Leichen unter brennender Sonne (D)
Laissez bronzer les cadavres (F)
Dejad que los cadáveres se bronceen (ES)
Cadáveres ao Sol (POR)
Let the Corpses Tan
BE / F 2017
R: Hélène Cattet & Bruno Forzani
D: Elina Löwensohn, Marc Barbé, Bernie Bonvoisin, Michelangelo Marchese, Hervé Sogne, Dorylia Calmel, Stéphane Ferrara, Bamba Forzani Ndiaye, Pierre Nisse, Marine Sainsily, Tristan Schotte u.a.
Deutsche Erstaufführung: 20. Januar 2018
Synchronkartei
Nischenkino
Score: Ennio Morricone, Christophe, Mario Migliardi, Nico Fidenco und Stelvio Cipriani
OFDb
An einem flirrend heißen Sommertag auf Korsika treffen in einer Burgruine mit Meerblick aufeinander: Malerin Luce (Elina Löwensohn) und ihre beiden Lover (Marc Barbé und Michelangelo Marchese), ein zu allem bereites Gangster-Trio (Stéphane Ferrara, Bernie Bonvoisin und Pierre Nisse) das gerade einen blutigen Überfall auf einen Gold-Transport durchgeführt hat, zwei in schweres dunkles Leder gekleidete Motorrad-Cops (Dominique Troyes und Hervé Sogne) und drei scheinbar arglose Touristen (Dorylia Calmel, Marine Sainsily und Bamba Forzani Ndiaye). Ohne Rücksicht auf Verluste gehen alle Beteiligten aufeinander los, im Kampf um Leben und Tod – und um 250 Kilo reines Gold. Am nächsten Morgen gleicht das verlassene Örtchen einem blutigen Schlachtfeld… [Quelle: Koch Media]
Nachdem das französische Filmemacherpaar Hélène Cattet & Bruno Forzani mit AMER und DER TOD WEINT ROTE TRÄNEN dem Giallo-Thriller huldigte, widmeten sie sich mit LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE dem Italo-Western - genauer gesagt, drehten sie einen Neo-Western, der in einen knallharten Gangsterfilm transferiert wurde. Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern weist LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE eine klare Erzählstruktur auf, was wiederum eine problemlose Nachvollziehbarkeit der Handlung mit sich bringt. Der film basiert auf dem Kriminalroman "Laßt die Kadaver bräunen!" von Jean-Patrick Manchette und Jean-Pierre Bastid aus dem Jahr 1971.
Der Film zeigt einen ereignisreichen Tag im Leben mehrerer Personen, die sich allesamt in einer verfallenen Ruine zusammenfinden. Zunächst wäre da die Künstlerin Luce, die eigentlich mit ihrem Liebhaber, dem Schriftsteller Max Bernier, eine gute Zeit verbringen möchte. Ebenfalls vor Ort: ein befreundeter Rechtsanwalt. Um 12:30 überfallen drei Gangster in unmittelbarer Nähe einen Geldtransporter. Sie fliehen mit ihrer Beute, 12kg Goldbarren, in die beschauliche Ruine, wobei sie unterwegs noch drei Touristen aufgabeln: die Ehefrau und den Sohn von Max Bernier sowie die Tagesmutter. Kurze Zeit später tauchen zwei Motorrad-Cops in der Ruine auf, infolgedessen die Situation zu eskalieren beginnt. Während die Polizistin quasi hingerichtet wird, gelingt es ihrem Kollegen, sich in ein Versteck zu retten, von wo aus er sich ein bleihaltiges Feuergefecht mit den Gangstern liefert. Zu allem Überfluss spielen auch einige Personen ein falsches Spiel, denn einer der Gangster versucht zusammen mit dem Rechtsanwalt sich die millionenschwere Beute unter den Nagel zu reißen. Dies hat wiederum zur Folge, dass sich die Gangster nicht nur mit dem hartnäckigen Cop bekriegen, sondern auch gegenseitig. Dementsprechend eskaliert die Situation immer heftiger, bis am darauffolgenden Tag nur noch ein paar wenige Personen am Leben sind.
Mit LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE gelang es dem Filmemacherpaar erstmals Ausgewogenheit zwischen avantgardistischer Inszenierung und der Nachvollziehbarkeit der Handlung herzustellen. Dabei wird der Handlungsverlauf anhand eingeblendeter Uhrzeiten zeitlich strukturiert, wobei aber das Geschehen auch mal zeitversetzt aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird. Hinzu gesellt sich ein Personengefüge, bei dem der Zuschauer schon mal leicht den Überblick verlieren kann. Dennoch ist alles nachvollziehbar und sorgfältig inszeniert. Die Leidenschaft des verheiratete Regie- und Drehbuchduos ist jeder einzelnen Pore des atemberaubenden Streifens anzumerken. Der Film atmet nur vordergründig den Geist des Italo-Westerns, denn handlungstechnisch überwiegt der italienische Gangsterfilm. Bereits beim Titelvorspann kam mir unweigerlich Mario Bavas WILD DOGS in den Sinn. Was den Spaghetti-Western betrifft, so sind es mehr der Look und die Drehorte wie beispielsweise die Ruine, ein Friedhof oder eine zerfallene Kirche, die neben den entsprechenden visuellen Darstellungen, welche die Essenz der italienischen Western-Genres ans Tageslicht befördern, ein Western-Feeling versprühen. Und die Melodie einer Spieluhr darf natürlich auch nicht fehlen. Dafür wurden beispielsweise die Colts zu Hause gelassen, denn das endlose Bleigewitter wird im vorliegenden Film mit Maschinengewehren und Schnellfeuerwaffen zelebriert. Das Ganze wird in einem für die beiden Regisseure typischen Bilderstrudel dargeboten, der den gesamten Handlungsverlauf über eine hypnotische Wirkung ausstrahlt. Hinzu gesellen sich eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, bei denen der Zuschauer den Staub und den triefenden Schweiß regelrecht schmeckt sowie die Hitze der brennenden Sonne ungefiltert spürt. Ein audiovisuelles Erlebnis, das sowohl betörend als auch verstörend wirkt. Fernerhin weist die detailverliebte Inszenierung zahlreiche Filmzitate auf. Abgerundet wird der Film mit immer wieder gern gehörten Kompositionen von Ennio Morricone, Christophe, Mario Migliardi, Nico Fidenco und Stelvio Cipriani. Was die visuellen Kapriolen betrifft, so entpuppt sich LEICHEN UNTER BRENNENDER SONNE im Vergleich zu seinem Nachfolger, REFLECTION IN A DEAD DIAMOND, ein kleines bisschen weniger verspielt. Was bleibt, ist ein fabelhafter Film, der sich nicht nur zwischen Kunstkino und Trivialfim bewegt, sondern auch aufgrund seiner Machart maßlos fasziniert. Ein audiovisuelles Meisterwerk!
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Deutscher Trailer:
