BLACK MAGIC RITES: THE REINCARNATION OF ISABEL - Renato Polselli

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Maulwurf
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BLACK MAGIC RITES: THE REINCARNATION OF ISABEL - Renato Polselli

Beitrag von Maulwurf »

Black Magic Rites: The Reincarnation of Isabel (Renato Polselli, 1973) 6/10

Joseph Roth und Franz Kafka haben es vorgemacht, und ich nehme mir dieses Recht jetzt auch heraus: Der folgende Text wird ein Fragment bleiben! Zu überwältigend und verwirrend die Eindrücke, zu schwer zu beschreiben die Empfindungen bei der Sichtung, und diese liegt dann auch noch mehrere Monate zurück. Was bei einem 08/15-Film von der Stange noch funktionieren würde, nämlich eine längst vergangene Sichtung zu beschreiben, kann bei einem Film von Renato Polselli nicht funktionieren. Und bei BLACK MAGIC RITES schon gleich zweimal nicht …
Im Folgenden also dasjenige, was mir direkt nach dem Filmerlebnis durch den Kopf gegangen ist. Wie gesagt, der Text ist nicht zu Ende gebracht worden, und ob er das jemals wird steht in den Sternen. Aber wer den Film noch nicht kennt kann nach der Lektüre vielleicht verstehen, woran ich letzten Endes gescheitert bin. Und wer ihn schon kennt bekommt hoffentlich Lust, sich dieses unfassbare Spektakel mal wieder anzutun …

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Jack Nelson kauft sich die Hälfte eines alten Schlosses, und feiert den Erwerb der Immobilie praktischerweise gleichzeitig mit der Verlobung seiner Bekannten Laureen mit Richard Brenton. Jack weiß aber nicht, dass vor 500 Jahren auf diesem Schloss die angebliche Hexe Isabel verbrannt wurde, und dass jetzt die Zeit gekommen ist, mittels Blutopfern die Wiederauferstehung Isabels einzuleiten. Denn Lauren ist die Reinkarnation der Hexe Isabel, und Jack war in diesem früheren Leben ihr Liebhaber. Jeder der heutigen Gäste auf dem Schloss hat auch vor 500 Jahren bereits eine Rolle gespielt, und in einer Person kommen sie alle zusammen: In dem Besitzer der anderen Schlosshälfte, einem Okkultisten, der seit Jahren das Grab von Jack Nelson sucht.

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Es ist schwer zu verstehen. Bekanntes und Unbekanntes liegen nah bei einander.

Drogenrausch. Brennende Kreuze. Eine Hexe, der das Herz entnommen wurde. Goldfischgläser, in denen sich nackte, angekettete Frauen spiegeln. Endloses Starren in den leeren Raum. Der schnellste Monolog der Filmgeschichte (nämlich wenn Stefania Fassio sich dafür rechtfertigt, die Treppe hinuntergefallen zu sein, indem sie unserklärtdassdaseinMonsterwarmitgrünenAugenweiljaalleMonstergrüneAugenhabenundeskamvonhintenundsiekonntesichnichtwehren …). Ein Okkultist mit einem etwas heruntergekommenen Schiffsmodell auf dem Schreibtisch. Die drei Supermänner in ihren roten Strampelanzügen, die flüssige Götterspeise mit Waldmeistergeschmack in aufgerissene Frauenschlunde schütten. Psychedelische Rockmusik der härteren Gangart. Ein Grab aus vertrockneten Holzästen.

Filme von Renato Polselli sind ja bekanntlich immer etwas anders. Weder ist DAS GRAUEN KOMMT NACHTS ein Giallo wie man ihn sich vorstellt, noch ist LUST ein Erotikstreifen klassischer Provenienz. BLACK MAGIC RITES läuft offiziell als Horrorfilm – ein Hoch auf das Schubladisieren, dem unsere Erwartungshaltungen entspringen und uns dann so oft enttäuschen.

Denn auch BLACK MAGIC RITES ist anders. Grundlegend anders. Zwar geht es schon irgendwo um die Wiederauferweckung einer toten Hexe und ihrer Rache, durchgeführt von ein paar Satansjüngern in den Kostümen der drei Supermänner. Aber das ist nur der vordergründige Teil des Films, der oberflächliche Part, der unter dem Begriff Horror das Publikum anlocken soll.

Der restliche Teil des Films, also alles, was unter dem Begriff “filmisch“ zusammenfasst: Schnitt, Musik, Schauspieler, Drehbuch, Kamera, all diese Dinge sind beileibe nicht filmisch, sondern hochgradig psychedelisch! Schauen wir da doch mal im einzelnen drüber (was ja eigentlich Quatsch ist, weil Polselli-Filme eigentlich immer in ihrer Gesamtheit betrachtet werden sollten):

Der Schnitt ist oft schnell und zuweilen auch interessant. Soll heißen, dass die Reihenfolge der schauspielerischen Aktionen nicht immer korreliert mit dem, was uns der Schnitt eigentlich zeigen möchte. Tag. Nacht. Innen. Tag. Außen. Nacht … Ihr wisst was ich meine. Und das soll heißen, dass vor allem gegen Ende die Bettszenen mit Stefania Fassio, der blonden unbekannten Darstellerin und dem ebenfalls unbekannten Pinscher sowas von deplatziert hineingeschnitten wurden, dass der Verdacht nahe liegt, dass hier eine andere Fassung vorliegt. In seiner Recherche zum LUSTHAUS DER TEUFLISCHEN BEGIERDEN belegt Richie Pistilli ja das Vorhandensein mehrerer, komplett unterschiedlich geschnittener und inhaltlich gravierend anderer Fassungen. Wie gesagt, diese Bettszenen haben mit dem eigentlichen Film eigentlich nichts zu tun. Darauf deutet auch die verwandte Musik hin, die eher an Slapstick-Komödien erinnert.

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Überhaupt die Musik. Beginnt der Film noch spannend, mit einer musikalischen Hommage an Der FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN (nämlich Trommeln), über denen dann ein Chor wertvolles Wissen spricht: “Gestern wie heute, heute wie gestern. Alles ist dasselbe! Warum?“ Irgendwann allerdings hat es sich dann mit dem Chor, es kommt eine Bontempi-Orgel zum Einsatz, genauso wie das bereits erwähnte Slapstick-Orchester, und dann Peng Knall Bumm Psychedelic Rock der härteren Gangart! Einfach mal eben so. Ich habe jetzt bestimmt was vergessen, aber das macht nichts, ich kann den Film ja jederzeit wieder rauchen …

Die Schauspieler. Oder so. Ich meine, wir sind uns alle einige, dass Mickey Hargitay sicher ein sympathischer Kerl, aber als Schauspieler nicht unbedingt die oscarreife Nummer 1 war. Und jetzt kommt die Überraschung: Zusammen mi Rita Calderoni rockt er hier den Film wie nichts Gutes.

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Richie Pistilli
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Re: BLACK MAGIC RITES: THE REINCARNATION OF ISABEL - Renato Polselli

Beitrag von Richie Pistilli »

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Riti, magie nere e segrete orge nel trecento... (IT)
The Reincarnation of Isabel
Black Magic Rites
La reincarnazione


IT 1973

R: Renato Polselli
D: Mickey Hargitay, Rita Calderoni, Raul Lovecchio, Christa Barrymore, Marcello Bonini Olas, Max Dorian, Stefania Fassio, William Darni, Consolata Moschera, Cristina Perrier, Gabriele Bentivogli, Vittorio Fanfoni u.a.



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Italienische Erstaufführung: 17.01.1973

Italo-Cinema.de

Score: Romolo Forlai & Gianfranco Reverberi

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Nachdem Renato Polselli seiner auserkorenen Schauspielmuse Rita Calderoni bereits in DAS LUSTHAUS DER TEUFLISCHEN BEGIERDEN sowie DAS GRAUEN KOMMT NACHTS das Leben zur Hölle machte, setzt er den eingeschlagenen Weg in BLACK MAGIC RITES unvermindert fort, wobei Frau Calderoni dieses Mal sogar eine Doppelrolle zum Besten geben darf, bei der einer ihrer Charaktere sein Martyrium im 14. Jahrhundert und der andere in der Jetztzeit erleiden muss. Dabei brennt Don Polselli einen dermaßen hochpsychotischen Budenzauber ab, dass er dabei scheinbar völlig das Gefühl für Raum und Zeit verlor, denn obwohl die völlige Demontage des zu erzählenden Handlungsstrangs eins der unverkennbaren Merkmale eines waschechten Ralph Brown-Film darstellt, ist es ihm mit BLACK MAGIC RITES erstmals gelungen, dass ich diesen sogar nach mehreren Anläufen in keinster Weise nachvollzogen bekam.


Als die vermeintliche Hexe Isabella Drupel (Rita Calderoni) im 14. Jahrhundert vor den Augen ihres Geliebten Jack Nelson (Mickey Hargitay) auf einem brennenden Scheiterhaufen ihr noch recht junges Leben lassen muss, versucht entweder dieser selbst, ein gleichnamiger Nachfahre oder eine Reinkarnation seiner Person den verkokelten Leichnahm seiner Geliebten mit schwarzer Magie wieder zum Leben zu erwecken, indem er gemeinsam mit einer handvoll verschworener Mitstreitern in dem altehrwürdigen Gemäuer von Castello Piccolomini (Balsorano) drogengeschwängerte Rituale abhält, bei denen unschuldige Frauen in einer hochpsychedelischen Atmosphäre als textilfreie Opfergaben dienen. Aber auch völlig unbeteiligte Damen, die zur gleichen Zeit brav zuhause in ihren Betten dösen, werden von der rituellen Energie, die obendrein mit einer ordentlichen Portion Erotik aufgeladen zu sein scheint, inmitten ihrer Tiefschlafphase erwischt und völlig wuschig gemacht. Kurz darauf nimmt plötzlich eine Hochzeitsgesellschaft das piekfeine Castello Piccolomini in Beschlag, zu deren Gäste neben den beiden vermeintlichen Reinkarnationen von Rita und Mickey auch solch illustre Darsteller wie beispielsweise Raul Lovecchio (Raoul), Christa Barrymore, Marcello Bonini Olas, Max Dorian oder William Darni, die allesamt bereits im vorausgegangenen Polselli-Werk DAS GRAUEN KOMMT NACHTS bestaunt werden konnten. Und wie es von einem Ralph Brown-Film zu erwarten ist, dauert es auch nicht lange, bis die ausgelassene Hochzeitsfeier vollends eskaliert, denn auf dem Castello Piccolomini reagiert urplötzlich der Wahnsinn: Entweder werden die weiblichen Gäste von schrecklichen Visionen heimgesucht, in denen sie scheinbar ins 14. Jahrhundert zurück versetzt wurden, oder es wird in ihnen einen homoerotisches Verlangen ausgelöst, dem sie sich ohne große Widerwehr hinzugeben scheinen. Obendrein gibt es auch noch aus unerklärlichen Gründen Vampire, die ebenfalls bei diesem magischen Ritualexzess munter mitmischen.


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Angesichts des hypnotischen Bilderrauschs, für den sich kein Geringerer als Polsellis angestammter Kamermann Ugo Brunelli verantwortlich zeigte, ist die Unachvollziehbarkeit der Handlung eigentlich nebensächlich, denn alleine der visuelle Wahnsinn reizt bereits vollkommen die Sinneswahrnehmung des sprachlosen Zuschauers aus. Hinzu kommt die Geschicklichkeit, mit der der erfahrene Kameramann äußerst edle Bildkompositionen in Szene setzt. Dabei geht es aber nicht nur gepflegt zur Sache, denn wer Polsellis Filme aus seiner Ralph Brown-Phase kennt, der weiß, dass sich die Filme des Dons bereits nach kürzester Zeit in ein wahres Sündenpfuhl wandeln. So auch in seinem Film BLACK MAGIC RITES, der sogleich mit einem hypnotischen Ritual eröffnet wird, bei dem nicht nur leicht bekleidete Damen in einer psychdelisch aufgeladenen Atmosphäre geopfert werden, sondern das auch den Eindruck hinterlässt, dass sämtliche der Beteiligten zum Zeitpunkt der Dreharbeiten unter LSD standen. Angesichts der angewandten Folterwerkzeuge, mit denen die holde Weiblichkeit wie so oft in den Filmen Ralph Browns in den Wahnsinn getrieben wird, hoffe ich weiterhin, dass Renato Polselli seine doch oftmals verstörenden Fantasien gegenüber dem weiblichen Geschlecht ausschließlich in seinen Filmen auslebte. Zumindest scheinen die Fantasien des Regisseurs Rita Calderoni recht wenig beeindruckt zu haben, denn die charmante Schauspielerin wirkte letztendlich in vier Polselli-Filmen mit, in denen sie jedes Mal sowohl eine überzeugende Darbietung abgab als auch sehr motiviert bei der Sache zu sein schien. Aber auch Christa Barrymore, die im vorliegenden Film die Rolle der Christa verkörpert, hatte bereits in DAS GRAUEN KOMMT NACHTS mit Renato Polselli zusammengearbeitet, wobei sie im vorausgegangenen Werk Herbert Lyutaks morgensternschwingende Nichte Joaquin spielte, die am bitteren Ende völlig dem Wahnsinn verfiel. Die einzige Darbietung in BLACK MAGIC RITES, die mich stellenweise selbst ein wenig in den Wahnsinn trieb, ist die der Darstellerin Stefania Fassio, die in der Rolle der hysterischen Drama-Queen Steffy eine total überdrehte Darbietung aufs Parkett legt. Hinzu gesellen sich ein paar unpassende Abstecher in Richtung 'commedia di italiana', die meines Erachtens nicht unbedingt hätten sein müssen, da diese das sowieso schon vorherrschende Chaos noch chaotischer wirken lassen.


Ein weiterer Schauspieler, der sehr häufig in den Filmen Polsellis zu sehen war, hört auf den Namen Marcello Bonini Olas und ist seines Zeichens nicht nur der kahlköpfige Barkeeper in DAS GRAUEN KOMMT NACHTS, sondern auch der Knilch aus RIVELAZIONI DI UNO PSICHIATRA SUL MONDO PERVERSO DEL SESSO, über dessen hochpotente Darbietung besser der Mantel des Schweigens ausgebreitet wird. In BLACK MAGIC RITES springt er nicht nur im ritzeroten Strampelanzug um den Opferaltar, sondern entpuppt sich auch als ein sehr versierter Totengräber, der sogar Scheintote sicher unter die Erde verfrachtet. Mickey Hargitay hingegen darf im vorliegenden Film ebenso wie Rita Calderoni eine Doppelrolle spielen, wobei auch nach dem Ende unklar bleibt, 'was' oder besser gesagt 'wen' genau sein zweiter Rollencharakter darstellen soll. Bei Raul Lovecchio, besser bekannt als 'Raoul', zeichnet sich dessen Rolle zwar etwas klarer ab, wobei aber hier unklar bleibt, welchen Sinn seine Mitwirkung als Vampir im vorliegenden Film hat. Zu guter Letzt irritierte mich die Angabe der IMDB, die besagt, dass auch Tano Cimarosa eine Rolle inne gehabt haben muss, die aber augenscheinlich im Rahmen des finalen Filmschnitts unter den Tisch fiel. Laut einem Interview mit dem Regisseur soll dieser den Film zensurbedingt mehrfach umgeschnitten haben, so dass wie bei den meisten Filmen aus der Ralph Brown-Phase unklar bleibt, wie letztendlich die von Polselli intendierte Ursprungsfassung aussah. Schade, denn es hätte mich brennend heiß interessiert, welche Rolle dem quirligen Mann aus Messina ursprünglich zugesprochen wurde.


Abschließend noch ein paar Worte zur äußerst durchwachsenen Filmmusik von Romolo Forlai und Gianfranco Reverberi, deren Repertoire von bombastischen Prog-Rock über Psychedelica bis hin zu komödienhaften Klamauk reicht. Obwohl es sich bei BLACK MAGIC RITES um ein astreines Ralph Brown-Filmprodukt handelt, rangiert der Film auf meiner persönlichen Polselli-Rangliste dennoch hinter MANIA, dem LUSTHAUS und DAS GRAUEN KOMMT NACHTS, da diese meinem Empfinden nach noch etwas entfesselnder wirkten.


Fazit: Ein hypnotisches Filmvergnügen, das den Zuschauer in die tiefsten Abgründe des polsellitypischen Wahnsinns treibt.


