TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

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Richie Pistilli
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TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

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TATORT SAARBRÜCKEN



Da ich mich momentan arbeitsbedingt etwas ausgepowert fühle, bietet sich die wiederentdeckte TATORT-Reihe regelrecht an, als Ersatzdroge für den momentan eher spärlichen Spielfilmkonsum zu fungieren - denn für reguläre Filme fehlt mir aktuell an den meisten Tagen die dafür benötigte Muse, um diese auch adäquat goutieren zu können. Und somit flimmern bei mir seit einigen Wochen überwiegend TATORT-Folgen über die flache Mattscheibe, wobei mein Hauptaugenmerk in der vergangenen Woche den ganz frühen Folgen des 'Saarländischen Rundfunks' galt, die mir bis dahin auch völlig unbekannt waren. Die erste Saarbrücker TATORT-Folge wurde übrigens am 13. Dezember 1970 ausgestrahlt. Dabei handelte es sich außerdem um die zweite Folge der gerade erst frisch gestarteten TV-Reihe, in der -zu meiner größten Freude- mit Dieter Eppler ein angestammtes Mitglied der glorreichen Edgar Wallace-Sippschaft als Kommissar 'Liersdahl' erstmals das Zepter in den kargen Räumlichkeiten der Saarbrücker Mordkommission schwang. Im Gegensatz zu seinem Partner -Kommissar 'Schäfermann'-, der von Manfred Heidmann verkörpert wurde, dauerte die 'saarländische' TATORT-Zugehörigkeit von Dieter Eppler leider nur zwei Folgen an - Kommissar Heidmann hingegen sollte einige Jahre später wieder alleine an die Saar zurückkehren; aber dazu später mehr.




Folge 002: SAARBRÜCKEN, AN EINEM MONTAG (1970)


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Ebenso wie beim TATORT-Seriendebüt 'TAXI NACH LEIPZIG', welches am 29. November 1970 ausgestrahlt wurde, handelt es sich auch bei der zweiten Folge SAARBRÜCKEN, AN EINEM MONTAG um eine ursprünglich überhaupt nicht für die Reihe produzierte Folge, sondern um einen eigenständigen TV-Krimi, der aufgrund der spontanen Entscheidung, die Reihe kurzfristig an den Start zu bringen, dieser einfach -was die simple Titelerweiterung betrifft- in bester Django-Manier einverleibt wurde.

Eins gleich vorweg: Von den bis dato gesehenen SR-TATORT-Folgen, die in den meisten Fällen das Mittelmaß gerade noch so erreichten, war SAARBRÜCKEN, AN EINEM MONTAG zweifelsfrei die sehenswerteste Episode: Neben Kommissar Eppler, der sich ermittlungstechnisch von seiner besten Seite zeigt, sind es gerade die Darbietungen der zuhauf eingespannten Filmstars wie beispielsweise 'Horst Naumann', 'Arthur Brauss', 'Erik Schumann' oder 'Wolfgang Lukschy', die diese erste Folge von der Saar zu etwas Besonderem machen. Und da obendrein die Geschichte auch noch stimmt, kann SAARBRÜCKEN, AN EINEM MONTAG zweifelsfrei als einer der wenigen Beiträge bezeichnet werden, die dem 'Saarländischen Rundfunk' in Zusammenarbeit mit seiner Produktionsfirma 'Saar-Film' letztlich gut gelang.

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Drehortvergleich






Folge 033 : Das fehlende Gewicht (1973)

Am 30. September 1973 folgte mit DAS FEHLENDE GEWICHT die zweite als auch zugleich letzte gemeinsame Folge des Ermittlerduos 'Liersdahl und Schäfermann', wobei die beiden im vorliegenden Fall einen suizidalzentrierten Plot -der ursprünglich aus der Feder 'Arthur Conan Doyles' stammt- aufklären müssen, in den nebenbei auch noch eine breit angelegte Rauschgiftschieberei verflochten ist. Zwar nicht so überzeugend wie der erste Saar-TATORT, aber immerhin besser als die meisten der noch folgenden Produktionen.

Mein persönliches Highlight bei dieser Serienfolge war eindeutig die easy-beat-lastige Filmmusik, die mit jedem neu erklingenden Track mein Herz höher schlagen ließ. Leider lassen sich zum Urheber dieser fantastisch groovenden Beats keinerlei Info vorfinden, so dass ich mittlerweile davon ausgehe, dass es sich hierbei um Libary-Musik handeln dürfte. :?: Weiß zufällig jemand mehr darüber?

