
● UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN (D|1971)
mit Alain Noury, Konrad Georg, Judy Winter, Horst Tappert, Doris Kunstmann, Horst Frank, Heinz Moog, Eva Zilcher, Paul Edwin Roth, Peter Pasetti, Herbert Fleischmann,
Heinz Baumann, Jochen Brockmann, Friedrich Georg Beckhaus, Bruno Dallansky, Klaus Schwarzkopf, Karl Walter Diess, Franz Elkins, Mascha Gonska sowie Ruth Leuwerik
eine Luggi Waldleitner Produktion der Roxy Film | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfred Vohrer
»Schade, dass es diese Frau nur einmal gibt!«
Der argentinische Chemiker Rafaelo Aranda wird in Wien von der Buchhändlerin Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) vergiftet, die anschließend Selbstmord begeht. Die beiden verbindet anscheinend nichts, was den Fall für Hofrat Groll (Heinz Moog) noch undurchsichtiger macht. Als Arandas Sohn Manuel (Alain Noury) in Wien eintrifft, ist er fest entschlossen, den Fall aufzuklären, doch die Geheimdienste der Vereinigten Staaten, Sowjetunion und Frankreich heften sich gleich an seine Fersen und versuchen mit allen Mitteln, die Aufklärung der Angelegenheit zu verhindern. Oder steckt noch mehr dahinter? Manuels Recherchen führen ihn weit in die Vergangenheit und plötzlich auch zu der Mörderin seines Vaters, Valerie Steinfeld …
Alfred Vohrers Wechsel von der Berliner Rialto Film zur Münchener Roxy Film stellte für die deutsche Kinolandschaft eine deutliche Zäsur dar, wenngleich man diese Beschreibung keineswegs negativ auslegen sollte. Vohrers Vormachtstellung und eine durchaus einseitig entstandene Dominanz bei der immer noch laufenden Edgar Wallace-Reihe wurde beendet, um sich anderen Projekten widmen zu können, immerhin lag es auf der versteckten Hand, dass die Reihe nicht ewig laufen würde. So kann festgehalten werden, dass neue Besen nicht nur sprichwörtlich gut kehren, und es kam ein neuer Wind im beinahe einseitig bedienten Kino zustande. Der Stuttgarter Regisseur brachte es in einer Art neuen Domäne auf eine beachtliche Anzahl von Literaturverfilmungen, unter dem Banner Johannes Mario Simmel übernahm er sogar bei sechs Filmen die Regie. Der Startschuss kann mit "Und Jimmy ging zum Regenbogen" als überaus glücklich gewählt und insgesamt mehr als gelungen bezeichnet werden, denn ein erfahrener Handwerker wie Alfred Vohrer schafft es auch hier, die wichtigen Fundamente der Unterhaltung miteinander zu vereinen. Die Produktion wurde mit der "Goldenen Leinwand" ausgezeichnet und konnte sich mit ungefähr 4 Millionen Besuchern im Jahresranking der erfolgreichsten deutschen Kinofilme auf Platz drei behaupten. Außerdem wurde ihm das Prädikat "wertvoll" verliehen, um zusätzlich die Spielfilmprämie des Innenministeriums in Höhe von 200.000 D-Mark zu erhalten. Der Constantin Filmverleih wählte bei der Vermarktung eine Bewerbungsstrategie, die radikal über den Autor forciert wurde und offensichtlich aufging. Für filmische Umsetzungen nach Johannes Mario Simmel steht zunächst oft auf der Agenda, die teils komplizierte Rückblenden- und Personen-Struktur zu entschlüsseln und so herzurichten, dass sie vom Publikum leicht konsumiert werden kann. Hierfür war Vohrer der richtige Mann, der nicht nur über die nötige Erfahrung beim Inszenieren von Kino-Hits hatte, sondern auch das Verständnis für Zuschauerinteresse und entsprechende Kompatibilität. Es gilt, einen beinahe kindlich-poetisch klingenden Titel zu dechiffrieren, der im Verlauf noch spannende Rätsel und Brisanz der Vergangenheit und Gegenwart bereithalten wird, was in Verbindung mit Alfred Vohrers Handschrift blendend aufgeht.