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Sid Vicious
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Re: BLACK MAGIC RITES: THE REINCARNATION OF ISABEL - Renato Polselli

Beitrag von Sid Vicious »

Originaltitel: Riti, magie nere e segrete orge nel trecento
Regisseur: Renato Polselli
Kamera: Ugo Brunelli
Musik: Romolo Forlai, Gianfranco Reverberi
Drehbuch: Renato Polselli
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Im 14. Jahrhundert, dem Säkulum in dem der Schwarze Tod wütete, wird die attraktive Isabella Drupel der Hexerei wie des Vampirismus beschuldigt und muss für ihre abscheulichen Taten auf dem Scheiterhaufen büßen. Ihr Geliebter, Jack, gelobt die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und einhergehend seine Liebste mit Hilfe der schwarzen Magie ins Leben zurückzuholen, sodass er in den Kellergewölben seines Schlosses, wo die Überreste seiner Isabella aufgebahrt sind, emsig Jungfrauen opfert. Rund ein halbes Millennium später erwirbt Jack Nelson, eine Nachkomme des Hexenmeisters oder eventuell dessen Reinkarnation (?), das vom kaltem Hach des Todes beseelte Herrenhaus, welches mittlerweile zu einem Mädchenpensionat umfunktioniert wurde und fortan Jacks Stieftochter, Laureen, als neues zuhause dienen soll. Zum Einstand will das junge Mädel in der schmucken Bleibe ihre Verlobung feiern. Die geladenen Gäste setzen sich aus den Wiedergeburten von Isabellas präpuritanischen Peinigern zusammen. Während der ausgelassenen Festlichkeiten verschwinden nach und nach die weiblichen Gäste, die anschließend von diversen Folterinstrumenten in Empfang genommen werden. Wer oder was ist hier eigentlich los?

Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten! Wer jedoch aufmerksam „Die Zeitmaschine“ gelesen hat, dem wird bewusst sein, dass sich ein realer Gegenstand in vier Dimensionen erstreckt. Drei sind uns als Länge, Höhe, Breite, die vierte als die Dauer respektive als die Zeit bekannt. In den drei erstgenannten Dimensionen können wir uns - in der Höhe freilich mit Hilfsmitteln - jederzeit nach Belieben bewegen. In der vierten Dimension, die Zeit, schreiten wir zwar kontinuierlich voran, können die Bewegung allerdings nicht verlangsamen, beschleunigen stoppen oder in die entgegengesetzte Richtung, also rückwärts, ausführen. H.G. Wells beschäftige sich mit dieser Tatsache und beauftragte (s)einen Zeitreisenden, einige Gelehrte vom Gegenteil zu überzeugen. Der Zeitreisende ist, wie wir ja hoffentlich alle wissen, niemals von seiner zweiten Reise zurückgekehrt. Doch bevor er sich auf jene zweite Tour durch Raum und Zeit begab, nahm er seine Zuhörer bei der Hand und definierte ihnen auf plausible Weise, wie er den Zugang sowie die nachfolgende Bewegung innerhalb der vierten Dimension praktizieren konnte. Renato Polselli hielt im Vergleich zu dem Zeitreisenden wenig von plausiblen Erklärungen. Polselli schöpfte stattdessen seine künstlerische Freiheit aus und definierte mit „The Reincarnation of Isabel“ die vierte Dimension als einen für jedermann und -frau zugänglichen Raum, in dem ein Fluchtpunkt wurzelt, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart kreuzen und zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen. Wer sich nun „The Reincarnation of Isabel“ zu Gemüte führt, der wird flink begreifen, warum ich so ein extrem wirres Zeug schreibe, denn Polselli attackiert seine Zuschauer mit einem riesigen Arsenal von Fragezeichen und liefert in letzter Konsequenz keine Erklärung für diesen offensiven Feldzug.