Sound-Beispiele: 5:22 - 21:33 - 36:00 - 1:03:30 - 1:04:27






Folge 076: Wer andern eine Grube gräbt (1977)
Folge 098: 30 Liter Super (1979)
Folge 116: Tote reisen nicht umsonst (1980)
Folge 162: Geburtstagssgrüße (1984)



Hierbei handelte es sich um die restlichen TATORT-Folgen von der Saar, bei denen 'Kommissar Schäfermann' mit wechselnden Partnern ermitteln durfte. Leider empfand ich drei der vier Folgen als recht dröge inszeniert. Einzig die grundsolide Folge 30 LITER SUPER konnte aufgrund der Darbietung eines jungen 'Martin Semmelrogges' ein wenig Aufsehen erregen:

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Folge 201: Salü Palu (1988)

1988 trat dann erstmals Jochen Senf in der Rolle des kauzigen Kommissars Max Palu aufs Parkett, der zugleich den ersten Ermittler von der Saar darstellte, den ich Jahre später erstmals bewusst wahrnahm. Und da ich die Palü-Tatorte als ziemlich unspektakulär in Erinnerung habe, folgte gestern mit seiner Einstiegsfolge 'Salü Palu' die Überprüfung: Leider bestätigten sich meine nicht gerade positiven Erinnerungen, so dass ich die Palu-Folgen zunächst noch etwas auf Eis liegen lassen werde. Zumindest bot Palus Eröffnungsfolge einige Überraschungen, zu denen dann nicht nur 'Hans Peter Hallwachs','Eberhard Feik' (als Kommissar Tanner) und 'Gudrun Landgrebe' zählten, sondern zu meiner größten Freude auch die sowohl einzigartige als auch gesangserprobte Grande Dame des deutsch-europäischen Unterhaltungsfilms - "Kai Fischer' (!)

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Und bei so viel Prominenz ließ sich die Produktionsfirma auch nicht lumpen, den damals heißesten und erfolgreichsten Hitparadenschlager aus dem Saarland ins Rennen zu schicken: Der Popstern mit den Hamsterbäckchen - Ms. Sandra 'Ann Lauer' (oder auch besser bekannt als Sandra Cretu)



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Richie Pistilli
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Tatort Köln - Folge 569: Odins Rache (2004)


Was zunächst wie eine astreine Hetzjagd auf Nazis beginnt, entwickelt sich im weiteren Filmverlauf zu einem staatsskandalösen Politikum, indessen Mittelpunkt sowohl das verwerfliche Treiben des Verfassungsschutzes als auch ein vermeintlich außer Kontrolle geratener V-Mann namens Olaf stehen. Im undurchschaubaren Nebel des Verfassungsschutzes geraten Ballauf und Schenk auf der Suche nach dem unbekannten Nazikiller nicht nur nebenbei zwischen die Fronten diverser Nazi-Kameradschaften, sondern müssen sich auch noch mit den weiteren potenziell gefährdeten Todeskandidaten, einem großangelegten Waffenschmuggel, einem geplanten Gefängnisausbruch, den und einem gewissenlosen Anwalt herumschlagen, der zugleich den Kopf der rechtsradikalen Partei N.R.A. verkörpert. Und ähnlich wie in der Tatort Folge 'ZORN' (Dortmund 2019) (Mdthk) geht der staatliche Verfassungsschutz auch in ODINS RACHE für seine persönlichen Belange eiskalt über Leichen. Eine sehr beeindruckende Folge, die sich zudem auch noch als äußerst spannend entpuppt. Kuriosester Moment: Freddy Schenk flaniert im Skinhead-Outfit gemütlich durch die Kölner Innenstadt (siehe YT-Video). Nebenbei wurde der breiten Masse kurz zuvor nochmals aufgezeigt, dass nicht jeder Skinhead auch automatisch ein verächtlicher Nazi-Skin ist. Was abschließend noch seine Erwähnung finden sollte, sind solch köstliche Kommentare wie beispielsweise:

"Alles voller Germanen-Kram, aber den ganzen Tag Pizza essen."

"Hast Du irgendwas außer 'Deutschland' verstanden?"
(Frage von Ballauf an Schenk, als sie sich in einer Wohnung eines Verdächtigen eine Schallplatte mit üblem Nazi-Gegröle anhören)


Skinhead-Freddy:

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Richie Pistilli
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TATORT Frankfurt - Folge 1033: Fürchte dich (2017)



"Nichts ist so wie es scheint..."