Die Regie greift auch hier auf eine bewährte Entourage zurück, jedoch nicht, ohne diese bedeutend zu erweitern. Dies gilt vor allem für die jungen Akteure und insbesondere für den Franzosen Alain Noury, der seinerzeit als eines der hoffnungsvollsten europäischen Talente gehandelt wurde, jedoch nie den ganz großen Durchbruch erzielen sollte. Manuel Aranda wird gleich nach Ankunft am Wiener Flughafen in eine unübersichtliche Situation platziert, die von den Geheimdiensten der Großmächte orchestriert wird. Seine Liquidierung scheint beschlossene Sache, sodass von Anfang an große Zustände der Hochspannung forciert werden können. In letzter Minute muss ein anderer Kopf rollen, sodass die Geschichte minutiös aufgerollt werden kann. Am Ende muss das Publikum akzeptieren, dass man es nur mit einer Schachfigur in einer Partie zu tun hat, die der Kaltblütigkeit und Übermacht der Offiziere vielleicht nicht gewachsten sein wird. Manuel möchte den Tod seines Vaters aufklären, dessen Vergiftung fällt völlig aus dem Zusammenhang, die dafür verantwortliche Person umso mehr. Ein Film wie dieser, der auf modellierende Rückblenden bauen muss, um wichtige Charaktere der Vergangenheit vorstellen zu können, braucht eine gute Strategie, um eine flüssige Verknüpfung herzustellen. Der Zuschauer wird zurück in die Zeit des Nationalsozialismus geführt, um unschuldige Opfer und pathologische Täter kennenzulernen, die den Lauf der Dinge bestimmen. Einige der Schauspieler übernehmen dabei die Funktion, die Vergangenheit ebenso wie die Gegenwart zu repräsentieren und maßgeblich zu beeinflussen. Hier ist vor allem die damals Mitte 20-jährige Judy Winter zu erwähnen, für die die Rolle der Nora Hill als großer Durchbruch gewertet werden kann. Winter musste in den aktuellen Szenen als über 50-jährige Frau zurechtgemacht werden, was eine besondere Form fesselnder Momente fabriziert, denn diese Dame hat allerlei zu berichten, könnte alles mit einem Schlag aufklären, wenn sie wollte oder besser gesagt dürfte. Doch auch sie ist im Würgegriff der Geheimdienste, insbesondere des Sowjetischen. Dessen Kopf wird von einem wie immer großartigen Peter Pasetti dargestellt, dessen Kult um Nora Hill aus Nutzung und Erpressung besteht, wenngleich der eigentliche Ursprung reine Bewunderung ist.
Dem Sprichwort nach heile die Zeit alle Wunden, doch hier werden unaufhörlich neue, klaffende Verletzungen aufgerissen. Die Wahrheitsfindung fordert hohe Konzentration und Aufwand, aber ebenso Vorsicht, denn niemand ist mehr seines Lebens sicher, falls anzunehmen wäre, dass es zu peinlichen Indiskretionen kommen könnte. Darstellerisch bekommt man Unterhaltung auf höchstem Niveau geboten, was sich bis in die kleinen Nebenrollen abbildet. Hervorragend agieren Konrad Georg, Horst Tappert, Heinz Moog, Horst Frank, Paul Edwin Roth, Friedrich Georg Beckhaus, Jochen Brockmann, Klaus Schwarzkopf sowie Eva Zilcher oder Doris Kunstmann. Bei aller ausgiebigen Aufzählung ist man allerdings schneller fertig, wenn betont wird, dass sich keinerlei schwache oder unangepasste Leistungen im Szenario finden lassen. So gut wie jede der Personen behält dabei den Charakter einer Schlüsselfigur inne, was vor allem für den großen Besetzungs-Clou Ruth Leuwerik gilt, welche hier nach jahrelanger Leinwand-Abstinenz wieder vor der Kamera agiert. Valerie Steinfeld löst eine stillgelegte Kettenreaktion wieder aus, die mit Mord beginnt und mit Gleichem aufzuhören hat. Alfred Vohrer inszeniert aufwändig und erklärend, sodass dem teils verschlüsselt wirkenden Verlauf leicht zu folgen ist. Überraschende Wendungen, noch überraschendere Mosaiksteine, die diese Geschichte zu einem Gesamtbild zusammenfügen und der Blick in eine dunkle Zeit machen "Und Jimmy ging zum Regenbogen" zu einer in allen Belangen gelungenen Roman-Adaption, die wie die Vorlage zum Bestseller wird. Die weitreichende Stringenz durch Manfred Purzers Drehbuch, die Kopplung mit der hochwertigen Kamera-Arbeit von Charly Steinberger und die wunderbare Musik von Erich Ferstl lassen diesen Film formvollendet erscheinen, vor allem wenn man das übliche deutsche Kino-Angebot dieses Zeitfensters betrachtet. Der Film verfügt über gut 130 Minuten ausladender und fordernder Unterhaltung und setzt schlussendlich auf eine teils zehrende Dialogarbeit, die den ein oder anderen abschrecken könnte. Als Grundstein für weitere Verfilmungen von Johannes Mario Simmel setzt Alfred Vohrer eine sehr hohe Messlatte für sich selbst an, die nicht nur von der Stärke der Vorlage ausgeht, sondern gleichermaßen vom Geschick des Regisseurs. Sehenswertes Bestseller-Kino.