Da ich jegliche Formen von Drogen verabscheue, mich allerdings gern von Filmen berauschen lasse, halte ich Renato Polselli für einen ganz tollen Regisseur, denn er scherte sich keinen Deut um Massenkompatibilität. Die daraus fruchtende Abstinenz von Regeln und Grenzen ist meines Erachtens der bedeutende Teil seiner Erfolgsformel. Ich finde es sehr schade, das sein hierzulande bekanntestes Werk, „Das Grauen kommt nachts“, immerzu auf dessen deutsche Synchronisation reduziert wird. Freilich bereitet diese viel Freude, aber der Zugang zu Polsellis „Delirio Caldo“, dem heißen Delirium, ist primär nur über den Originalton möglich, da die zahlreichen Brüller innert der bundesrepublikanischen Tonbearbeitung, den Zuschauer in (von Polsellis eigentlichem Konzept) abweichende Bahnen diktieren. Wen Polsellis Werke wie erwähnter „Das Grauen kommt nachts“, „Mania“ oder der phänomenale „Lusthaus teuflischer Begierden“ (als phänomenal suggeriere ich die Originalversion und nicht die von Alois Brummer versaubeutelte deutsche Kinoversion) bereits überfordert haben, der sollte „The Reincarnation of Isabel“ besser meiden, ansonsten werden ihm Satan und seine kleinen Teufelchen manch üble Streiche spielen und ggf. schnell in die Frustration sowie die einhergehende Kapitulation treiben. Wer sich den genannten Filmen gewachsen fühlt(e) und sich evt. gar mit ihnen arrangieren konnte wie kann, der lässt sich von „The Reincarnation of Isabel“ und seiner teuflischen Bagage vermutlich mit Freuden ins Delirium ziehen.

Um diesen Sog visuell zu verdeutlichen und dem Appell an den Zuschauer, sich mit Haut und Haaren zu „Isabel“ und einem gemeinsamen Aufenthalt auf der Metaebene verführen zu lassen, mehr Eindruck zu verleihen, präsentiert Polselli simultan zu den Credits (ähnlich dem Auftakt zu „Revelations of a Psychiatrist on the perverse World of Sex”, wo das Titelblatt einer Zeitung in eine Drehbewegung übergeht) eine kontinuierlich kreisende, die Hypnose symbolisierende, Spirale. Ob das, der drehenden Spirale folgende, Opferritual sowie die anschließende Inquisition Alptraum oder Realität reflektieren, lässt sich nicht beantworten und erst recht nicht mit der alltäglichen Logik abgleichen. Dieser Rezeptur bleibt der Film über die gesamte Spielzeit treu und lässt die unterschiedlichen Dekaden sowie den Schein und das Sein an dem bereits erwähnten Fluchtpunkt, das verfluchte Schloss, aufeinander treffen.

Währenddessen weiß die phasenweise in Antinaturalismus getauchte Fotografie von Ugo Brunelli, der häufig mit Polselli zusammenarbeitete und manch wirren Trip mitgestaltete, gemeinhin zu gefallen. Den Schnitt übernahm Polselli selbst und kreierte diverse Parallelmontagen, welche die Abstrusität des Gesamtwerkes additional befruchten. Tontechnisch gibt es das genreüblich Unwetter, welches plötzlich den Donner sprechen lässt und zeitgleich für gelähmtes Entsetzen sorgt. Begleitet von einem monoton prasselnden Regen, der dem Grollen in ehrfürchtiger Manier Applaus spendet, sowie dem heulenden Wind, der jegliche Mauerritzen des Schlosses durchfegt, um sich mit dem Odem des Schnitters zu verbünden und an dem ketzerischen Spiel innert der Schlossmauern teilzunehmen. Ab und an kriechen auch die Klänge einer Orgel in die Gehörgänge und man wird von dem empfangenen Klangkonstrukt ähnlich eingelullt wie vom Darkthrone-Alben „Transilvanian Hunger“. Der Score hat halt so manche Überraschung parat und kommentiert demgemäß eine sinnfreie Liebesszene zwischen zwei Mädels und einem fülligen Herrn mit einer vollkommen unerwarteten Slapstickmusik. Die Szene evoziert ähnliche Verwunderung, wie es eine Bildkomposition aus „Das Grauen kommt nachts“, in der sich die Protagonisten, von psychedelischer Rockmusik begleitet grundlos auf dem Boden wälzen, vermag. Hier wird eine versteckte Botschaft vermittelt, die selbst von denen nicht verstanden wird, die von sich behaupten am meisten verstanden zu haben! Wahrscheinlich helfen nur cannabinoide Substanzen, um im Nebel verkiffter Träume den heiligen Gral zu erspähen. Nein, Finger weg von den Drogen, denn „The Reincarnation of Isabel“ ist auch ohne zu Hilfenahme jeglicher Hippiescheiße dermaßen berauschend, dass sich Sinn und Zweck gern die polsellische Auszeit nehmen dürfen.
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