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Eine weitere Ausnahme-Folge des Hessischen Rundfunks, in der die beiden Ermittler Brix und Janneke quasi in einem astreinen Horrorfilm landen. Ein vermeintlich verstorbener Bewohner eines Pflegeheims am Rande der Stadt schlägt urplötzlich mit einem Benzinkanister bewaffnet in der Villa von Kommissar Brix auf, um das augenscheinlich verfluchte Eigenheim in Schutt und Asche zu legen. Doch der Plan schlägt fehl, denn eher er sich versieht, landet der wiederauferstandene Senior auch schon im ortsansässigen Krankenhaus. Als Brix kurz darauf unter den Dielen seines Dachbodens ein Skelett einer Kinderleiche vorfindet, geht der Spuk erst richtig los...

Im Großen und Ganzen fand ich diesen Horror-Tatort recht unterhaltsam, wobei mir einzelne Momente wiederum etwas 'zu drüber' erschienen. Dennoch ist es dem Regisseur (Andy Fetscher) zweifelsfrei gelungen, eine wohlig schaurige Atmosphäre den gesamten Filmverlauf über aufrechtzuerhalten. Wer auf etwas ausgefallenere Tatort-Experimente steht, der darf gerne einen Blick riskieren - wer aber eine standardmäßige Kriminalfilmfolge erwartet, der könnte sich eventuell etwas vor den Kopf gestoßen fühlen.




Bei der folgenden Szene kam mir unweigerlich die brennende Villa aus PROFONDO ROSSO in den Sinn:
► Text zeigen



Weitere Horror-/Grusel-Episoden aus dem Tatort-Fundus:

TATORT Frankfurt - Folge 937 Das Haus am Ende der Straße (2015) #

TATORT Wiesbaden - Folge 1001 Es lebe der Tod (2016) #


Und wenn ich mich recht entsinne, dann fand ich die folgende Murot-Folge ebenfalls sehr unheimlich:

TATORT Wiesbaden - Folge 819 Das Dorf (2011) #



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Richie Pistilli
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TATORT Bern - Folge 242 - Kameraden (1991)




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"Gute Nacht, Kameraden!"


Nachdem drei ekelhafte Rechtsradikale einem Südafrikaner auf offener Straße grundlos mit einer Schrotflinte das Lebenslicht auslöschten, wird der Berner Detektivwachtmeister Reto Carlucci mit den Ermittlungen an dem Mordfall beauftragt. Zwar wohnten dieser grausamen Schandtat einige Zeugen bei, mit deren eindeutigen Aussagen aber die Justiz aufgrund ihrer realitätsnonkomformen Gesetzespapiere so rein gar nichts anfangen kann. Das Ergebnis ist wie in den meisten Fällen für die Opfer niederschmetternd, denn die rechten Straftäter werden für ihre ungeheuerliche Schandtat kurzerhand mit einem astreinen Freispruch beglückt. Gefrustet vom rechtsstaatlichen Fehlurteil beginnt die Zeugin Katharina Manz daraufhin auf eigene Faust im Sumpf des braunen Gesocks zu ermitteln. Doch leider kommt ihr bereits nach kürzester Zeit ein Mitglied der faschistischen Skinnhead-Sippschaft auf die Schliche - was wiederum zur Folge hat, dass ihr Leben von da an durch einen sehr perfiden Psycho-Terror bestimmt wird, den die braune Brut tagaus, tagein genüsslich auf sie ausübt. Bleibt letztendlich die Frage, ob es Carlucci gelingen wird, sowohl das Leben der immer mehr aus dem Ruder laufenden Zeugin Manz zu beschützen als auch den rassistischen Missetätern ihre gerechte Strafe zukommen zu lassen?


Bei der Folge KAMERADEN handelt es sich zum einen um den zweiten TATORT-Beitrag des Schweizer Fernsehens und zum anderen um den ersten Solo-Auftritt von Detektivwachtmeister Reto Carlucci, der wiederum von dem Graubündener Schauspieler Andrea Zogg verkörpert wird. Und genauso wie in der grausamen Realität bleibt auch in dieser Folge ein Großteil der von den Neonazis begangenen Schandtaten letztendlich ungesühnt. Die Darbietungen der beteiligten Darsteller als auch das Drehbuch empfand ich als sehr solide, wobei für mich die aufgezoomten und schrägperspektivischen Bildeinstellungen des Kameramanns Werner Schneider das größte Highlight dieser Folge darstellten: Ständige Großaufnahmen, die obendrein auch noch durchweg in herrlich schrägen Bildeinstellungen präsentiert werden. Als dann auch noch in einer Türspion-Szene das viel zu selten genutzte Fischaugenobjektiv zum Einsatz kam, war es endgültig um mich geschehen - denn die dargebotene Optik dieser Folge ließ mein Herz von Minute zu Minute höher schlagen. Irgendwie kamen mir während des Anschauens auch unweigerlich die beindruckenden Bildwelten von Zbyněk Brynych in den Sinn, wobei dessen Kameraführung noch um einiges entfesselter wirkte. Des Weiteren wurden nicht nur zahlreiche der verwendeten Filmsets mit vertauten Farbakzenten versehen, sondern auch der ausgeübte Psycho-Terror wird von den Neonazis in waschechter (Intrigen-)Giallo-Manier vollzogen. Alles in Allem eine äußerst sehenswerte TATORT-Folge!



