DER RICHTER, DEN SIE SHERIFF NANNTEN - Yves Boisset

Türkploitation, isländische Kannibalenfilme und alles andere aus Europa
Antworten
Benutzeravatar
Richie Pistilli
Beiträge: 6023
Registriert: Sa., 31.10.2020 17:25
Wohnort: Provinzmetropole an Rhein und Mosel
Kontaktdaten:

DER RICHTER, DEN SIE SHERIFF NANNTEN - Yves Boisset

Beitrag von Richie Pistilli »

pstritlcndn2.jpg
pstritlcndn2.jpg (30.04 KiB) 2078 mal betrachtet


Der Richter, den sie Sheriff nannten (D)
Richter Fayard, genannt Der Sheriff (DDR)
Le juge Fayard dit Le Shériff (F)
Il giudice d'assalto (IT)
Ajuste de cuentas (ES)
Le Sheriff (UK)
Judge Fayard Called the Sheriff


F 1977

R: Yves Boisset
D: Patrick Dewaere, Aurore Clément, Marcel Bozzuffi, Philippe Léotard, Michel Auclair, Jean Bouise, Jean-Marc Thibault, Daniel Ivernel, Jean-Marc Bory u.a.



img2021-08-01-10h40m42s187.png


Deutsche TV-Premiere West: 04.12.1978 (ARD)

Deutsche Kinopremiere: 16.02.1979 (DDR)

Deutsche TV-Premiere Ost: 23.12.1979 (DFF1)

Synchronkartei

DEFA Filmdatenbank

Score: Philippe Sarde

IMCDb

OFDb



01.png
02.png
03.png
04.png

05.png
10.png
11.png
12.png

09.png
06.png
07.png
08.0.png



"Er schwimmt als Fettauge auf der reaktionären Brühe."


Der junge, idealistische Untersuchungsrichter Jean-Marie Fayard (Patrick Dewaere) ist dafür bekannt, dass er bei seinen Ermittlungen keine falsche Rücksichtnahme kennt. Obwohl es bald an Kritik und Druck auf ihn nicht fehlt, geht er kompromisslos gegen korrupte Drahtzieher und Hintermänner vor. Als er nach einem spektakulären Geldraub im Begriff ist, Verbindungen zwischen Gangstern, Großunternehmern und Politikern aufzudecken, spitzt sich die Lage dramatisch zu ... [Quelle: ARTE]


Von den mir bis dato bekannten Werken Yves Boissets hinterließ DER RICHTER, DEN SIE SHERIFF NANNTEN zweifelsfrei den nachhaltigsten Eindruck, obwohl der geschichtliche Hintergrund der Handlung für jemand, der sich nicht gerade explizit mit den politischen Begebenheiten im Frankreich der damaligen Zeit auseinandergesetzt hat, kaum nachzuvollziehen ist. Boissets beeindruckender Film beruht nämlich 'recht vage' auf einer wahren Begebenheit, nämlich dem bis zum heutigen Tag ungeklärten Mord an dem Richter François Renaud im Jahr 1975 in Lyon. Seine Bekanntheit erlangte François Renaud, der übrigens auch Gründungsmitglied des SM (Syndicat de la magistrature = linksorientierte Vereinigung von französischen Magistraten, die sich von den Idealen des Marxismus inspirieren ließen) war, aufgrund seiner unnachgiebigen Ermittlungs- und Verhörmethoden, die ihm letztendlich den Spitznamen des 'Sheriffs' einbrachten. In Boissets Film trägt der Richter den Namen Jean-Marie Fayard, der infolge seiner Ermittlungen an mehreren Todesfällen und Überfällen immer tiefer in ein korruptes Netzwerk aus Wirtschaft, Politik und Justiz eintaucht, das letztlich als Drahtzieher seiner aktuellen Untersuchungsfälle agiert. Neben dem OAS (Organisation der Geheimen Armee), einer politisch-militärischen Untergrundorganisation mit auffälliger Nähe zur extremen Rechten, die die französische Präsenz in Algerien mit allen Mitteln -einschließlich terroristischer Aktivitäten- verteidigen wollte, scheint in erster Linie die SAC (Service d’action civique), eine politisch-militante Organisation, welche die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens zu torpedieren versuchte, die treibende Kraft des rechtsgerichteten Netzwerkszu sein. Leider fehlt mir dahingehend das entsprechende Wissen über die geschichtlichen Hintergründe, mit denen ich mich aber bestimmt noch irgendwann auseinandersetzen werde. Wer dennoch mehr über die französischen Geschichtshintergründe erfahren möchte, der kann sich über die folgenden Wikipedia-Seiten (teils auf französisch) sowohl einen groben Überblick über die rechtsgerichteten Bestrebungen im Algerienkrieg als auch über die Person des Richters François Renaud verschaffen:


https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Renaud
https://de.wikipedia.org/wiki/Algerienkrieg
https://de.wikipedia.org/wiki/Organisat ... cr%C3%A8te
https://fr.wikipedia.org/wiki/Organisat ... cr%C3%A8te
https://de.wikipedia.org/wiki/Nationale ... (Algerien)
https://fr.wikipedia.org/wiki/Front_de_ ... %C3%A9rie)
https://fr.wikipedia.org/wiki/Service_d ... on_civique




