DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● DREI MÄNNER IM SCHNEE (D|1973/74)
mit Klaus Schwarzkopf, Thomas Fritsch, Roberto Blanco, Lina Carstens, Grit Boettcher, Gisela Uhlen, Susanne Beck, Herbert Fleischmann
Elisabeth Volkmann, Ingrid Steeger, Fritz Tillmann, Klaus Grünberg, Franz Muxeneder, Rainer Basedow, Ulrich Beiger, Bruno W. Pantel, u.a.
nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner
ein Roxy Film | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfred Vohrer

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»Rache muss man kalt genießen!«


Um seinem Alltag und den damit verbundenen Personen entfliehen zu können, kürt sich der Millionär Otto Tobler (Klaus Schwarzkopf) zum Gewinner des Preisausschreibens seines eigenen Unternehmens, um als normaler Gast in einem Ski-Hotel absteigen zu können. Tobler möchte somit einmal etwas anderes als die Sonnenseite des Lebens kennenlernen. Beim Hotelpersonal sickert allerdings durch, dass ein millionenschwerer Gast im Haus hofiert werden muss, doch Boris Dorfmeister (Thomas Fritsch) wird irrtümlich für diesen gehalten und Tobler von oben herab behandelt...

Erich Kästners Roman "Drei Männer im Schnee" wurde über die Jahre gesehen bereits mehrfach verfilmt, zumal sich der ergiebige Stoff blendend für ein gelungenes Filmvergnügen eignet, wobei die erste deutsche Verfilmung von Regisseur Kurt Hoffmann bereits fast 20 Jahre zurücklag, an dessen Adaption Erich Kästner sogar höchstpersönlich beteiligt war. Alfred Vohrers Version aus den 70er-Jahre wurde lediglich mit gemischten Gefühlen aufgenommen und kommt nicht an den Klassiker von 1955 heran, doch man sollte auch Vohrers Regie-Arbeit losgelöst von Vergleichen betrachten, da in mehreren elementaren Bereichen durchaus Aufwand betrieben wurde und Ideenreichtum zu entdecken ist. Zunächst ist zu betonen, dass sich hier das damalige Who's Who des damaligen deutschen Kinos versammelt hat, um sich vor allem ausgelassen zu präsentieren. Auch verfügt die Geschichte über besonders aussagekräftige Bilder, die erneut von Charly Steinberger spektakulär festgehalten sind; die zugrunde liegende Geschichte mit all ihren Stärken tut das Übrige dazu. Leider, so muss man sagen, fehlt dieser Produktion allerdings das gewisse Etwas beziehungsweise sie besitzt ein gewisses Etwas zu viel, nämlich den seinerzeit grassierenden und handelsüblichen Klamauk, der nichts mit subtilem Humor oder Originalität gemein hat. Diese Strategie setzt der Story hin und wieder schwer zu und wird unter Umständen zur Strapaze. Ob Klischeereiterei von Roberto Blanco oder beispielsweise Ingrid Steeger und Elisabeth Volkmann, es scheint, als würden temporär sämtliche Register gezogen, die in jedem zeitlichen Kontext mehr peinlich als hilfreich anmuten können. Nichtsdestotrotz bleibt unterm Strich ein netter Unterhaltungsfilm, dessen Ambition ein wenig durch die Tatsache abgegraben wird, dass ein erfolgreicher Klassiker zugrunde liegt, außerdem ein Regisseur, der bislang noch jeden Stoff, aus dem die Träume sind, ein Stück weit in einen solchen verwandeln konnte.