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https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Kameraden

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TATORT München - Folge 307: Im Herzen Eiszeit (1995)


"Immer noch der alte Anarcho..."


Nachdem bei einem Überfall auf eine Edelboutique des Modedesigners Rudolph Mooshammer durch Mitglieder der Münchner Hausbesetzerszene versehentlich ein Wachmann getötet wurde, wird schließlich Reinhard Kammermeier (Rio Reiser) als einzig habhafter Störenfried zu elf Jahren Knast verurteilt, obwohl er den Mord überhaupt nicht begangen hatte. Kurz nach seiner Entlassung wird einer seiner damaligen Komplizen, die er die ganzen Jahre über gedeckt hatte, ermordet aufgefunden. Ein Fall für die beiden Münchener Kommissare Batic und Leitmayr, die sich kurz darauf auch schon an die Fersen des Hauptverdächtigen Reinhard Kammermeier heften.


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Im Großen und Ganzen würde ich diese TATORT-Folge nur als durchschnittlich bezeichnen, denn sowohl beim Drehbuch, der Regiearbeit als auch bei den schauspielerischen Leistungen wäre noch ordentlich Luft nach oben gewesen. Zumindest konnte mich die Darbietung von Rio Reiser überzeugen, der zwar alles andere als eine schauspielerische Höchstleistung abliefert, seinem darzustellenden Rollencharakter -einem phlegmatisch wirkenden Ex-Sträfling- aber mehr als gerecht wird. Obendrein zeigte er sich auch für die Filmmusik verantwortlich, denn neben dem Rauch Haus Song von den TON STEINE SCHERBEN gibt es auch den Rio Reiser Song Träume verwehn zu hören. Herr Mooshammer spielt sich übrigens im Rahmen eines kurzen Gastauftritts selbst.


https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Im_Herzen_Eiszeit









TATORT Bremen - Folge 843 Hochzeitsnacht (2012)


"Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse..."


Zwei maskierte Unbekannte bringen eine Hochzeitsgesellschaft in ihre Gewalt, unter der sich zufälligerweise auch Kommissarin Lürsen befindet. Was folgt, ist eine nervenaufreibende Zeit für die in Geiselhaft genommen Gäste, da einer der beiden bewaffneten Täter den wahren Mörder unter den Hochzeitsgästen ausfindig machen möchte, wegen dem er unschuldig neun Jahre ins Gefängnis wandern musste.


Auch diese TATORT-Folge kommt nicht über das Mittelmaß hinaus, zumal mich die Geschichte auch nicht richtig überzeugen konnte. Einzig die Darbietung von Sascha Reimann (Ferris MC) konnte positiv überraschen, wobei ihm seine Rolle -der rabiatere der beiden Geiselnehmer- auch augenscheinlich auf den Leib geschrieben wurde:

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https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 53923.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Hochzeitsnacht






Weitere Auftritte musikalischer Gaststars:

Bela B.: TATORT München - Folge 510 Totentanz (2002) Filmausschnitt

Nina Hagen: TATORT Ludwigshafen - Folge 350 Tod im All (1997) Filmausschnitt

Die Toten Hosen: TATORT München - Folge 300 Und die Musi spielt dazu (1994) Filmausschnitt

Die Toten Hosen: TATORT Hamburg - Folge 198 Voll auf Hass (1987)

Udo Lindenberg: TATORT Hannover - Folge 045 Kneipenbekanntschaften (1974)

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

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TATORT Hamburg - Folge 942 Frohe Ostern, Falke (2015)


"Wir färben Euch rot!"