Zwar funktioniert der Film, der mich obendrein stets an ein französisches Pendant eines italienischen Damiani-Thrillers erinnert, auch ohne Sachkenntnis über die geschichtlichen Hintergründe der damaligen Zeit, aber mit dem Wissen dürfte das Werk einen weitaus erheblicheren Tiefgang aufweisen. Neben einem spannungsgeladenen Handlungsverlauf, der weniger auf Actionszenen als vielmehr auf handlungsspezifische Suspense setzt, ist es gerade die mitreissende Darbietung Patrick Dewaeres, der in der Rolle des energischen Untersuchungsrichters Jean-Marie Fayard auf ganzer Linie überzeugt. Ebenso lässt sich auch sein Gegenspieler, Marcel Buzoffi, in keinster Weise lumpen, denn seine Darbietung als ominöser 'Captain' entpuppt sich als tadellos. Für die Rolle der Lebenspartnerin von Fayard wurde die französische Schauspielerin Aurore Clément auserkoren. Zwar legt ihr Rollencharakter Michelle Louvier einen hochgradigen Scharfsinn an den Tag, der sich aber weniger im Rahmen ihrer Partnerwahl, sondern vielmehr bei etwaigen rassistischen Hintergründen kriminellet Tat bemerkbar macht. Hinzu gesellt sich die hervorragende Bildgestaltung des Kameramanns Jacques Loiseleux sowie eine hörenswerte Filmmusik von Philippe Sarde.


In unseren Breitengraden wurde diesem bemerkenswerten Streifen lediglich ein Kinostart in der damaligen DDR zugesprochen, wobei die ARD diesen laut dem Wikipedia-Eintrag bereits vor dem besagten Kinostart in Westdeutschland ausstrahlte. Dies legt wiederum die Vermutung nahe, dass von dem Film zwei deutsche Synchronfassungen existieren, wobei Synchronkartei.de lediglich eine DEFA-Fassung auflistet. Eine deutschsprachige BD dieses französischen Meisterwerks ist mehr als wünschenswert.


13.0.png
13.png
15.png
16.png

25.png
18.0.png
19.png
20.png

21.png
22.png
23.png
24.png

17.png
28.png
28.0.png
27.png





Filmplakate:
► Text zeigen


Trailer:


Benutzeravatar
Richie Pistilli
Beiträge: 6023
Registriert: Sa., 31.10.2020 17:25
Wohnort: Provinzmetropole an Rhein und Mosel
Kontaktdaten:

Re: DER RICHTER, DEN SIE SHERIFF NANNTEN - Yves Boisset

Beitrag von Richie Pistilli »

s-l1600.jpg



"Wir sind schließlich keine Farbigen. Wir haben ziemlich gute Beziehungen. Zweifeln sie daran? "


Yves Boissets herausragender Politthriller konnte mich auch bei der dritten Sichtung voll und ganz in seinen Bann ziehen. Der temporeiche Film besticht nicht nur durch eine exzellente Besetzung (Patrick Dewaere, Philippe Léotard, Aurore Clément, Michel Auclair und Marcel Bozzuffi), sondern auch aufgrund seiner packenden Geschichte, die von dem französischen Regisseur inszenatorisch einwandfrei in Szene gesetzt wurde. Außerdem fühlt sich der eindrucksvolle Streifen den gesamten Handlungsverlauf über wie ein Damiani-Film an, der anstatt auf Sizilien in einer französischen Kleinstadt (vermutlich in Saint-Étienne) spielt. Patrick Dewaere, der den rastlosen Richter Fayard verkörpert, verfällt mit fortlaufendem Handlungsverlauf immer heftiger in einen regelrechten Ermittlungsrausch, der sodann auch den Zuschauer unweigerlich in seinen ekstatischen Bann zieht. Etwas Schmunzeln musste ich bei einer Suene, in der der blondgefärbte Marcel Bozzuffi in nicht einmal fünf Minuten einen exakt geplanten Raub durchführt, bei dem er und seine Bande 8,5 Millionen Francs erbeuten: Obwohl er in dieser Szene vollmaskiert ist, erkennt man ihn im Rahmen der Flucht dennoch eindeutig an seinem einzigartigen Laufstil, bei dem er tänzelnden Schrittes mit seinen Armen wild herumwirbelt. Da er diesen unnachahmlichen Laufstil, den sogar ein Blinder problemlos erkennen würde, fast in jedem seiner Filme an den Tag legt, hätte er sich die Maskierung eigentlich auch sparen können. Ansonsten bietet der Film rein gar nichts zum Lachen, sondern konzentriert sich ernsthaft auf die Ermittlungsarbeit seines rastlosen Hauptprotagonisten, der mit allen Mitteln versucht, ein korruptes Netzwerk aufzudecken, dem neben kriminellen Banden auch Großindustrielle, die rechtsgerichtete Terror-Organisation SAC, Mitarbeiter staatlicher Sicherheits- und Justizbehörden sowie Mitglieder aus den höchsten Regierungskreisen angehören. Ein sauspannender Politthriller, der auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala französischer Krimalfilme ganz weit oben seinen Platz hat. Wann erbarmt sich endlich ein deutsches Label und bringt dieses kleine Meisterwerk als BD heraus?



