Der Richter, den sie Sheriff nannten (D)
Richter Fayard, genannt Der Sheriff (DDR)
Le juge Fayard dit Le Shériff (F)
Il giudice d'assalto (IT)
Ajuste de cuentas (ES)
Le Sheriff (UK)
Judge Fayard Called the Sheriff
F 1977
R: Yves Boisset
D: Patrick Dewaere, Aurore Clément, Marcel Bozzuffi, Philippe Léotard, Michel Auclair, Jean Bouise, Jean-Marc Thibault, Daniel Ivernel, Jean-Marc Bory u.a.
Deutsche TV-Premiere West: 04.12.1978 (ARD)
Deutsche Kinopremiere: 16.02.1979 (DDR)
Deutsche TV-Premiere Ost: 23.12.1979 (DFF1)
Synchronkartei
DEFA Filmdatenbank
Score: Philippe Sarde
IMCDb
OFDb
"Er schwimmt als Fettauge auf der reaktionären Brühe."
Der junge, idealistische Untersuchungsrichter Jean-Marie Fayard (Patrick Dewaere) ist dafür bekannt, dass er bei seinen Ermittlungen keine falsche Rücksichtnahme kennt. Obwohl es bald an Kritik und Druck auf ihn nicht fehlt, geht er kompromisslos gegen korrupte Drahtzieher und Hintermänner vor. Als er nach einem spektakulären Geldraub im Begriff ist, Verbindungen zwischen Gangstern, Großunternehmern und Politikern aufzudecken, spitzt sich die Lage dramatisch zu ... [Quelle: ARTE]
Von den mir bis dato bekannten Werken Yves Boissets hinterließ DER RICHTER, DEN SIE SHERIFF NANNTEN zweifelsfrei den nachhaltigsten Eindruck, obwohl der geschichtliche Hintergrund der Handlung für jemand, der sich nicht gerade explizit mit den politischen Begebenheiten im Frankreich der damaligen Zeit auseinandergesetzt hat, kaum nachzuvollziehen ist. Boissets beeindruckender Film beruht nämlich 'recht vage' auf einer wahren Begebenheit, nämlich dem bis zum heutigen Tag ungeklärten Mord an dem Richter François Renaud im Jahr 1975 in Lyon. Seine Bekanntheit erlangte François Renaud, der übrigens auch Gründungsmitglied des SM (Syndicat de la magistrature = linksorientierte Vereinigung von französischen Magistraten, die sich von den Idealen des Marxismus inspirieren ließen) war, aufgrund seiner unnachgiebigen Ermittlungs- und Verhörmethoden, die ihm letztendlich den Spitznamen des 'Sheriffs' einbrachten. In Boissets Film trägt der Richter den Namen Jean-Marie Fayard, der infolge seiner Ermittlungen an mehreren Todesfällen und Überfällen immer tiefer in ein korruptes Netzwerk aus Wirtschaft, Politik und Justiz eintaucht, das letztlich als Drahtzieher seiner aktuellen Untersuchungsfälle agiert. Neben dem OAS (Organisation der Geheimen Armee), einer politisch-militärischen Untergrundorganisation mit auffälliger Nähe zur extremen Rechten, die die französische Präsenz in Algerien mit allen Mitteln -einschließlich terroristischer Aktivitäten- verteidigen wollte, scheint in erster Linie die SAC (Service d’action civique), eine politisch-militante Organisation, welche die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens zu torpedieren versuchte, die treibende Kraft des rechtsgerichteten Netzwerkszu sein. Leider fehlt mir dahingehend das entsprechende Wissen über die geschichtlichen Hintergründe, mit denen ich mich aber bestimmt noch irgendwann auseinandersetzen werde. Wer dennoch mehr über die französischen Geschichtshintergründe erfahren möchte, der kann sich über die folgenden Wikipedia-Seiten (teils auf französisch) sowohl einen groben Überblick über die rechtsgerichteten Bestrebungen im Algerienkrieg als auch über die Person des Richters François Renaud verschaffen:
https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Renaud
https://de.wikipedia.org/wiki/Algerienkrieg
https://de.wikipedia.org/wiki/Organisat ... cr%C3%A8te
https://fr.wikipedia.org/wiki/Organisat ... cr%C3%A8te
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale ... (Algerien)
https://fr.wikipedia.org/wiki/Front_de_ ... %C3%A9rie)
https://fr.wikipedia.org/wiki/Service_d ... on_civique
Zwar funktioniert der Film, der mich obendrein stets an ein französisches Pendant eines italienischen Damiani-Thrillers erinnert, auch ohne Sachkenntnis über die geschichtlichen Hintergründe der damaligen Zeit, aber mit dem Wissen dürfte das Werk einen weitaus erheblicheren Tiefgang aufweisen. Neben einem spannungsgeladenen Handlungsverlauf, der weniger auf Actionszenen als vielmehr auf handlungsspezifische Suspense setzt, ist es gerade die mitreissende Darbietung Patrick Dewaeres, der in der Rolle des energischen Untersuchungsrichters Jean-Marie Fayard auf ganzer Linie überzeugt. Ebenso lässt sich auch sein Gegenspieler, Marcel Buzoffi, in keinster Weise lumpen, denn seine Darbietung als ominöser 'Captain' entpuppt sich als tadellos. Für die Rolle der Lebenspartnerin von Fayard wurde die französische Schauspielerin Aurore Clément auserkoren. Zwar legt ihr Rollencharakter Michelle Louvier einen hochgradigen Scharfsinn an den Tag, der sich aber weniger im Rahmen ihrer Partnerwahl, sondern vielmehr bei etwaigen rassistischen Hintergründen kriminellet Tat bemerkbar macht. Hinzu gesellt sich die hervorragende Bildgestaltung des Kameramanns Jacques Loiseleux sowie eine hörenswerte Filmmusik von Philippe Sarde.
In unseren Breitengraden wurde diesem bemerkenswerten Streifen lediglich ein Kinostart in der damaligen DDR zugesprochen, wobei die ARD diesen laut dem Wikipedia-Eintrag bereits vor dem besagten Kinostart in Westdeutschland ausstrahlte. Dies legt wiederum die Vermutung nahe, dass von dem Film zwei deutsche Synchronfassungen existieren, wobei Synchronkartei.de lediglich eine DEFA-Fassung auflistet. Eine deutschsprachige BD dieses französischen Meisterwerks ist mehr als wünschenswert.
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