Jahr für Jahr startet die antikapitalistische Aktivistengruppe 'Bad Easter Bunnies' zu Ostern eine aufsehenerregende Aktion, indem sie geladene Teilnehmer bestimmter politischer Veranstaltungen mit Farbbeuteln attackieren. Doch in diesem Jahr kommt plötzlich alles ganz anders, da ein neues Mitglied der Gruppe im Vorfeld dafür sorgte, dass anstatt einer harmlosen Farbbeutelaktion eine tollschockende Scheinhinrichtung auf dem Programm steht, wozu dann logischerweise auch angsteinflößende Schusswaffen benötigt werden. Als diesjähriger Austragungsort wurde eine Hamburger Wohltätigkeitsveranstaltung -die zugunsten einer Flüchtlingshilfe stattfindet- auserkoren, unter deren Gäste sich rein zufällig auch Kommissarin Lorenz befindet. Als kurz darauf fünf als böse Osterhasen verkleidete Aktivisten schwer bewaffnet die Spendengala stürmen, heißt es auf einen Schlag 'Schluss mit lustig' für die 80 anwesenden Gäste, denn die bitterbösen Mümmelmänner kochen aufgrund des zynischen Verlogenheitsgrads der Veranstaltung innerlich vor Wut. Was folgt, ist eine schonungslose Standpauke, an deren bitteren Ende eigentlich die geplante Scheinhinrichtung stehen sollte. Doch anstatt zum Schein richtet der zwischenzeitlich selbsternannte Rädelsführer Frank nicht nur urplötzlich das auserkorene Opfer tatsächlich hin, sondern versetzt auch sämtliche Anwesende in eine zunächst unüberwindbar scheinende Schockstarre. Was die bösen Osterhasen zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ahnen: Kommissarin Katharina Lorenz ist es unbemerkt gelungen, ihren Kollegen Falke per verstecktem Handy an dem Hinrichtungshappening teilhaben zu lassen. Als kurze Zeit später das von Kommissar Falke alarmierte Sondereinsatzkommando auf den Plan tritt, beginnt die bereits angespannte Situation vollends zu Eskalieren...


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Nachdem ich mir im letzten Monat bereits einige willenlos ausgewählte TATORT-Folgen mit Wotan Wilke Möhring zu Gemüte führte, schürte die von Jimmy Stewart empfohlene Folge 1039 Dunkle Zeit endgültig das Interesse, mir auch noch die restlichen Fälle von Kommissar Falke zu Gemüte zu führen. Zu meiner großen Überraschung überzeugten mich sowohl sämtliche Folgen aus der Falke und Lorenz- als auch der Falke und Grosz-Ära. Ich könnte auch nicht sagen, welche Darbietung der beiden Ermittlerinnen mir besser gefällt, denn trotz (oder besser gesagt, gerade wegen) ihrer Gegensätlichkeit sagen mir beide irgendwie gleich zu. Zu meinen persönlichen Folgen-Highlights zählen neben dem bereits erwähnten AFD-TATORT (DUNKLE ZEIT) die folgenden beiden Fälle von Kommissar Falke:



TATORT Folge 1037 Böser Boden (2017)

Eine überzeugende Event-Folge, die neben einem übersinnlich scheinenden Kriminalfall auch zahlreiche Anspielungen auf 'lebende Tote' aufweist, wozu sogar an einer Stelle Romeros 'Dawn of the Dead' zitiert wird. Zwar handelt sich bei BÖSER BODEN gewissermaßen um eine weitere Horror-TATORT-Folge, die aber letzten Endes weniger konsequent umgesetzt wurde - was dann aber wiederum genau ihre Stärke darstellt. Top!



TATORT Folge 1056 Alles was sie sagen (2018)

Nachdem im Rahmen eines Polizeieinsatzes eine unbeteiligte Frau durch Falkes Schusswaffe getötet wird, muss sich dieser und seine Partnerin einem endlosen Verhör stellen, welches von Kriminalrat Joachim Rehberg durchgeführt wird. Was folgt, sind unzählige Rückblenden, die lediglich immer mal wieder durch kurze Verhörszenen aus der Gegenwart unterbrochen werden. Zwar ahnte ich spätestens nach einer Stunde wie der Hase im vorliegenden Fall letztendlich laufen könnte, was aber dem durchgehenden Spannungsbogen dennoch keinen Abbruch tat. Diese bemerkenswerte Folge imponierte mir sehr!