Auf anotherfilmanotherplanet.com gibt es eine lesenswerte Filmkritik, die das Wesentliche des Films sehr gut zusammenfasst:


"Zwei Jahre nach dem Attentat auf Richter Renaud in Lyon (3. Juli 1975), dessen Drahtzieher nie gefasst wurden, drehte Yves Boisset diesen eindringlichen Film, der direkt von dem Fall inspiriert war. Er unternahm dafür eine regelrechte journalistische Recherche (wahrscheinlich gründlicher als die der Polizei damals). Boisset, ein politisch engagierter Filmemacher, dessen Werke unter anderem MONSIEUR DUPONT, DAS ATTENTAT, KOMMANDO COBRA und KOMMANDO RAS umfassen , wurde regelmäßig für seinen Mangel an Differenzierung und seine karikaturhafte Herangehensweise an sensible Themen kritisiert. Doch obwohl er mitunter etwas grob vorgeht, beweist der Regisseur oft eine bewundernswerte und – insbesondere im französischen Kino – eher seltene Kühnheit. In DER RICHTER, DEN SIE SHERIFF NANNTEN spricht er Klartext und stellt die Dinge von Anfang an richtig, als einer der Protagonisten seine SAC-Karte (Service d'Action Civique) zückt, jenen berüchtigten Sicherheitsdienst, der ursprünglich zur Unterstützung von General de Gaulles Politik gegründet worden war.

Die SAC, die sich zu einer Art Parallelpolizei entwickelt hatte, antikommunistisch und gewaltbereit war, war zwanzig Jahre lang in dubiose Machenschaften verwickelt, bevor sie 1982 von François Mitterrand aufgelöst wurde (Yves Boisset wurde nach der Veröffentlichung des Films von SAC-Mitgliedern angegriffen). Der Film prangert die überhasteten und strafenden Methoden der Organisation an, die von rassistischen Tendenzen durchdrungen sind. Er thematisiert auch die Schwierigkeiten, mit denen Polizisten, Gerechtigkeitskämpfer und Menschen guten Willens konfrontiert sind, deren Befugnisse extrem begrenzt sind und die von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen werden, sobald sie eine unbequeme Wahrheit ans Licht bringen. Die Dreharbeiten, die unter strenger Aufsicht der Geheimdienste stattfanden, waren von zahlreichen Hindernissen geprägt. Als die Behörden in Lyon dem Filmteam den Zugang verweigerten, baute Boisset sein Kamerateam in Saint-Étienne auf und nutzte so die Kluft zwischen den Polizeikräften von Saint-Étienne und Lyon aus.

Die Zensur war gnadenlos und verbot jegliche Anspielungen auf die SAC. Der Begriff musste durch ein noch deutlicheres „Piep“ ersetzt werden (die ursprüngliche Version wurde nach der Auflösung der SAC wieder eingeführt). Boissets wirkungsvolle und realistische Regie trifft ins Schwarze. Patrick Dewaere, damals jünger als Richter Renaud, verleiht dem idealistischen Fayard sein vulkanisches, intensives und chaotisches Temperament, das sofort die Sympathie des Zuschauers gewinnt. Gerade die Unberechenbarkeit, ja sogar die Unkontrollierbarkeit des Schauspielers – mal jugendlich und naiv, mal ungestüm und aggressiv – bewahrt den Film davor, in allzu simplen Erzählstrukturen zu versinken. Die übrige Besetzung vereint die Crème de la Crème des französischen Kinos jener Zeit, eine Liste, die mit Sicherheit Nostalgie weckt: Jean Bouise, Philippe Léotard, Jacques Spiesser, Aurore Clément, Marcel Bozzufi, Michel Auclair, Jean-Marc Bory, Roland Blanche, Henri Garcin und andere. Sogar ein junger Bernard Giraudeau ist kurz zu sehen. Obwohl der Film 1978 nur drei César-Nominierungen erhielt (für die Leistungen von Patrick Dewaere, Philippe Léotard und Jean Bouise), war er ein großer Publikumserfolg und gewann außerdem den Louis-Delluc-Preis, der jährlich für den besten französischen Film des Jahres verliehen wird."


Ein kurzes Interview, in dem Yves Boisset auf die Zensurgeschichte sowie auf die teils gewaltsamen Reaktionen der SAC eingeht,
hatte ich bereits hier gepostet.


1.png
6.png
3.png
4.png

5.png
2.png
7.png
8.0.png

9.png
10.png
11.png
12.png

Antworten