mit Thomas Hunter, Marco Guglielmi, Gisela Hahn, Gloria Paul, Bedy Moratti, Renate von Holt, Herbert Fux, Tiziano Feroldi sowie Laura Solari und Ini Assmann
ein Mondo Film | Hape Film | im Verleih der Nora
ein Film von Pino Tosini
William Shakespeare hat geschrieben:Mir war, als kämen aller derer Seelen,
Die ich ermordet, mir ins Zelt; und jeder
Droht’ auf von morgen Rache Richards Haupte.
Die Inszenierung schweigt viel und suggeriert permanent eine tiefere Bedeutung, was den Betrachter schließlich zwingt, interpretatorische Lücken selbst zu füllen. Doch es ist an zahlreichen Stellen zu erahnen, dass man versucht hat, wenigstens das Beste daraus zu machen. Während eine Musiknummer die atmosphärische Kulisse der Londoner Vergnügungswelt etabliert, ereignet sich unmittelbar zuvor der erste Mord. Dieser Kontrast von oberflächlicher, fast mechanischer Unterhaltung und seinerzeit gerne angewandter Brutalität verleiht der Sequenz eine unterschwellige Dynamik und markiert den endgültigen Umschlagpunkt von der großstädtischen Vitalität hin zum … Shakespeare-Drama? Mitnichten, denn inmitten dieser Szenerie fallen Sätze von beinahe biblischer Tragweite, die versuchen, das moralische Dilemma der Erzählung zuzuspitzen. Die Bilder fangen die Dynamik der Studio-Metropole ein, während der Hinweis darauf, dass Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis schuf, als Kontrast zur Realität der Figuren angesetzt wird. Die visuelle Lebendigkeit steht im direkten Widerspruch zu der von der Regie durchaus interessant ausstaffierten Verworfenheit, bei der es gilt, die Verzerrungen aufzuzeigen. Dafür sind allerdings die richtigen Gestalten am Werk, die es jedoch erst zu ordnen gilt. Dass der Mensch mitunter zum Weltlichen neigt, zieht sich dabei wie ein roter Faden durch das filmische Gefüge, denn es geht um hohe Einsätze, die andeuten, dass es eine nicht geringe Anzahl von Verlierern geben könnte. Das erzählerische Dehnen der Handlung äußert sich in der Folge vor allem in den zeittypischen Schauwerten des späten 1960er-Jahre-Kinos. Während die aparte, weibliche Besetzung auffallend viel Haut zeigt, laviert der Protagonist an mehreren femininen Fronten gleichzeitig. Das Geschehen windet sich so zwischen erotisch aufgeladenen Momenten und der rücksichtslosen Jagd nach Geld. Diese Dynamik wird jedoch empfindlich durch ein weiteres Verbrechen durchbrochen, das die erzählerische Tonalität endgültig in den puren, vielleicht sogar nötigen Zynismus verschiebt. Der gewaltsame Tod einer der bis dahin ständigen Begleiter des Szenarios mündet in eine sehr bedrückende Sequenz, die in ihrer kühlen, fast mechanischen Inszenierung radikal mit den zuvor etablierten Oberflächenreizen bricht. Wo eben noch erotisch aufgeladenes Geplänkel herrschte, offenbart sich plötzlich die gefühllose Ernsthaftigkeit, die von Anfang an in der Luft lag. Die Entsorgung des Opfers und die darauffolgende, sterile Beseitigung der Spuren legt offen, wie es um die Moral der Handlanger, somit auch der Auftraggeber aussieht. Die Erzählung verharrt zudem nicht in ihren hochstilisierten Tendenzen, sondern schreitet relativ unsentimental voran.