Zurück zur eigentlichen Folge FROHE OSTERN, FALKE, die zwar beileibe nicht zu den besten Kommissar-Falke-Folgen zählt, mir aber aufgrund des wohligen als auch gut gemachten B-Movie-Feelings beste Unterhaltung bot: Bis an die Zähne bewaffnete Aktivisten stürmen als ikonenhafte Donnie Darko-Hasen verkleidet eine verlogene Charity Gala und terrorisieren daraufhin knapp 90 Minuten lang die Teilnehmer der Veranstaltung. Dumm nur, dass die Aktivistengruppe von Neuzugang 'Frank' (Donnie Darko lässt grüßen...) unbemerkt infiltriert wurde, denn spätestens nachdem dieser aus einer geplanten Scheinhinrichtung plötzlich grausame Realität werden lässt, gerät auch der ursprünglich angedachte Ablaufplan aus den Fugen. Was bis dato niemand ahnt: Frank wurde von mächtigen Lobbyisten in die Aktivistengruppe eingeschleust, um den eigentlichen Ablaufplan während der Aktion zu unterwandern und im Sinne seiner Auftraggeber mit einer völlig anderen Zielsetzung weiterzuführen.

Ein weiterer Event-TATORT, der einen Großteil der Zuschauer überforderte, da die Inszenierungsweise mit den gängigen TATORT-Mustern bricht. Nachdem ich mir nun in den letzten beiden Monaten zahlreiche Folgen aus den letzten Jahren angeschaut habe, kristallisiert sich immer mehr heraus, dass mich gerade die experimentellen Folgen mit am meisten begeistern. Aber auch unter den gewöhnlich gestrickten Folgen der letzten Jahre konnte ich so einige bemerkenswerte Episoden ausmachen, zu denen dann nach und nach auch noch etwas geschrieben wird.





https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_F ... ern,_Falke
https://www.zeit.de/kultur/film/2015-04 ... tern-falke
https://www.tatort-fundus.de/web/folgen ... falke.html
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 25945.html


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Richie Pistilli
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TATORT Dresden - Folge 1092: Das Nest (2019)



Nachdem mir die letzten drei Sonntags-TATORTe so rein gar nicht zusagten und auch ansonsten in den letzten Wochen nur über durchschnittliche Folgen gestolpert bin, verschlug mir vorgestern DAS NEST so ziemlich die Sprache: Düster, vom Anfang bis zum Ende sauspannend, überzeugende Darsteller, eine mitreißende Geschichte und ganz viel angenehme Horrorstimmung.


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Nach einem Autounfall rettet sich eine leicht lädierte junge Frau in ein stillgelegtes Hotel, wo sie dann auch sogleich Zeugin einer grausamen Straftat wird: Ein vermummter Unbekannter lässt ein verschlepptes Opfer bei lebendigem Leib ausbluten, um diesen dann im Anschluss zu präparieren. Als kurz darauf die beiden Kommissarinnen Gorniak und Winkler den Tatort begutachten, stoßen sie nicht nur auf weitere präparierte Leichen, sondern auch auf den unbekannten Täter, dem aber dank einer Unachtsamkeit der Kollegin Winkler die Flucht gelingt. Kurz darauf wird Kommissarin Gorniak -die sich postwendend an die Fersen des flüchtenden Unbekannten geheftet hat- von dem Vermummten eiskalt mit einem Jagdmesser abgestochen.

Nachdem sich Gorniak einige Monate später wieder von ihrer schweren Bauchverletzung erholt hat, lässt sie sich zwar postwendend von der Mordkommission in die Asservatenkammer versetzen, kann sich dabei aber von den weiterhin laufenden Ermittlungen in Reihen ihrer ehemaligen Dienststelle nicht richtig abgrenzen - denn der Drang, den weiterhin flüchtigen Peiniger festzusetzen ist einfach zu groß. Also trifft Gorniak mit ihrer neuen Kollegin Winkler und ihrem Vorgesetzten Schnabel den Deal, dass sie die beiden inoffiziell bei ihren Ermittlungen unterstützt - hält dabei aber schon kurz darauf das Heft selbst wieder in der Hand. Was folgt, ist eine erst Spur, die zu verschiedenen Pflegekräften eines innerstädtischen Krankenhaus führt. Im Rahmen einer anschließenden polizeilichen Gegenüberstellung stellen sich zwei Tatverdächtige heraus, die sich zudem fast wie ein Ei dem anderen gleichen. Für Gorniak steht bereits nach kürzester Zeit der wahre Täter fest, wobei Winkler und Schnabel aber in eine völlig andere Richtung ermitteln. Als die Beiden dann auch noch kurz darauf der Öffentlichkeit einen vermeintlich falschen Verursacher als Täter präsentieren, platzt Gorniak nicht nur endgültig der Kragen, sondern eröffnet auch kurzerhand auf eigene Faust die gnadenlose Jagd auf den -ihrer Meinung nach- wahren Psychopathen. Ein fataler Fehler, wie sich kurz darauf herausstellt, denn nachdem Gorniak dem vermuteten Täter zu nahe kam, baut dieser sie nicht nur unwiderruflich in sein paranoides Wahnsystem ein, sondern dreht auch noch einfach den Spieß um. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt ist sich auch Kommissarin Gorniak bewusst, wie sich richtige Angst anfühlen kann...


