DER FALL VON NEBENAN

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Prisma
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DER FALL VON NEBENAN

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● DER FALL VON NEBENAN (D|1970-75)
in den Hauptrollen | Ruth Maria Kubitschek | Gerd Baltus | Witta Pohl | Curt Timm
eine Serie von | Claus Peter Witt | Erich Neureuther | Roger Fritz | Hermann Leitner | Tom Toelle | u.a.
eine Studio Hamburg Filmproduktion | für Norddeutsches Werbefernsehen



»Alte Häuser. Neue Häuser: Einladend freundlich, unfreundlich oder abweisend. Fassaden, hinter denen Menschen wohnen. Menschen mit Sorgen und Nöten, mit großen und kleinen Problemen. Schicksale, die so oft sorgfältig verborgen werden, aus Angst vor den Nachbarn, aus Scham, aus Verzweiflung. Aus der Arbeit der Fürsorge berichtet die Serie "Der Fall von nebenan".« Ab dem Jahr 1970 entstanden innerhalb von fünf Jahren 53 Episoden dieser ambitionierten Serie, die die Arbeit der Fürsorge und die Probleme des Alltags näherbringen möchte. In der Hauptrolle der Fürsorgerin Hanna Seidler ist Ruth Maria Kubitschek zu sehen, bei der sich schnell herausstellt, dass sie wie geschaffen für den Part der beherzten Helferin ist, zumal sie eine interessante Mischung aus resolutem, sachlichem und vertrauenswürdigem Vorgehen präsentiert und ihrer Klientel kraftvoll zur Seite steht. Von Gerd Baltus und Witta Pohl werden in unterstützender Weise zwei völlig andere Entwürfe angeboten, was den Folgen zum Teil sogar eine hohe Glaubwürdigkeit verleihen kann. Kunbitschek spielte ihren Part nicht durchgehend von Anfang bis Ende, sondern sie ist in gut vierzig Folgen zu sehen. Die Episoden verfügen über eine Spielzeit von 25 Minuten, sodass die Themen sehr straff organisiert wirken, sodass ein hohes Maß an Tempo aufkommen kann. Unterschiedliche Bearbeitungen von mehreren Regisseuren bringt Abwechslung in die Geschichten, die teils sehr brisante Themen behandeln, von denen einige auch heute noch aktuell wirken. Wie bei Serien dieser Art und Mengenordnung üblich, sind auch viele bekannte Gast-Darsteller, wie etwa Klaus Löwitsch, Renate Küster, Claudia Butenuth, Andreas Seyferth oder Marius Müller-Westernhagen zu entdecken, die in verschiedenste Rollen des hier dargestellten Milieus schlüpfen. Manche der Folgen wirken für heutige Begriffe etwas überholt, aber im Gros kann man sich "Der Fall von nebenan" immer noch gut anschauen, da die Serie insgesamt kurzweilig ausgefallen ist.

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Prisma
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Re: DER FALL VON NEBENAN

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● FOLGE 01 | SCHWIERIGKEITEN BEI WINKLERS (D|1970)
mit Ruth Maria Kubitschek, Gerda Gmelin, Gerhard Friedrich und Curt Timm
als Gäste: Andreas Seyferth, Dagmar Biener, Hans Ulrich, Werner Nippen, Joachim Richert und Gernot Endemann
hergestellt im Studio Hamburg | für Norddeutsches Werbefernsehen
Regie: Erich Neureuther



Jürgen Winkler (Andreas Seyferth) konnte seine schwangere Freundin Lisbeth (Dagmar Biener) durch eine vorzeitige Mündigkeitserklärung heiraten, doch die jungen Eltern stehen vor zahlreichen Problemen. Die Fürsorgerin Hanna Seidler (Ruth Maria Kubitschek) steht der jungen und verzweifelten Mutter zur Seite, die befürchtet, dass ihr Mann durch den Traum vom großen Geld auf die schiefe Bahn gerät. Sein Vater lehnt die sogenannte Frühehe und seine Schwiegertochter ab. Die Fürsorgerin sucht nach dem seit Tagen von zu Hause fernbleibenden Jürgen und muss erkennen, dass er sich mit zwielichtigen Gestalten in einschlägigen Spielsalons und Bars herumtreibt. Sie sieht sich zum Handeln gezwungen …