Während die Suche nach dem Vermögen weitergeht, wechselt die Szenerie fast nahtlos, und der von Thomas Hunter stilecht gespielte Protagonist befindet sich bereits mit der nächsten Frau im Bett. Diese emotionale Starre und die prompte Austauschbarkeit der Figuren verdeutlichen den beinahe destruktiven Charakter des Films. Menschliche Beziehungen und selbst das Leben der Beteiligten besitzen keinen Eigenwert; sie sind lediglich strategische Allianzen oder kollaterale Verluste auf der unbarmherzigen Jagd nach Reichtum. Damit schließt sich im Grunde der Kreis zum von Shakespeare überlieferten Richard, der allerdings nur mit Spucke und Kaugummi hält. Auch hier ist das Agieren völlig losgelöst von Gewissensbissen wahrzunehmen, während die Maschinerie des Imperiums unaufhaltsam weiterläuft. Trotz punktueller Action-Einschübe und des besagten Zynismus herrscht jedoch insbesondere in diesem Mittelteil eine spürbare Spannungsarmut. Dieser schwächere Gesamteindruck resultiert zu einem großen Teil aus der Diskrepanz zur geweckten Erwartungshaltung. Der vollmundige, reißerische und zugegeben wohlklingende deutsche Verleihtitel "Fließband ins Jenseits" suggeriert ein rasanteres, kompakteres Spektakel, als es die tatsächliche Inszenierung liefert. Während der explizit literarische Nährboden den Kritiker dazu verleitet, das Geschehen intellektuell aufzuwerten und sogar gehobener zu analysieren, dürfte das Werk bei klassischen Genrefans komplett durchfallen, was letztlich auch die Verleihgeschichte bestätigt, denn der Film floppte an den wenigen Kinokassen. Wer hier eine blutige, straff durchgetaktete Genremaschine erwartet, wird wahrscheinlich auf eine Geduldsprobe gestellt werden. Wer zudem mit der monumentalen Vorlage Shakespeares vertraut ist, könnte hier im doppelten Sinne enttäuscht werden, da die zuvor angekündigte epische Wucht und die psychologische Tiefe von "König Richard III." zahlreichen Genre-Konventionen weichen, um nicht weiter von der Regie dechiffriert zu werden. Die Besetzungspolitik unterstreicht allerdings eine markante Facette des damaligen europäischen Kinos. Das italienische Genrekino dieser Epoche hegte eine offenkundige Wertschätzung für deutschsprachige, blonde Schauspielerinnen, sodass sich die Verpflichtungen von Gisela Hahn oder Ini Assmann nahtlos in eine gängige Praxis einreihen, bei der Darstellerinnen gezielt eingesetzt wurden, um den Produktionen einen Hauch von moderner Exotik und internationalem Flair zu verleihen. Gleichzeitig diente diese Strategie als verlässlicher Hebel für die Vermarktung auf dem wichtigen westdeutschen Kinomarkt, wo vertraute Gesichter das Publikum in die Kinos locken sollten – selbst wenn ihre Figuren fragwürdig agieren.
Das Ensemble setzt sich aus Stars zusammen, die dem zeitgenössischen Publikum auf dem Kontinent – und insbesondere in Deutschland – bestens vertraut waren. Neben Thomas Hunter und Gisela Hahn agiert hier die Ini Assmann, ebenfalls bekannt durch Auftritte in zeitgenössischen Genrefilmen. Komplettiert wird das Gespann durch Laura Solari, eine renommierte Darstellerin des italienischen Kinos, die hier in ihrem letzten Film zu sehen ist und deren Gesicht durch frühere Berührungspunkte keineswegs unbekannt war. Diese gezielte Zusammenstellung international anschlussfähiger Gesichter inmitten bester Spiellaune liefert genau das, was optimalerweise zu erwarten war. Trotz der Längen überzeugt das Werk visuell durch eine bemerkenswert kühne Kameraarbeit. Die Inszenierung nutzt ein prägnantes Nähe-Distanz-Spiel, das einem die Entscheidung abnimmt, Sicherheitsabstand behalten zu wollen. Ein besonderer ästhetischer Reiz liegt im harten Kontrast der Schauplätze, denn die Kamera wechselt dynamisch zwischen feudalen Interieurs und der funktionalen Ästhetik von Werkshallen oder Clubs. Dieser visuelle Kontrast spiegelt die Mechanismen des gezeigten Imperiums wider, in dem sich hinter polierten Fassaden und glänzenden Schuhen eine raue Realität verbirgt. Gleichzeitig zeigt die Bildgestaltung einen ausgeprägten Sinn für Komposition, Architektur und Symmetrie, indem sie immer wieder gezielt nach schönen Gesichtern und Kulissen sucht, die überraschenderweise keine Klagelieder von mangelndem Budget singen. Diese Fixierung auf die Attraktivität der Darsteller ist natürlich bitter nötig, um ihre Verworfenheit zu kaschieren. Man sucht und sucht, aber beim Finden eines klassischen Sympathieträgers bleibt man alleine. Trotz Vorhersehbarkeit präsentiert sich das Finale schließlich als inszenatorisch überaus interessant gelöster Höhepunkt. Im Rahmen einer Partysequenz erfährt das Hauptthema eine sehr moderne und freizügige Neuinterpretation, die den Sittenwandel der späten 1960er-Jahre bildhaft einfängt. In dieser aufgeladenen Atmosphäre entfaltet sich der Showdown über mehrere unerwartete Wendungen, die darüber hinaus brillant im Bilde eingefangen sind. Die Kameraarbeit findet hier zu einer dynamischen Hochform zurück, die die visuelle Eleganz des frühen Verlaufs wieder aufgreift. Auch wenn der Weg dorthin erzählerische Durststrecken aufweist, gelingt dem Film in seinen letzten Minuten ein visuell bemerkenswerter Schlussakkord, der das Werk als faszinierendes, wenn auch unebenes und heute schlussendlich unbedeutendes Dokument seiner Epoche entlässt. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass der Film zwar eine einmalige Idee liefert, bei der es sich aber um einen unbestreitbar schön anzusehenden Makel handelt.