Schneekulissen verfügen vielleicht naturgemäß über ein besonderes Flair, das irgendwie dazu gemacht zu sein scheint, von allen erdenklichen Schwächen abzulenken, die sich hier durchaus finden lassen. Die Titelrollen sind mit Klaus Schwarzkopf, Thomas Fritsch und Roberto Blanco originell besetzt, auch wenn es vor allem Schwarzkopf bleibt, der hier den darstellerischen Ton angibt, um dabei etwas mehr als seine Kollegen auf Doppelbödigkeit zu verweisen. Fritsch und Blanco wirken in einem Radius aus nötigem Erscheinungsbild und Zeitgeist etwas zu sehr platziert, wenngleich sie als Trio doch irgendwie zu punkten wissen, da sich eine angenehme Eigendynamik einstellt. Besonders gute Darbietungen zeigen insbesondere Lina Carstens, Gisela Uhlen, Grit Boettcher und Elisabeth Volkmann als Männer-hungriges Duo oder Fritz Tillmann, die restlichen Parts sind bis in die Nebenrollen passend besetzt. Für Aufsehen sorgen einige inszenatorische beziehungsweise technische Ideen und Spielereien, die seinerzeit sicherlich modern gewirkt haben dürften. Die Musik von Peter Thomas erscheint in handelsüblicher Weise passend zur winterlichen Untermalung abgestimmt, das Script zeigt einen angemessenen Transfer in die 70er-Jahre, sodass beim Anschauen wenig schiefgehen kann. Dass die Geschichte spielend in Gang kommt, verdankt sie überwiegend Klaus Schwarzkopfs Talent, Anpassungsfähigkeit und trockenem Humor, sodass es aus der Alltagshölle eines Millionärs unmittelbar in ein winterliches Urlaubsparadies gehen kann, welches von dessen Identität keinen blassen Schimmer haben darf. Vor Ort bleibt die Geschichte durch etliche Kapriolen, Verwechslungen und schräge Typen ein Selbstläufer, muss sich den Vorwurf diverser Versatzstücke aus Klamauk-Produktionen jedoch gefallen lassen. Auf der anderen Seite hat man es mit "Drei Männer im Schnee" sicherlich mit einer der ungewöhnlichsten Inszenierungen von Regisseur Alfred Vohrer zu tun, was alleine schon Grund genug darstellt, sich diesen Film einmal anzuschauen.

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Prisma
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● DAS GEHEIMNIS DES GELBEN GRABES / L'ETRUSCO UCCIDE ANCORA (D|I|JUG|1972)
mit Alex Cord, Samantha Eggar, John Marley, Enzo Tarascio, Daniela Surina, Horst Frank, Calo de Mejo, Enzo Cerusico,
Christina von Blanc, Vladan Holec, Mario Maranzana, Wendy D’Olive, Pier Luigi D'Orazio, Carla Mancini und Nadja Tiller
eine Produktion der cCc Filmkunst | Inex Film | Mondial Televisione Film | im Verleih der Cinerama Filmgesellschaft
ein Film von Armando Crispino

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»Lieber schlafe ich mit einem Tier!«


Jason Porter (Alex Cord), Professor der Archäologie, erforscht in der Toskana Grabstätten und stößt dabei auf sehr gut erhaltene Wandmalereien, die den etruskischen Dämon Tuchulcha zeigen, als er gerade ein Liebespaar tötet. Kurz darauf wird in einer umliegenden Grabhöhle ein junges Paar ermordet aufgefunden und es scheint, dass die Szenen dieser Wandmalerei kopiert wurden. Die Opfer wurden schrecklich zugerichtet, allerdings finden sich einige Details, die komplett aus dem Zusammenhang fallen. Die junge Frau bekam von dem Mörder rote Ballettschuhe angezogen und es lief ein Tonband mit einer Verdi-Oper. Die Polizei tappt im Dunkeln und sucht verzweifelt nach einem Verdächtigen, den sie in Professor Porter gefunden zu haben scheint, zumal die Opfer mit einer von dessen Forschungssonden erschlagen wurden, jedoch finden sich im Umfeld von Jason noch einige andere Personen, die ein Tatmotiv haben könnten, wie beispielsweise der Dirigent Nikos Samarakis (John Marley). Die nächsten brutalen Morde lassen nicht auf sich warten und es scheint, als habe Tuchulcha wieder zugeschlagen...