»Also ich betone nochmals ausdrücklichst, ich war von Anfang an, ja, von Anfang an gegen eine vorzeitige Mündigkeitserklärung des Jürgen Winkler. Ganz im Gegensatz zu Ihnen, Fräulein Seidler!« Dieser Seitenhieb einer älteren Kollegin in Richtung der Fürsorgerin weist auf festgefahrene Strukturen in der Behörde hin. Als ihr Chef auch noch anmerkt, ob es nicht besser sei, der ohnehin sehr beschäftigten Frau einen männlichen Kollegen zur Seite zu stellen, wird klar, dass sie in ihrem Job nicht nur für Anerkennung zu kämpfen hatte, sondern es immer noch an der Tagesordnung zu sein scheint. Ruth Maria Kubitschek kann in der ersten Folge der straff organisierten Serie gleich durch Empathie punkten, die eine interessante Kopplung mit Pragmatismus eingeht. Zuvor stand sie mit ihrem Rat bei einer jungen und verzweifelt wirkenden Mutter zur Seite, die genau wie sie Leidtragende in männlich dominierten Strukturen zu sein hat. Lisbeths Mann Jürgen träumt vom großen Geld, lässt sich daher mit Personen ein, die leeren Versprechungen gleichen. Die paar Mark, die er hat, versäuft und verspielt er in aller Regelmäßigkeit, für Frau und Kind besteht kein gesteigertes Interesse. Als sich die Fürsorgerin an ihn heftet, fühlt er sich unter Druck gesetzt, doch in einem Gespräch unter vier Augen lässt er etwas tiefer als sonst blicken. Jürgen ist frustriert, von der Situation, von sich, einfach von allem. Auch von seinem Vater, der sich später noch selbst vorstellen wird, als Hanna ihn aufsucht. Von seinem Sohn, dessen junger Frau und Enkelkind redet er wie von Fremden, seine festgefahrenen gedanklichen Strukturen werden nicht zu ändern sein, also setzt sie natürlich bei Jürgen an, der leicht zu kassieren sein wird, wenn man die richtigen Knöpfe drückt oder Konsequenzen in Aussicht stellt. Für eine Vorstellung der von Ruth Maria Kubitschek dargestellten Figur und deren breit aufgestellten Arbeitsfeldes eignet sich diese erste Episode sehr gut, denn man lernt das Engagement, die Vehemenz und die Empathie der ständig auf Achse wirkenden Frau kennen, die sich offenbar mit keinem Nein begnügt.

Regisseur Erich Neureuther hat für die erste Episode ein klassisches Thema der Fürsorge zur Verfügung, welches sehr atemlos organisiert wirkt. Schnelle Schnitte und ebenso schnelle Ortswechsel begünstigen einen guten Drive, unterstreichen dabei die resolute Art der Hauptfigur, die sehr eingängig von Ruth Maria Kubitschek dargestellt wird. Sie scheut keinen Brennpunkt, keine Konfrontation mit Klientel oder Vorgesetzten. Als man Hanna Seidler ihre Kompetenzen indirekt abspricht, in dem man ihr männliche Unterstützung avisiert, bleibt sie kühl und gelassen, arbeitet wie gewohnt einfach weiter. Auch hier meidet sie keine Gefahren, sucht dubiose Spielsalons und Bars auf, um den verlorenen Ehemann ihrer jungen Klientin wiederzufinden. Als es gegen Ende richtig gefährlich für sie wird, sucht sie den Weg nach vorne. Manchmal ist einem so, als bekomme sie gleich Prügel von den Kleinkriminellen, aber sie scheint stets die geregelte Bahn für ihre Schützlinge vor Augen zu haben. Die erste Episode ist mit Andreas Seyferth, Dagmar Biener oder Gernot Endemann gut besetzt und bei aller zeitlichen Begrenzung erschließen sich sehr einprägsame Szenen. Es kommt einem nicht unbedingt so vor, dass die Folge mit aller Gewalt auf ein Happy End getrimmt ist, immerhin birgt die tägliche Arbeit genau diese Risiken, auch einmal Fehlschläge hinnehmen zu müssen. Ein bisschen Action und angedeutete Gewalt lassen sogar Anflüge von Spannung aufkommen, sodass die Weichen optimal gestellt wirken, beim nächsten Fall auch wieder mit von der Partie sein zu wollen. Mit Ruth Maria Kubitschek hat man es jedenfalls mit einer wandlungsfähigen Expertin zu tun, der man ihre bemüht anspruchsvolle Rolle auch zu jederzeit abnimmt. Dass hin und wieder etwas Tiefgang zu fehlen hat, ist der Kürze der Episoden zu verdanken. "Der Fall von Nebenan" erfährt mit "Schwierigkeiten bei Winklers" einen überaus günstigen Start mit griffigem Gesellschaftsthema, welches den Zuschauer von heute in ein Fenster von damals blicken lässt, dessen zahlreiche Problematiken von gestern auch heute noch aktuell sind.

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