Wow, diese überdurchschnittliche TATORT-Folge hatte mich bereits nach kürzester Zeit in ihren Bann gezogen und auch bis zum bitteren Ende nicht mehr losgelassen. DAS NEST wirkt wie eine Hommage an suspenslastige Horror- und Hitchcock-Filme, wobei die Darbietung des erstklassig gespielten Psychopathen das absolute Highlight dieser TATORT-Folge darstellt. Leider fällt es mir aus Spoilergründen schwer, etwas näher auf die Grandiosität dieser Darbietung einzugehen, aber so viel soll zumindest gesagt sein: Die Art und Weise, wie der Psychopath in dieser Folge verkörpert wird, ließ es mir eiskalt den Rücken herunterlaufen, denn völlig unscheinbare Psychopathen, die ruhig und gesittet auftreten, und dabei auch noch sehr gebildetes Psychopathendeutsch vor sich hin faseln, sind mir meist die unheimlichsten. Hinzu gesellt sich ein beachtlicher Spannungsbogen, der über den gesamten Verlauf der Geschichte gleichmäßig hoch gehalten wird. Und als wäre das alles noch nicht genug, verschlug mir das denkwürdige Finale dann gänzlich die Sprache! (Stichwort: der gebrochene Arm der Selbstjustiz) :shock:


Nebenbei sei noch erwähnt, dass Kommissarin Winkler in dieser Folge ihr TATORT-Debüt abliefert. Zuvor ermittelte sieben Folgen lang Kommissarin Henni Sieland an der Seite von Karin Gorniak, wobei ich bis dato erst zwei Folgen des ehemaligen Dresdener Ermittlerinnen-Duos gesehen habe.


Fazit: Wer außergewöhnliche TATORT-Folgen aus den letzten Jahren mag, der sollte sich unbedingt auch DAS NEST anschauen. Eine spannungsgeladene Glanzleistung!



Aktuell steht diese bemerkenswerte Folge auch in der Mediathek abrufbereit: Das Nest





Und so sieht er übrigens aus, der psychopathische Herr Saubermann:
► Text zeigen


https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Das_Nest
https://www.goldenekamera.de/tv/article ... -Nest.html
https://www.zeit.de/kultur/film/2019-04 ... onsbericht
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 63720.html
https://www.noz.de/deutschland-welt/med ... des-jahres

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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

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TATORT Frankfurt - Folge 1129 Die Guten und die Bösen (2020)

Die letzte Frankfurter TATORT-Folge mit Kommissar Brix und Kommissarin Janneke hat mir wieder äußerst gut gefallen, wobei sich die Geschichte schwer in Worte zusammenfassen lässt: Hektik und Chaos im Frankfurter Polizeipräsidium, welches aufgrund ausgiebiger Renovierungsarbeiten wie eine Großbaustelle wirkt. Ein Grund mehr für Brix und Janneke, sich nach getaner Arbeit in einem leerstehenden Büro einen ordentlich hinter die Binde zu kippen. Dumm nur, dass sie am nächsten Morgen (noch völlig benebelt) von ihrem Kollegen Matzerath unsanft geweckt werden, der die beiden verkaterten Beamten in Windeseile zu einer abgelegenen Waldhütte fährt, in der nachts zuvor ein unbekannter Mann bestialisch zu Tode gefoltert wurde. Als die beiden Ermittler Matzerath kurz darauf bitten, sie wieder zurück zur Dienststelle zu fahren, eröffnet dieser ihnen aus heiterem Himmel, dass er der Mörder des gefolterten Unbekannten sei. Was folgt, ist ein völlig chaotisches Verhör, das nicht nur inmitten der lautstarken Bauarbeiten stattfindet, sondern auch noch ständig wegen eines Selbsteffizienz-Seminars, an dem die beiden Ermittler abwechselnd teilnehmen müssen, unterbrochen wird.

Eine bemerkenswerte Folge, die sowohl aufgrund ihrer außergewöhnlichen Atmosphäre eine meditative Sogwirkung verbreitet als auch im Rahmen des Verhörs sehr interessante Fragestellungen aufwirft. Schauspielerisch: top!



