selbst zugrunde gehen soll.

Mit Curd Jürgens in der Hauptrolle erhält der stille, unauffällige Rechtsanwalt Dr. B. ein markantes Gesicht und erfährt eine dementsprechende dramaturgische Aufwertung der Figur. Der Hüne verkörpert glaubhaft und mit der ihm eigenen Mischung aus Souveränität, Herablassung und Unbeherrschtheit, einen Streiter gegen die Unbill des Lebens, das er ganz anders anfassen würde, wenn er die Macht dazu hätte. Die Personalie Jürgens neigt stets zu kraftvollen Auftritten, denen eine Portion Exzentrik bzw. Überreiztheit beigemischt ist. Alles ist eine Spur größer und bedeutender, wenn er sich mit einem Gegenstand befasst. Der Durchschnitt liegt ihm nicht, es muss ein Restrisiko bleiben, damit er seine Schauspielkunst herausgefordert sieht und das Gefühl bekommt, nur er allein könne der Figur Leben einhauchen. Seine Partnerin Claire Bloom lächelt, lacht jedoch nie. Ihr tiefgründiger Blick fixiert ihr Gegenüber meist amüsiert oder mäßig besorgt. Wie im Ballett verfügt sie über die absolute Körperbeherrschung, die sich auch auf ihr Gefühlsleben übertragen hat, weshalb sie angesichts der Gefahren, die in ihrem Umfeld aufziehen, nach außen ungerührt bleibt. Ebenso steinern präsentiert sich Mario Adorf als geschniegelter Emporkömmling, der seine Vergangenheit abgeschüttelt hat wie eine lästige Fliege. Seine Arroganz erhebt sich über seine Mitreisenden, die er bestenfalls als zahlende Zuschauer betrachtet, keineswegs jedoch als Gesinnungsgenossen in einer sich verändernden Welt. Während Adorf einen gefühllosen Rechner zeigt, der nur seinen finanziellen Vorteil im Auge hat, entwirft Hansjörg Felmy das Porträt eines schöngeistigen Mannes, der sich die politische Situation zunutze machen will, um beruflich voranzukommen und sich zu profilieren, ohne sich selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. Er lehnt die brachialen Methoden seines Vorgesetzten ab, den Albert Lieven mit eiskalter Disziplin spielt, während sich Hans Söhnker als sanfter Geistlicher der Würde seines Amtes entsprechend edel, hilfreich und gut präsentiert, dabei jedoch über weitaus weniger Möglichkeiten verfügt als die momentanen Machthaber, die auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen zu brauchen und für jede Figur, die sie auf dem Spielbrett des Lebens verlieren, sofort Ersatz zur Verfügung haben.

FAZIT: Ambitionierte Literaturverfilmung im Schatten der Wiener Kaffeehaus-Lebensart, der das Dritte Reich seinen Kosten-Nutzen-Stempel ebenso aufdrückt wie eine Weltanschauung, die zwar nicht tausend, aber immerhin zwölf Jahre für Unruhe sorgen sollte. Curd Jürgens zeigt die seelische Farbpalette eines Intellektuellen, der geistig ausgehungert wie ein wildes Tier agiert und dabei seine kultivierten Mitspieler Felmy und Bloom an die Wand drängt. Empfehlenswert!

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Count Yorga
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Re: SCHACHNOVELLE - Gerd Oswald

Beitrag von Count Yorga »

Neues Filmprogramm NFP:

schachnovelle.jpg
:hut:

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Prisma
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Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: SCHACHNOVELLE - Gerd Oswald

Beitrag von Prisma »



Ein sehr schönes Motiv, wie ich finde.
Den Film muss ich mir auch nochmal anschauen, das muss wieder x-Jahre her sein.

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