NACKT ÜBER LEICHEN - Lucio Fulci

Schwarze Handschuhe, undurchsichtige Typen, verführerische Damen und stylische Kills.
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Prisma
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NACKT ÜBER LEICHEN - Lucio Fulci

Beitrag von Prisma »




Marisa Mell   Jean Sorel   Elsa Martinelli

NACKT ÜBER LEICHEN


● UNA SULL'ALTRA / PERVERSION STORY / UNA HISTORIA PERVERSA / NACKT ÜBER LEICHEN (I|F|E|1969)
mit Alberto de Mendoza, John Ireland, Riccardo Cucciolla, Bill Vanders, Franco Balducci, John Douglas sowie Jean Sobieski und Faith Domergue
eine Produktion der Empire Films | Les Productions Jacques Roitfeld | Trébol Films C.C. | im Verleih der Cinerama Filmgesellschaft
ein Film von Lucio Fulci

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»Sag mir was du willst, und ich sag dir ob ichs mach!«


Die Ehe des umstrittenen Arztes Dr. George Dumurrier (Jean Sorel) neigt sich dem Ende zu. Er und seine Geliebte, die Fotografin Jane (Elsa Martinelli) wünschen sich insgeheim, dass Georges Frau Susan (Marisa Mell) nicht existierte. Nach dem plötzlichen Tod der an Asthma erkrankten Susan, hinterlässt sie George eine sehr hohe Versicherungssumme, die wie gerufen kommt, da der Doktor in finanziellen Problemen mit seiner Privatklinik steckt. In einem Nachtclub lernt Dr. Dumurrier die Stripperin Monica Weston (Marisa Mell) kennen, die seiner verstorbenen Frau zum verwechseln ähnlich sieht und er fühlt sich von der aufreizenden Prostituierten magisch angezogen. Der Kontakt gestaltet sich enger, denn George möchte herausfinden, ob es sich nicht doch um seine Frau Susan handelt. Nach kürzester Zeit ergeben und verdichten sich jedoch Verdachtsmomente eines möglichen, bis ins kleinste Detail geplanten Mordes, so dass Polizei und Versicherungsgesellschaft misstrauisch werden und Ermittlungen anstellen. Dr. Dumurrier gerät unter Mordverdacht und die Beweise erscheinen erdrückend zu sein. Wird er seine Unschuld beweisen können, will man ihn vernichten oder steckt er tatsächlich selbst hinter diesem teuflischen Komplott..?

Nicht nur bei Marisa Mell, sondern auch in der Filmografie von Lucio Fulci, wird "Nackt über Leichen" als Klassiker gehandelt und für das Produktionsjahr 1969 bekommt man es mit einem sehr unkonventionellen Beitrag zu tun, der seinen gehobenen Status zurecht besitzt. Die Regie stellte hier ihre Kompetenz, genügend Spannung zu erzeugen und diese bis zum letzten Moment aufrecht zu erhalten, sehr nachhaltig unter Beweis. Die Konstruktion der Geschichte erweist sich trotz einiger Unwahrscheinlichkeiten als sehr dicht, die Atmosphäre rund um San Francisco ist mit ihren vielen wunderschönen Bildern sehr professionell in Szene gesetzt worden, die musikalische Abstimmung reißt in jeder Minute mit und als Sahnehäubchen offenbart sich schließlich eine Besetzung, die hier auf höchstem Niveau unterhalten kann. Gut gelungen sind die Kreationen der einzelnen Charaktere, die anscheinend alle etwas zu verbergen haben. Sympathiepunkte werden nur spärlich vergeben, ein dubioser Kreis an Verdächtigen nimmt den Zuschauer mit auf eine Gratwanderung zwischen Misstrauen und Erkenntnis, die Überraschungen bringen und konspirative Machenschaften aufdecken wird. Insgesamt bringt der Verlauf einige sehr interessante Verstrickungen, oder besser gesagt Querverbindungen durch einige Genres zu Stande, die den geneigten Zuschauerkreis bedeutend erweitern. Ausgesprochen nachhaltig geprägt wird der Verlauf von einer bemerkenswerten Besetzung, die mitunter in Zustände der Begeisterung versetzen wird.