Die Besonderheit bei Armando Crispinos "Das Geheimnis des gelben Grabes" lässt sich definitiv in den Bereichen Strategie und Struktur finden. Entstanden zu einer Zeit, in denen nahezu jeder Giallo versuchte noch gelber zu wirken, als viele der zahlreichen Konkurrenten, bewegt sich dieser Spielfilm eher in konventionellen Gefilden, was sicherlich wieder einmal der Tatsache geschuldet ist, dass man den Film in der Bundesrepublik unter dem Banner Bryan Edgar Wallace an den Start schickte. Dieses Gütesiegel wird immer wieder gerne zum Anlass für Kritik genommen, da auch dieser Beitrag als zu progressiver Fremdkörper in der langjährigen Reihe angesehen wird, doch auf der anderen Seite mutet er vielen Zuschauern paradoxerweise auch zu konventionell an. Betrachtet man den Film genau, so entfalten sich die besonderen Möglichkeiten dieses Schicht-Giallo, bei dem etliche Elemente präzise übereinander gelegt, und weitgehend einfallsreich miteinander verstrickt wirken. Der deutsche Arbeitstitel "Die Etrusker töten wieder" stellt sich letztlich als wesentlich prägnanter und vielversprechender als der tatsächliche Verleihtitel heraus, jedoch wurde so die Norm der Wallace-Filmtitel fortgeführt und publikumsfreundlich eingehalten. Neben der Intention, die Charaktere so präzise wie möglich erscheinen zu lassen, setzt Armando Crispino auch auf wohldosierte Schockmomente und eine minutiös geplante, und grausam wirkende Exposition, die in Verbindung mit dem regelrechten Aufbahren der Leichen, der dazu laufenden Musik und den Ballettschuhen für das jeweils weibliche Opfer frühe Rätsel aufgibt, aber einen interessanten Verlauf suggeriert. Hervorzuheben ist der malerische Ort des Geschehens, der in vollkommenen Kontrast zur wieder einmal unbehaglichen Prosa steht. Schönheit und Zerstörung bilden auch hier wie so oft eine denkwürdige Mischung, die dem Zuschauer langsam aber sicher an den Nerven zerren soll.

Archäologie, Kunst und gemeinsame eine Vergangenheit bringen die beteiligten Personen zusammen, es wird schnell ersichtlich, dass der Ort des Geschehens, also die Gegenwart, einem brodelnden Vulkan gleicht. Aggressionen und hohe Widerstände bestimmen den Umgang, folglich auch die Szenerie, so dass man sich auf ein ungewöhnlich dichtes und interessantes Roulette charakterlicher Kapriolen gefasst machen kann. Doch wie könnte ein derartig brutaler und offensichtlich wahnsinniger Mörder wohl aussehen und von welchem Motiv ist er getrieben? Die Darsteller liefern hierfür sehr markante Gesichter und es bietet sich ein erfreulich breiter Kreis an Verdächtigen an, in dem selbst die Protagonisten nicht immer über jeden Verdacht erhaben zu sein scheinen. Die Hauptrollen liegen hierbei absolut stilsicher in internationaler Hand. Der Amerikaner Alex Cord und die schöne Britin Samantha Eggar stellen sich als ganz großer Besetzungscoup dieser Produktion heraus, man bekommt wesentlich mehr Intensität, Temperament und Glaubwürdigkeit geboten, als es in vergleichbaren Produktionen der Fall ist. Dabei steht die hauptsächlich impulsiv handelnde und weitgehend ambivalent wirkende Figur des Professor Porter im Mittelpunkt dieses Geschehens, das sich aus Vergangenheit und Gegenwart zusammensetzt, dabei vielleicht sogar einen entscheidenden Blick in die Zukunft werfen wird. Alex Cord füllt seinen Part beeindruckend aus, man nimmt ihn gerne als Protagonisten an, gerade weil er gegensätzliche Empfindungen hervorruft. So bekommt man als Zuschauer angenehmerweise keinen zur Schablone zurecht geschnittenen Helden serviert, da Alex Cord hier ausgiebig an einem markanten Profil feilen darf, wenn sich das Karussell der Emotionen dreht. Außerdem passiert es wie so häufig, dass er auf eigene Faust Ermittlungen anstellen muss, um sich von einem Verdacht zu befreien, der abwechselnd manchmal begründet, meistens aber völlig absurd wirkt.

