MORAL 63 - Rolf Thiele

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
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Prisma
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MORAL 63 - Rolf Thiele

Beitrag von Prisma »



MORAL 63


● MORAL 63 (D|1963)
mit Nadja Tiller, Mario Adorf, Peter Parten, Charles Regnier, Fritz Tillmann, Erika von Thellmann und Rudolf Forster
eine Franz Seitz | Thalia Filmproduktion | im Constantin Filmverleih
ein Film von Rolf Thiele


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»Dich hat sich der Teufel einfallen lassen!«


Während des Kölner Karnevals kommt es zu einem Zwischenfall, denn die attraktive Marion Hafner (Nadja Tiller) wird von der Polizei abgeführt. Die Gründe für die Verhaftung der jungen Betreiberin eines Bordells lauten: Erregung öffentlichen Ärgernisses, Kuppelei und Unzucht. Der Sensationsreporter Axel Rottmann (Mario Adorf) wittert umgehend eine publikumswirksame Story und schließt mit Marion einen Vertrag über 100.000 D-Mark ab. Sie soll alle pikanten Details ihrer Begegnungen verraten und Namen der prominenten Kundschaft nennen...

Was die Allianz Rolf Thiele und Nadja Tiller betrifft, führen wohl alle Wege zu dem Großerfolg "Das Mädchen Rosemarie" zurück, der genau wie "Moral 63" ausschließlich um die gebürtige Wienerin herumkonstruiert wurde. Alleine durch diese Tatsache kommt es naturgemäß dazu, dass diese sozialkritischen und in biedere Erotik getränkten Beiträge sehr isoliert bezüglich der anvisierten Kritik und zäh wirken. Zur Entstehungszeit mag auch diese Geschichte aus inszenatorischen Gesichtspunkten noch skandalös und von der Thematik her brisant gewirkt haben, doch für heutige Verhältnisse ist nicht besonders viel Außergewöhnliches übrig geblieben. Rolf Thiele spielt wie üblich mit der sogenannten Moral von der Geschicht' und zunächst ist es einmal interessant zu sehen, welche Wirkung das ausreichend vorhandene Lokalkolorit entfalten kann. Eine edle Ausstattung, erlesene Dekors, charakteristische Requisiten und eine extravagante Kameraführung unterstreichen nicht nur die Ambition des Films, sondern verschleiern gleichzeitig die Schwerfälligkeit, die sich durch den kompletten Verlauf windet. In Rückblenden angelegt, erlebt man eine regelrechte Guided Tour durch eine Welt vorgefertigter Abgründe und choreografierter Skandale, die aber nicht lange von ihrem anfänglichen Momentum profitieren kann.

Rolf Thiele verliert sich mit Vorliebe in pikanten Andeutungen und schlüpfrigen Anspielungen, kommt dabei aber nicht so richtig zum Punkt des Ganzen, sodass sich eine frühe Langeweile einschleicht, da weder Geschichte noch Darbietungen interessant genug ausgefallen sind, um für Daueraufmerksamkeit zu sorgen. Erschwerend hinzu kommt beispielsweise ein teils strapaziöser Einsatz der Musik oder eine schwache Tricktechnik. Die Besetzung von "Moral 63" liest sich durchweg prominent, doch die Geschichte lässt insgesamt gesehen keine besonderen Kapriolen zu. Dies gilt auch für Thieles Haupt- und Lieblingsdarstellerin Nadja Tiller, die darstellerisch viel zu sehr das anbietet, was man bereits seit Jahren von ihr gewöhnt war, aber dennoch gibt sie dem Ganzen aufgrund ihrer lasziven Aura einen Sinn. Größen wie Charles Regnier, Mario Adorf, Fritz Tillmann, Erika von Thellmann oder etwa Rudolf Forster bieten hauptsächlich Routine an und stellen ihre Erfahrung unter Beweis. Rolf Thieles Film ist insgesamt nur als durchschnittlich, phasenweise sogar langatmig zu bezeichnen, und der satirische Versuch der Kritik an einer weit verbreiteten Doppelmoral scheitert, da "Moral 63" sich gleich selbst ausgiebig einer solchen bedient. Erneut zeigt sich keine ausreichende Balance zwischen erotischem Unterhaltungskino und einer kritischen Auseinandersetzung, sodass der Film für heutige Begriffe keine Relevanz mehr hat.

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Richie Pistilli
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Re: MORAL 63 - Rolf Thiele

Beitrag von Richie Pistilli »

An bundesdeutscher Wirklichkeit sucht Regisseur Rolf Thiele das Motiv für eine Weisheit des britischen Philosophen Bertrand Russell zu beleuchten: "Die moderne Menschheit hat zwei Arten von Moral: eine, die sie predigt, aber nicht anwendet - und eine andere, die sie anwendet, aber nicht predigt." Was Russell allerdings im Hinblick auf die politische Moral meinte, münzt Thiele auf die Triebe um. Seine Bestandsaufnahme, aus dem Bett der Dame vorgenommen, entpuppt sich jedoch als der fade Kabarettismus eines Regisseurs, der offenbar Wonne an der Exhibition des Sexuellen hat. Sein Figurenkabinett setzt sich aus dem teuren Edelflittchen Marion und hochdotierten Kunden aus der Wohlstandsgesellschaft zusammen. Thieles Lieblingsdarstellerin Nadja Tiller - die schon in den Thiele-Filmen "Das Mädchen Rosemarie", "Lulu" und "Labyrinth" mitwirkte - wird traditionsgemäß als männertilgendes Luder eingesetzt.

Kritik aus dem Spiegel (36/1963)


Prisma hat geschrieben:Eine edle Ausstattung, erlesene Dekors, charakteristische Requisiten und eine extravagante Kameraführung unterstreichen nicht nur die Ambition des Films, sondern verschleiern gleichzeitig die Schwerfälligkeit, die sich durch den kompletten Verlauf windet.

Die exzellente Kamerarbeit (und somit auch die vielen tollen Bilder) war bemerkenswert, aber ansonsten hinterließ Thieles halbgare Moralpredigt bei mir keinen nachhaltigen Eindruck. Irgendwie plätscherte der Film nur vor sich hin, ohne dabei richtig auf den Punkt zu kommen. Lediglich die Darbietungen der beteiligten Darsteller brachten noch ein wenig Vergnügen mit sich.

Und die Moral von der Geschicht: Eben scheinbar keine!


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Prisma
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Re: MORAL 63 - Rolf Thiele

Beitrag von Prisma »

Richie Pistilli hat geschrieben:Irgendwie plätscherte der Film nur vor sich hin

Das ist wohl genau die richtige Beschreibung. Mich hat der aufgrund des biederen Untertons und der überspitzten Elemente von der Mache her sogar immer wieder an "Das Mädchen Rosemarie" erinnert, den ich ähnlich zähflüssig inszeniert sehe. Bei Rolf Thiele ist es leider so häufig das gleiche Phänomen, dass er bei zum Teil sehr interessantem Ausgangsmaterial das Potential verspielte. Mich würde hier selbst ein korrektes Bildformat nicht zu einer erneuten Sichtung bringen, denn dafür etabliert sich das Gefühl einfach zu stark, dass man eigentlich genug gesehen hat. Schade drum!

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