Marisa Mell be-und entkleidet eine Doppelrolle, die wohl ihre überzeugendste und eine ihrer bekanntesten geworden ist. Hier tat man sehr gut daran, die Unterschiede nicht nur anhand der Optik herauszuarbeiten. Die beiden Frauen Susan und Monica ähneln sich augenscheinlich zwar sehr, könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Susan Dumurrier ist neurotisch und quält ihren Ehemann mit Verachtung, heckt anscheinend täglich neue Allüren aus. Sie entzieht sich ihm vollkommen und nur ihrer Schwester Martha gewährt sie einen engen Kontakt, der einem Vakuum gleicht. Die kurzen Zusammentreffen zwischen Susan und George verdeutlichen das eisige Verhältnis der beiden, Vorwürfe treffen auf Desinteresse, bis nichts als Konfrontation und womöglich bereits Hass herrscht. Marisa Mell wurde für ihre Rollen bemerkenswert in Etappen zurecht gemacht. Die brünette Susan mit den tiefen Augenringen und ihrem unscheinbaren Ensemble, die bei Streitereien mit ihrem Mann in massive Atemnot gerät, da sie unter schwerem Asthma leidet, ist zunächst ebenso überzeugend, wie wenig später als Leiche. Als ihre Doppelgängerin Monica Weston darf sie hingegen alle Register ziehen. Als Stripperin Monica legt Marisa Mell in ihrem Club direkt einen ihrer zahlreichen Karriere-Strips hin, und dieser dürfte allerdings die legendärste Choreografie von allen sein. Überhaupt fällt diese Dame nicht nur durch ihre unterschiedliche Erscheinung ins Auge, sondern vor allem durch ihre offenherzige und laszive Art im Umgang mit potenzieller Kundschaft. Oft darf sie betonen, dass ihre Kontaktfreudigkeit eigentlich nur von angemessener Bezahlung abhängig sei, und wenig später wird sich George auch mit ihr treffen. In diesem Film sieht man Marisa Mell jedenfalls an, dass sie mit Motivation, großer Spiellaune und Spaß bei der Sache war.

Bei "Nackt über Leichen" darf man sich daher nicht nur fragen, was dieser Film ohne die atemberaubende Darbietung von Marisa Mell geworden wäre, sondern kann es auch auf die weitere Besetzung anwenden. Jean Sorel spielt von Anfang bis Ende sehr überzeugend. Geroge Dumurrier ist zu jeder Maßnahme bereit, um sich und seine Klinik, zwecks Gerüchten um angebliche Herztransplantationen, ins Gerede zu bringen. Er scheint ein Playboy im Ärztekittel zu sein und genießt das Leben (noch) in vollen Zügen. Jean Sorel wird hier nicht als der strahlende Superheld gezeichnet, scheint allerdings einiges auf dem Kerbholz zu haben, wirkt meistens sogar ziemlich labil, oft naiv. Im Umgang mit seinen Partnerinnen erscheint er egoistisch und rücksichtslos zu sein, wirkt eitel und unterschwellig arrogant, bis Monica Weston seinen mittlerweile ziellosen Weg kreuzt. Plötzlich sind Zweifel zu erkennen, ungläubige, verwirrte Blicke und sentimentale Verirrungen. Elsa Martinelli als seine ihm offensichtlich tief verbundene Geliebte Jane fällt neben Kollegin Marisa Mell durch optische und charakterliche Gegensätzlichkeiten auf, sie gibt ihrer Person aber am meisten Tiefe und Geradlinigkeit. Neben George wirkt sie sehr ernst und nachdenklich und es machen sich Tendenzen der Resignation bemerkbar, da sie sich im Klaren darüber zu sein scheint, immer nur die zweite Wahl zu sein. So handelt es sich um eine gehemmte Person im Privaten, die nur im Beruf als delegierende Fotografin aus sich herauskommen kann. Im Besonderen sind noch die Leistungen von Alberto de Mendoza als Henry Dumurrier und der früheren Hollywood-Ikone Faith Domergue als Schwester von Susan hervorzuheben.