Samantha Eggar als Myra stellt in dieser Geschichte buchstäblich das Licht dar, um das die Motten herumschwirren. Zunächst ist ihre enorme Wandlungsfähigkeit anzumerken, die sich vor allem im optischen Bereich zeigt, ungewöhnlicherweise nimmt man trotz ihrer beherrschten Leistung eine sehr starke Intensität wahr, die sich auf alle Beteiligten überträgt, sogar auf den Zuschauer. So begleitet man Myra beim eigentlich ziellosen Begehen eines neuen Lebensabschnitts, der ihr nicht viel zu geben scheint, aber dennoch das, wonach sie gesucht hat, nämlich Sicherheit. Ihre Beziehung mit Jason liegt zwar schon einige Zeit zurück, doch sie wirkt so aktuell und präsent wie nie. Dem Zuschauer und allen Personen aus dem direkten Umfeld ist klar, dass Myra und Jay zusammen gehören, die Frage ist nur, ob widrige Umstände beseitigt werden können, zu denen auch Mord und Gewalt gehören. Die Britin überzeugt jedenfalls mit einer unterschwellig leidenschaftlichen Darbietung, die mit zum Besten gehört, was man im zeitgenössischen Film finden kann. Bleibt man wahlweise bei den Damen des Szenarios, so sollte die Italienerin Daniela Surina erwähnt sein, die die Selbstaufgabe und krankhafte Loyalität ihrer Person präzise auf den Punkt bringt, auch Christina von Blanc sorgt für aufregende bis spektakuläre Momente. Egal wie man zu Stargast Nadja Tiller stehen mag, das Warten auf ihr Erscheinen sorgt hier für eine gewisse Spannung. Die ehemalige Frau von Myras jetzigem Mann Nikos darf in ihren wenigen Sequenzen ihre beeindruckenden Register ziehen, nachdem sie sich dem Zuschauer und Jason als lebendes Meisterwerk vorgestellt hat. Nadja Tiller nutzt ihre üblichen Kapazitäten der Selbstinszenierung hier effizient, weil untergeordnet aus, ihre Schlüsselfigur bleibt in bestechender Erinnerung. Weitere wichtige, und ebenso überzeugende Charaktere offerieren vor allem John Marley, Horst Frank und Enzo Tarascio.

Wie so häufig in gleich gearteten Filmen ist die Arbeit der Polizei nicht gerade von bahnbrechendem Erfolg gekrönt, allerdings scheint es in diesem Szenario sogar so zu sein, dass es unter voller Absicht geschehen ist, da Inspektor Giuranna, alias Enzo Tarascio, seine Irrtümer und Holzwege gleich selbst einräumt. Dass die Hüter des Gesetzes eben auch nur Menschen sind, würzt den Verlauf sehr nachvollziehbar, besonders turbulent wird es, wenn Giuranna die Daumenschrauben anlegt, und sich dabei als giftiger Rhetoriker erweist, der zumindest einmal seine Schularbeiten gemacht hat. Gut, es mag an der überaus kruden Truppe liegen, die gleichzeitig auch den Kreis der Verdächtigen bildet, dass einfach kein Licht ins Dunkel zu bringen ist. Viele Personen rücken sich durch aggressive oder überspitzte Selbstinszenierungen in den Fokus, so zum Beispiel Horst Frank, vor allem aber ist es John Marley als Nikos Samarakis, der den Tanz auf dem Vulkan ganz offensichtlich inszeniert. Seine Star-Allüren sind berüchtigt, seine Wutausbrüche gefürchtet und die Präsenz, beziehungsweise die Kreation des Darstellers ist beeindruckend. Seine Untergebenen scheucht er herum und demütigt sie, falls sich die Möglichkeit bietet, es zeigt sich eine äußerst niedrige Hemmschwelle und der Weg zum Ausrasten ist geebnet, wahlweise wegen Kleinigkeiten und Belanglosigkeiten. Man hält also nach der ausgiebigen Selbstvorstellung einiger Personen so gut wie alles für möglich und im Bereich der Charakterzeichnungen ist der Verlauf unter Crispinos Führung sehr gelungen. Die Verbindungen untereinander werden sehr langsam, aber vollkommen deutlich geklärt, verschiedene Allianzen und Interessengemeinschaften aufgedeckt, und selbst Nebenfiguren wie Carlo de Mejo als verwöhnter Sohn des Majestro, oder Vladan Holec als kleiner Sadist bekommen die Chance ihre kleinen Rollen denkwürdig auszufüllen. Eine rundum überzeugende Besetzung!

