● FPOLGE 01 | DIE KRAMER > DIE NEUE (D|1969)
mit Barbara Rütting, Herbert Tiede, Hans Epskamp, Ernst A. Scheppmann, Helene Elcka, Dora Tillmann und Jörg Marquardt
eine Produktion der Werbung im Südwestfunk
eine Serie von Hans Müller
Die engagierte Studienrätin Dr. Kramer (Barbara Rütting) tritt ihre neue Stelle am traditionsreichen Carolus-Gymnasium an. Sie übernimmt als Klassenlehrerin die Unterprima – eine reine Jungenklasse voller rebellischer 18-Jähriger. Während der konservative Schuldirektor Dr. Berwig (Herbert Tiede) und das Kollegium der modernen Pädagogin mit Skepsis begegnen, gelingt es ihr durch Verständnis und Zivilcourage, das Vertrauen der Schüler zu gewinnen. Dr. Kramer versucht, zwischen der strengen Schulordnung und den Sorgen der Jugendlichen zu vermitteln …
Benötigt man Nachhilfe in speziellen Bereichen, so lässt sich diese mitunter auch in Serien oder Filmen in Anspruch nehmen. In dieser sechsteiligen Serie, in der Barbara Rütting die Titelrolle spielt, wird der Versuch gestartet, den Zuschauer mit moderner Auffassung zu überzeugen, nicht zu belehren. Der Episodentitel "Die Neue" deutet an, wo es hier lang gehen wird und Dr. Kramer tritt ihren Dienst an einer reinen Jungenschule an. Zuvor hatte sie ausschließlich Mädchen unterrichtet. Auch das Lehrerkollegium besteht nur aus Männern, was bereits im Vorfeld auf einige Reibungsflächen hindeutet. So wird sie als neue Klassenlehrerin einer angeblich berüchtigten Jahrgangsstufe und beim ersten Gespräch mit dem Direktor des Gymnasiums auch direkt vorgewarnt. Es handle sich um eine Ansammlung des unteren Leistungsdurchschnitts und man sei versteckter Opposition ausgeliefert. Es scheint, als wollte der alte Hase der jüngeren Kollegin direkt auf den Zahn fühlen, um ihre Reaktionen zu testen. So stellt sich aber sofort heraus, dass die Kramer sich nicht so einfach verunsichern oder manipulieren lässt, und sich auf ihre pädagogische Intuition verlassen kann. Die Klasse hat sie im Handumdrehen für sich gewonnen, muss dabei aber auch keine Tricks anwenden. Sie ist authentisch, aufrichtig und kann mit ihren Ansichten und ihrem Handeln die größte Schnittmenge zwischen Schülern und Lehrern erzielen. Mit der Neuen soll also ein frischer Wind einkehren, von dem alle Seiten nur profitieren können. Gesagt, getan? Als so einfach und reibungslos erweist sich die erste Geschichte dann doch nicht. Die größten Widerstände findet die ambitionierte Lehrerin nämlich tatsächlich in den eigenen Reihen, die eine Verbündete erwarten. Diskutiert wird darüber, ob ein Schüler einen Vollbart tragen darf? Wo das konservative Lager im Lehrerzimmer darin eine offensichtliche Provokation sieht, und bei dem besagten Schüler sozusagen alles über einen Bart schert, kristallisiert sich ein zweites, offeneres Lager heraus, in welchem Frau Dr. Kramer eine wichtige Rolle der Wortführerin übernimmt.
Sie entschärft die Situation nicht nur mit ihrer beruhigenden, aber gleichzeitig auch diskret fordernden Art und Weise, sondern vermittelt zwischen den verhärteten Fronten, obwohl sie nicht auf neutraler Ebene stehen kann und denken möchte. Handelt es sich also um eine Oppositionelle in den Reihen des Lehrerkollegiums, oder eine freie Denkerin? Viele Kollegen werden sich nicht die Mühe machen, zu differenzieren. Die Serie verläuft glatt und wirkt stellenweise auch etwas konstruiert, aber das ist gar nicht der springende Punkt. Überraschend und bemerkenswert zugleich ist, dass Barbara Rütting sich als glaubhafte Allrounderin in den Fokus spielen kann. Die Krimi-Expertin, die Dame, die Extravagante und Nonkonformistin, die Gute und Böse, die waschechte Komödiantin und vieles mehr - Rütting zu sehen ist stets ein besonderes Privileg, selbst in einer Serie wie dieser, die betont wenig Staub aufwirbeln wird. So hat die Wahl für die Titelrolle ihren Zweck bereits erfüllt, denn man nimmt der ambitionierten Lehrerin ihre Besonnenheit und Überzeugung jederzeit ab und es bereitet Freude, Rütting bei ihrer Überzeugungsarbeit zu begleiten. Mit Herbert Tiede als Direktor und Hans Epskamp als Vertreter der Schule von vor 100 Jahren hat man ebenfalls zwei überzeugende Volltreffer gelandet, die das Publikum immer wieder aus ihrer Komfortzone herauslocken. Insgesamt hätten die aufkommenden Diskussionen vielleicht etwas mehr Würze gut vertragen, aber so arbeitet die Regie die durch nichts aus der Ruhe zu bringende Art von Frau Dr. Kramer sachlich und nachhaltig heraus. Die Serie an sich ist überhaupt nicht vergleichbar mit den bekannten Lümmel-Filmen dieser Zeit und grenzt sich mit ernsthaften Ansätzen sehr klar von ihnen und der betretenen Klamauk-Schiene ab. So kann die Mini-Serie vielleicht als Gegenentwurf verstanden werden, die diese Strategie jedoch überhaupt nicht nötig hat. Zu sehen ist ein überzeugender Einstieg mit gut aufgelegten Schauspielern und einer starken Titelrolle, die ihre manchmal etwas zu weich gespülten Themen dennoch selbstbewusst zur Schau trägt.