Lucio Fulci inszenierte mit "Nackt über Leichen" einen mitreißenden und Verwirrung stiftenden Triller, der neben den Schauspielern durch seine Optik und seine Experimentierfreudigkeit heraussticht. Die Kameraarbeit ist hervorragend und sehr an Details interessiert, für damalige Verhältnisse dürften Einstellungen wie beispielsweise eingefügter Split-Screen und Zooms nicht gerade alltäglich gewesen sein. Die Kamera integriert den Zuschauer sehr intensiv in das erotisch aufgeladene Szenario und oft hat man das Gefühl, man könne die Akteure berühren. Dieses innocent-bystander-Prinzip wirkt keinesfalls aufdringlich, sondern prickelnd und wirklich sehr aufregend. Die dosierte bis vereinnahmende Prise Sex bekommt diesem Film erstaunlich gut, denn die Szenen zwischen Jean Sorel, Marisa Mell und Elsa Martinelli zeigen einen sehr hohen Anspruch und weisen in Richtung ästhetischer Ansprüche. Generell ist zu sagen, dass es so scheint, als habe einfach jede Schauspielerin neben Jean Sorel platzieren können. Wenn insgesamt und vor allem bei den pikanten Szenen die wandlungsfähige, jazzlastige Musik von Riz Ortolani ertönt, kann man nicht mehr anders, als nur noch gebannt zuschauen. "Nackt über Leichen" ist durchweg eine Hommage an die Optik und an die Schönheit im Ganzen geworden, und dabei verzichtete man beinahe vollkommen auf abgedroschene Elemente als mögliche Verstärker. Dieser Film ist ohne jeden Zweifel einer von Lucio Fulcis Aushängeschildern geworden, dem Marisa Mell den letzten, beziehungsweise bedeutendsten Schliff geben konnte. Ein Pflichtprogramm für Italo-Cracks, das viele Genre-Elemente lückenlos vereint miteinander hat.

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alan_cunningham
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Re: NACKT ÜBER LEICHEN - Lucio Fulci

Beitrag von alan_cunningham »

Für mich ist dies nach "A lizard in a woman's skin" Fulcis bester Giallo! :) Kaum zu glauben, aber in "Lizard" sind die erotischen Szenen noch, äh, erotischer! :shock:
Marisa Mell und Jean Sorel sehe ich jedenfalls immer sehr, sehr gerne ...

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Prisma
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Re: NACKT ÜBER LEICHEN - Lucio Fulci

Beitrag von Prisma »

alan_cunningham hat geschrieben:
So., 15.11.2020 21:19
Marisa Mell und Jean Sorel sehe ich jedenfalls immer sehr, sehr gerne ...

Das geht mir ganz genauso. Marisa Mell war immer schon eine der Schauspielerinnen, die mich absolut überzeugen, begeistern und dazu animieren konnte, alles Mögliche mit ihr zu beschaffen. War damals mitunter nicht immer gerade leicht, aber die Schatzsuche hat schon Spaß gemacht. Hier überzeugt sie auf ganzer Linie und ich halte ihre Monica Weston für eine ihrer besten Performances ihrer gesamten Karriere. Jean Sorel mag ich auch sehr gerne, weil ich ihn oft nicht "mag". Also das ist natürlich auf die Anlegungen vieler seiner Rollen bezogen, weil er einen passenden Gegenentwurf zu vielen good-guy-Rollen anbietet. So konnte er immer recht gut für Skepsis und Zweifel sorgen, was vielen Geschichten zusätzliche Spannung mitgeben konnte.

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