Begleitet von Riz Ortolanis betörenden Klängen, ist es interessant mit anzusehen, wie ein Mosaik zusammengefügt wird, bei dem etliche Abgründe zur Schau gestellt werden. Hilfreich hierbei sind die immer wieder kurz integrierten Rückblenden, die beim Zuschauer und auch den Beteiligten des Szenarios für wichtiges Verständnis sorgen. Die hauptsächlich straffe Montage begünstigt den Erzählfluss und es sollte jeder selbst entscheiden, ob es im Verlauf Längen aufzuspüren gibt. "Das Geheimnis des gelben Grabes" bietet insgesamt eine interessante Geschichte, wieder einmal aus den dunklen Schluchten der menschlichen Psyche an, bei der die Integration eines womöglich übernatürlichen Elements für spannende Phasen sorgt, die teilweise sogar beängstigende Züge annehmen. Dass der Wahnsinn, oder wahlweise der Dämon Tuchulcha, hier hinter jedem Stein lauern könnte, wird ziemlich schnell klar, doch wie diese Grundvoraussetzungen geordnet werden, macht einen gelungenen Eindruck, zumal konventionelle und neuartige Elemente eine willkommene Allianz eingehen. Der eingeschlagene Weg wird durch die doch sehr unterschiedlichen Charaktere definiert und sie liefern stets genügend Zündstoff für Überraschungen, Kehrtwendungen, experimentelle Ansätze oder eben einfach nur reaktionäres Spektakel. Die eingearbeitete Brutalität stellt sich dabei tapfer gegen aufkommende Anflüge von längeren erklärenden Phasen, die hin und wieder zu sehr ausgereizt sind, allerdings bleibt der Weg zum Ziel unterm Strich sehr beeindruckend. Garniert mit einem spektakulären Finale tauchen hochwirkungsvolle Bilder auf, die in Verbindung mit Nahaufnahmen, Slomo und absoluter Stille für großartige Giallo-Momente sorgen werden. Armando Crispino hat schlussendlich einen Film geschaffen, der gut an unterschiedliche Märkten angepasst war und sich trotzdem den Luxus erlaubt, ganz gezielt eigene Wege einzuschlagen.

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Prisma
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● UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR (D|1972)
mit Anita Lochner, Alain Noury, Wolfgang Reichmann, Malte Thorsten, Eva Christian, Konrad Georg,
Herta Worell, Alf Marholm, Henry Vahl, Alexander Allerson, Hans Daniel und Ruth Maria Kubitschek
eine Luggi Waldleitner Produktion der Roxy Film | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfred Vohrer

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»Wer weiß, wofür es gut ist...«


Christine Luba (Anita Lochner) und der französische Student Alain (Alain Noury) erleben die erste große Liebe und eine unbekümmerte Zeit. Alles könnte so perfekt sein, wenn Christines Vater (Wolfgang Reichmann) ihren Freund akzeptieren würde, doch dieser scheint ihm nicht gut genug für seine Tochter zu sein. Es sieht so aus, als würde Luba versuchen, das Glück seiner Tochter mit allen Mitteln zu torpedieren. Doch die verwöhnte Tochter hat ein sehr unkritisches Bild von ihrem alten Herrn und kann nicht glauben, dass er zu derartigen Maßnahmen im Stande wäre. So trifft sie sich mit ihrer Mutter Irene (Ruth-Maria Kubitschek), die sie seit Monaten nicht mehr gesehen hat und mit der es seit der Scheidung der Eltern ohnehin nur noch sporadischen Kontakt gibt. Christine wird mit eindringlichen Warnungen vor der Eifersucht ihres Vaters konfrontiert und beschließt schon bald, mit Alain eine Weile nach Frankreich zu gehen. Doch er kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt und ist danach wie vom Erdboden verschluckt. Anschließend lernt sie Martin (Malte Thorsten) kennen, einen jungen Mann aus reichem Hause, in den sie sich auch verliebt. Doch auch dieses Glück wird nicht von langer Dauer sein...

