EIN TOTER BRAUCHT KEIN ALIBI - Karlheinz Bieber

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
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Prisma
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EIN TOTER BRAUCHT KEIN ALIBI - Karlheinz Bieber

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● EIN TOTER BRAUCHT KEIN ALIBI (D|1967) [TV]
mit Eva Pflug, Wolfgang Kieling, Tilla Durieux, Peter Schiff und Karl Michael Vogler
eine Produktion der TV Union | im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens
ein Fernsehfilm von Karlheinz Bieber

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»Sie müssen eine Halluzination gehabt haben!«


Mark Renfrew (Wolfgang Kieling) kommt bei einem Verkehrsunfall ums Leben, seine Frau Liz (Eva Pflug) identifiziert die verbrannte Leiche. Die neue Situation bringt sie in die Lage, freie Bahn bei ihrem Liebhaber Steve (Karl Michael Vogler) zu haben. Als dieser sich eines Abends verabschiedet, taucht Sergeant Bristol (Peter Schiff) bei Liz auf, um sie zu warnen, dass ein Mörder umgeht, der kurz zuvor eine Frau erwürgt hat. Liz ist zunächst wenig beunruhigt, bis sie bemerkt, dass ein Mann um das Haus herumschleicht. Als der Schatten Gestalt annimmt, muss sie erfahren, dass totgesagte offenbar doch länger leben …

Auch im Produktionsjahr 1967 waren Kriminalverfilmungen für das Fernsehen immer noch hoch im Kurs und kamen daher auch zahlreich zustande. Solide bis kühl von Karlheinz Bieber inszeniert, wird diese Kriminalgeschichte nach Lester Powell in kurzen 63 Minuten verständlich und im Gros etwas behäbig aufgerollt, lebt aufgrund des isolierten Settings, welches sich auf wenige Räume beschränkt, beinahe ohne Außenaufnahmen von den Dialogen und den hier prominent besetzten Hauptrollen. Zu Beginn werden die Personen und die Situation kurz vorgestellt, um eine ausgiebige Phase folgen zu lassen, in der die Kamera lediglich innocent bystander bleibt, um jede einzelne Bewegung von Eva Pflug in ihrem Haus zu dokumentieren. Dabei bleibt sie oftmals beinahe höflich vor den Kulissentüren stehen, um plötzlich in einem Intervall der Spannung aktiv zu werden, denn ein Schatten schleicht um das Anwesen. Da der kurz zuvor aufgetauchte Sergeant von einem Mörder berichtet hatte, der eine Frau ermordet habe, sieht man auch die Protagonistin in Gefahr schweben, doch es kommt überraschenderweise anders als vermutet, denn ein Toter steht plötzlich im Raum. Liz feuert zwei Schüsse auf den Eindringling ab, der gerade noch so den Weg zur Seite schlagen kann. Was folgt sind sehr ausladende Erklärungen und Dialoge, die zwar gut geführt und konstruiert sind, doch die anfängliche Spannungsamplitude kann in diesem Verlauf nicht wieder reproduziert werden. So blickt man auf eine Art Krimi-Kammerspiel, welches auch fernab der Darsteller mit prominenten Namen des deutschen Kino-Krimis ausstaffiert ist. Dem Publikum bleibt fortan nichts anderes übrig, als den Gesprächen aufmerksam zu folgen, aus denen sich noch ein paar Überraschungen herauskristallisieren werden. Da diesen ein perfider Plan zugrunde liegt, kann man sich so gut wie sicher sein, dass sich die Ereignisse gegen Ende noch überschlagen und die Sicherheit ausgewählter Personen zunichtegemacht werden dürfte. Da die schwammige Diagnose Amnesie im Raum steht, ist reichlich Unberechenbarkeit wahrzunehmen, zumal niemand sagen kann, wann und ob es zu einer spontanen Remission kommen wird.

Im Grunde genommen handelt es sich um eine Art Fünf-Personenstück, in dem jeder der Charaktere einen genauen und darüber hinaus erkennbaren Auftrag hat, sodass sich eine Vorhersehbarkeit etablieren kann, welche die Spannung insgesamt unterwandert. Allerdings kristallisieren sich jeweils gute schauspielerische Leistungen heraus, was die Aufmerksamkeit fördert. Eva Pflug, eine stets überzeugende Akteurin auf beiden Seiten der Moral, wird hier weniger vom Zuschauer, als von sich selbst zugeordnet, aber sie löst ihre Aufgabe wie üblich sehr gut. Sie wird beinahe wahrgenommen als lustige Witwe, da man gleich zu Beginn ihren Liebhaber vorgestellt bekommt. So gerät sie schnell in die Verlegenheit, dabei zusehen zu müssen, wie sich die durchgeplante Situation in Komplikationen zu verirren hat, aus der es keinen einfachen Weg mehr herauszugeben scheint. Pflug wirkt trotz ungünstiger Ausgangslage resolut und stark, zumal der Frau mit dem nach vorne gerichteten Blick nichts anderes übrig bleibt. Karl Michael Vogler bietet wie so oft eine Sympathie/Antipathie-Variante an, innerhalb derer man oft vor die Entscheidung gestellt wird, wo er zu verorten ist. Wie meistens hilft er selbst sachdienlich bei einer Entscheidungsfindung, was auch hier der Fall ist. Wolfgang Kieling reiht sich in den Personenkreis der wenig greifbaren Personen ein, immerhin könnte er der gesuchte Frauenmörder sein, doch er kann sich praktischerweise an nichts mehr erinnern. Die Suche nach der Wahrheit gestaltet sich daher wie eine klassische Scharade, die hier gerne mit ein paar mehr Finessen hätte ausgerüstet werden dürfen. Neben diesen drei Hauptpersonen tauchen nur noch Peter Schiff als Stimme des Gesetzes und Tilla Durieux als alte Klatschtante aus der Nachbarschaft auf, was einen abrundenden Charakter fabriziert. Am Ende ist man mit "Ein Toter braucht kein Alibi" ordentlich bis konservativ bedient, zumal der Berliner Regisseur routiniert inszeniert und bemüht ist, das Optimum aus den vorhandenen Grundvoraussetzungen herauszuschlagen. So bleibt eine buchstäblich gepflegte kriminalistische Unterhaltung mit leisen Zwischentönen der menschlichen Psyche, was man sich bei grundsätzlichem Interesse durchaus einmal ansehen kann.

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