● NOVECENTO / 1900 (I|F|D|1976)
in den Hauptrollen | Robert De Niro | Gérard Depardieu | Dominique Sanda | Stefania Sandrelli | Burt Lancester | Donald Sutherland | Laura Betti | Werner Bruhns | Ellen Schwiers | Alida Valli
eine Produktion der PEA | Les Productions Artistes Associés | Artemis Film | im Verleih der United Artists
ein Film von Bernardo Bertolucci
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Bernardo Bertoluccis "1900" kann als eines der unzähmbarsten Mammutprojekte der Filmhistorie beschrieben werden, sprengte es Mitte der 1970er Jahre doch jeden bekannten Rahmen und gilt bis heute als eines der ambitioniertesten und kompromisslosesten Werke. Um die Dimensionen dieses Epos zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick hinter die Kulissen, auf die nackten Zahlen und die teils abenteuerlichen Produktionsnotizen. Schon die unglaubliche Laufzeit von rund 317 Minuten forderte die Kinobetreiber weltweit heraus, weshalb der Film in den meisten Ländern, darunter auch in Deutschland, als Zweiteiler in die Kinos gebracht werden musste. Finanzieren ließ sich ein solches Projekt nur durch ein dreiseitiges europäisches Co-Produktionsabkommen zwischen Italien, Frankreich und Deutschland, wobei die Berliner Artemis Film auf deutscher Seite einstieg. Diese Konstellation führte zu einer vertraglich festgeschriebenen Besetzungsquote, die dem deutschen Publikum prominente Gesichter wie Werner Bruhns, die junge Anna Henkel und die markante Charakterdarstellerin Ellen Schwiers bescherte. Bei einem Produktionsbudget von satten 20 Millionen D-Mark profitierten die Interpreten von großzügigen Blockgagen und Spesen, obwohl ihre reine Leinwandzeit im Vergleich zur Spieldauer des Films vergleichsweise kurz war. Am Set herrschte sozusagen ein babylonisches Sprachgewirr, da alle Schauspieler – von Robert De Niro auf Englisch über Gérard Depardieu auf Französisch bis hin zu den deutschen und italienischen Kollegen – in ihrer jeweiligen Muttersprache sprachen und der Film erst in der Postproduktion komplett synchronisiert wurde. Regisseur Bertolucci ging es bei seinen Darstellern nicht um reine Prominenz, sondern um Gesichter wie Landschaften oder Gesten wie Naturgewalten, sodass Kameramann Vittorio Storaro ein strenges visuelles Konzept für dieses Epos nutzte, indem er die vier Epochen des Films chronologisch in den vier Jahreszeiten drehte und sie farblich von der goldenen Sommerkindheit bis zum eisigen Winter des Faschismus trennte. Visuell inspiriert wurde der Film zudem von Giuseppe Pellizza da Volpedos berühmtem Monumentalgemälde "Il quarto stato", das im Vorspann eindrucksvoll zum Leben erweckt wird. Untermalt ist dieser Bilderrausch von einer der intensivsten Arbeiten des legendären Komponisten Ennio Morricone, der Auszüge aus den Opern Giuseppe Verdis – auf dessen Todestag im Jahr 1901 der Film beginnt – kunstvoll mit seinen eigenen, melancholischen Melodien verbindet. Die Dreharbeiten in Norditalien zogen sich über Monate hin und waren von massiven Kontroversen überschattet, da Bertoluccis marxistisch geprägter Blick auf die Geschichte sowie extrem explizite Darstellungen von Gewalt und Sexualität die Zensurbehörden in Alarmbereitschaft versetzten. Besonders in den USA führte dies zu erbitterten Rechtsstreitigkeiten mit der Produktions- und Verleihgesellschaft Paramount und schließlich zu radikal gekürzten Kinofassungen. Wer tiefer in dieses handwerkliche Meisterwerk einsteigt, merkt schnell, dass die Entstehungsgeschichte von "Novecento" fast genauso dramatisch und monumental war wie die Handlung des Films selbst. Bertolucci bietet eine kompromisslose filmische Untersuchung von Macht, Privilegien und Widerstand an, die in Erinnerung bleiben dürfte.