Alfred Vohrers Beitrag ganz im Stil der Simmel-Verfilmungen stellt sich bereits nach wenigen Minuten als beachtliche Überraschung heraus und steht dieser von Vohrer selbst inszenierten Konkurrenz in keinerlei Hinsicht nach. Eher ist das genaue Gegenteil der Fall, denn "Und der Regen verwischt jede Spur" behauptet sich seinen Platz im Rahmen des komplexeren deutschen Unterhaltungskinos problemlos und absolut zielsicher, außerdem besitzt dieser Beitrag sogar mehrere Vorzüge, als einige Original-Simmel-Filme. Die Geschichte erscheint zunächst trügerisch einfach zu sein: Die Jungdarsteller Anita Lochner und Alain Noury überzeugen im Rahmen der Veranschaulichung der ersten Liebe und des großen Glücks. Eigentlich programmieren sie eine strahlende Zukunft absolut glaubhaft, wenn da nicht das Schicksal mit all seinen Helfershelfern wäre. Die anfängliche Einfachheit des Geschehens ist angenehm anzusehen, die Unbeschwertheit von Alain und Christine wird packend und greifbar dargestellt, doch beim Zuschauer kann trotz dieser Eindrücke ein Gefühl der Beunruhigung aufkommen, denn bereits der Vorspann gibt puzzleartigen Aufschluss darüber, dass eine Katastrophe in der Luft liegt. So besteht die Raffinesse der Inszenierung letztlich darin, dass sich die Atmosphäre schleichend zuspitzt und eine noch nicht zu definierende Verheißung über dem Gesamtgeschehen liegt, bis sich die Dramatik plötzlich und buchstäblich überschlägt, und sich Protagonisten und Zuschauer in einem Schraubstock wiederfinden. Das Leitmotiv Regen gibt dem Titel einen äußerst bitteren Beigeschmack und der Geschichte schlussendlich eine sehr perfide Note, da der Regen hier nicht nur jede Spur verwischen wird, sondern als Synonym für unzählige Tränen greift, die man im Regen aber erst gar nicht zu sehen bekommen wird. So handelt es sich in Einklang mit Alfred Vohrers Gespür und handwerklicher Raffinesse um Dramatik der intelligenteren, außerdem Unterhaltung der anspruchsvolleren Sorte.

Was angesichts der Hauptrollen schon fast wie ein Wagnis aussieht, erweist sich im Handumdrehen als absoluter Glücksgriff in Sachen Überzeugungskraft und Nachhaltigkeit. Die jungen Hauptdarsteller Alain Noury und Malte Thorsten, die beide bereits über Simmel-Erfahrung verfügten, sowie Anita Lochner, agieren leichtfüßig und glaubhaft, genau wie es bei der überwältigenden Performance von Wolfgang Reichmann der Fall ist. Das Ganze wird von dieser Vierer-Konstellation zwar beeindruckend und unausweichlich dominiert, aber mit den glänzend aufgelegten Damen Ruth-Maria Kubitschek und Eva Christian markant abgerundet, sodass die restlichen Rollen allesamt etwas weniger prominent in Erscheinung treten müssen und werden. Als man Christine das erste Mal sieht, ist sofort zu verstehen, dass sie den Jungs ihres Alters die Köpfe ganz natürlich verdreht. Sie wirkt natürlich, ist temperamentvoll und zeigt sich mit viel emotionaler Hingabe, auch wenn sie im Umgang mit ihrem Vater zwar herzlich und offen ist, aber über den Verdacht von blindem Vertrauen und einer ordentlichen Portion Naivität nicht hinwegkommt. Der alte Luba wirkt wie der Wolf, der ausgiebig Kreide gefressen hat. Er hält die Fäden an der Hand und an deren Ende finden sich unzählige Marionetten, die das tun, was er von ihnen verlangt. Im Bezug auf Männer darf es keine Götter neben ihm geben, seine Absolution erteilt er nur, wenn sich ihm dadurch ein Vorteil in Aussicht stellt. So ist der oppositionell wirkende Alain in seinen Augen nur ein Habe- und Taugenichts, bei dem es gilt, ihn schnellstens gegen eine gewinnbringendere Variante auszutauschen, immerhin hat er die Zukunft seiner Tochter gedanklich durchchoreografiert. Martin stellt in diesem Kontext das kleinere Übel dar, da er aus gut situierten Verhältnissen stammt und Luba daher sofort eine geschäftliche Allianz wittert, immerhin ist er wirtschaftlich gesehen in Schieflage geraten.

Überhaupt spielt die Regie im Charaktere-Roulette überwiegend mit deutlichen Kontrasten. Martin und Alain könnten nicht unterschiedlicher sein und haben schließlich nur eines gemeinsam, denn sie können der aufregend wirkenden Christine nicht widerstehen. Alain agiert in dieser Beziehung offensiv und direkt, Martin eher verschlossen und weitgehend verhalten bis reserviert. Neben Christine hat Luba allerdings noch andere Frauen in seiner Schraubzwinge: seine Schwester Karin, die als demütige Bittstellerin in sein Haus gezogen ist, um ihrem kleinen, unehelichen Jungen etwas bieten zu können, muss dafür einen hohen Preis zahlen. Demütigungen und Maßregelungen sind an der Tagesordnung, jede Eigenmächtigkeit wird im Keim erstickt und bestraft. Dass ihr der Mann weggelaufen ist, sei ohnehin vorprogrammiert gewesen. Die in diesem Vakuum stehende Frau wird hervorragend von Eva Christian dargestellt und ihre unterdrückten Emotionen und Bedürfnisse werden von ihrem versteinerten Gesicht in etlichen Situationen exakt widerspiegelt. Eine andere Dame, die sich ebenfalls im Würgegriff von Luba befindet, ist Christines Mutter. Die großartige Ruth-Maria Kubitschek demonstriert in ihrem weniger als fünf Minuten dauernden Auftritt, wie man eine derartige Rolle perfekt lösen kann. Ihre Irene sitzt in einem goldenen Käfig. Sie darf sich zwar ein unbeschwertes Leben erlauben, hat sich dafür aber dem Willen ihres Ex-Mannes zu beugen - jederzeit. Es soll daher keinen schädlichen Kontakt zu Christine geben, außerdem dürfen keinerlei Forderungen oder Ansprüche geltend gemacht werden. Irene soll nur noch wie eine verblasste Erinnerung wirken. Bei aller Oberflächlichkeit, die so exzellent von der Kubitschek dargestellt wird, ist sie dennoch eine der wenigen Personen, von der man ehrliche oder besser gesagt direkte Worte hören wird. Ihre Warnungen wirken verheißungsvoll und deuten die Katastrophe bereits nach kurzer Spieldauer an.

Mit den meisten Simmel-Adaptionen und auch mit "Und der Regen verwischt jede Spur" sind in den 70er Jahren Filme entstanden, die in der deutschen Kino-Landschaft tatsächlich nach ihresgleichen suchen dürfen. Die Mischung aus Unterhaltung und Anspruch ist hier sehr gut dosiert, und entstanden ist schließlich Film, dessen Thema in unmissverständlicher Art und Weise deutliche Berührungspunkte preisgibt, die das Potenzial haben, das Publikum zu packen. Dramatik, Sentimentalität und Theatralik werden in einer gesunden, um nicht zu sagen intelligenten Dosierung abgehandelt, sodass Alfred Vohrers Arbeit mit Leichtigkeit über die nicht ganz so simple Ziellinie gehen kann. "Und der Regen verwischt jede Spur" ist ein angenehm stiller Vertreter seiner Gattung geworden, der nahezu unverblümt mit einer gewissen Realitätsnähe zu spielen versucht, dabei aber vornehmlich in ernsten und nachdenklichen Sphären bleibt. Die anfängliche Idylle wirkt überaus angenehm aber dennoch trügerisch, die unbeschwerte Zweisamkeit ist zwar herrlich mit anzusehen, aber man spürt die Kühle des Schattens, der sich über die Geschichte zu legen versucht. Vor allem aber wirkt die nicht thematisierte Prognose in Richtung der jungen Protagonistin sehr ernüchternd, weil das Schicksal ihrem Vater geholfen hat und sie vermutlich für immer an ihn gekettet hat. Inszenatorisch gesehen hat die Regie sämtliche Register gezogen: viele Ortswechsel, eine satte Ausstattung, aufwendige Settings und kleinere pyrotechnische Spektakel, die den Film hochwertig erscheinen lassen. Die Musik von Erich Ferstl zwingt dem Geschehen Melancholie auf, um aber in den brisanten Sequenzen Paukenschläge zu versetzen. Außerdem fügen sich einige angenehm an den Nerven kitzelnde Rückblenden nahtlos in den klaren Aufbau der Geschichte ein, und insgesamt kann das eindeutige Fazit nur folgendermaßen lauten: "Und der Regen verwischt jede Spur" ist ein Volltreffer, den man bestimmt einmal gesehen haben sollte.

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