'Die Guten und die Bösen' in der Mediathek
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 1bea19db19
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 9284474dfb







TATORT Berlin - Folge 1048 Meta (2018)

Ein unfassbares Film im Film-Experiment, dass aufgrund seiner durchdachten Auflösung auf ganzer Strecke überzeugen konnte. Nach dem Erhalt eines abgeschnittenen Fingers, finden die beiden Kommissare Karow und Rubin die dazugehörige Leiche im einem Lagerhaus vor. Eine vor Ort vorgefundene Visitenkarte führt die beiden Ermittler auf die Berlinale, wo gerade der Film 'Meta' seine Weltpremiere feiert. Als Karow und Rubin den ausverkauften Kinosaal betreten, um den verantwortlichen Regisseur zu vernehmen, nimmt der Wahnsinn seinen Lauf: Das Drehbuch von 'Meta' beschreibt den gleichen Fall, den die beiden Kommissare gerade erleben. Was folgt, ist das Abdriften von Kommissar Karow in eine immer nebliger werdende Welt zwischen dem Film 'Meta' (+ Taxi Driver) und der Realität - wobei sich letztendlich die Frage stellt, ob er dem Wahnsinn verfallen ist oder doch viel eher ein ermittlungstechnisches Genie darstellt.

Im Vergleich zur experimentellen Murot-Folge Wer bin ich? entpuppte sich META zwar als weniger verzwickt, konnte mich aber dennoch die ganzen 90 Minuten über mitreißen. Ein gelungenes Experiment, das zudem auch noch stimmig wirkt. Absolute Empfehlung!


Passendes Zitat aus dem Spiegel:

"Diese wunderbar verblasene, aber in sich schlüssige Konstruktion geht auch deshalb auf, weil durch verwinkelte Spiegelungen von Realität und Fiktion ein Paranoia-Szenario entsteht, das bei dem krankhaft in sich selbst verliebten einsamen Wolf Karow bestens zündet. […] Ein Mann, bei dem man nicht weiß, ob er eingewiesen oder befördert gehört.“


META steht ebenfalls zur Zeit in der Mediathek zur Verfügung: https://www.ardmediathek.de/daserste/pl ... Y3ZWY/meta




https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_Meta
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 92496.html
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 92696.html
https://www.zeit.de/kultur/film/2018-02 ... onsbericht


Zwei Beiträge über die lobenswerten TATORT-Experimente:
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 75281.html
https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 75555.html







TATORT Göttingen - Folge 1130 National Feminin (2020)

Diese TATORT-Folge behandelt zwar ein sehr bedeutsames Thema, wobei mich die inszenatorische Umsetzung letztendlich nicht so ganz überzeugen konnte. Zum einen nervte mich Lindholms pubertärer Eiertanz, den sie fortwährend wegen des schäbigen Knilchs aufführt, zum anderen wirkten einige der Darbietungen zu sehr aufgesetzt. Außerdem wurden weder die wahren Ausmaße dieser besorgniserregenden Entwicklung, noch die hochtoxische Penetranz der identitären Spinner ausreichend genug aufgezeigt, mit der sie tagtäglich ihre rechtspropagandistische Hetze nicht nur in den sozialen Medien vollziehen...

NATIONAL FEMININ in der Mediathek: https://www.daserste.de/unterhaltung/kr ... o-102.html

https://www.spiegel.de/kultur/tv/tatort ... 4901d9832c
https://www.zeit.de/kultur/film/2020-04 ... onsbericht
https://www.n-tv.de/leute/tv/Nazis-Femi ... 39395.html

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

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Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen - Rostock (2020)



Wow! Die aktuelle POLIZEIRUF 110-Folge war meines Erachtens die bis dato stärkste TATORT-Folge des letzten halben Jahres gewesen!

Obwohl die beiden noch recht aktuellen TATORT-Folgen Lass den Mond am Himmel stehn (München) und Gefangen (Köln) bereits überdurchschnittlich gut ausfielen, wurden diese dennoch von der gestrigen Polizeiruf-Folge getoppt. Anneke Kim Sarnau legt eine dermaßen mitreißende Darbietung an den Tag, dass ihr dafür bereits im März auf dem Deutschen Fernsehkrimi-Festival zurecht ein Preis verliehen wurde. Bei der gestrigen PR-Folge DER TAG WIRD KOMMEN handelt es sich zugleich um den Abschluss der „Wachs-Affäre“, die Frau König in der ebenfalls sehr sehenswerte Folge FÜR JANINA infolge einer Beweismittelmanipulation angezettelt hatte, um dem vom Gesetz freigesprochenen Mörder Guido Wachs doch noch seine gerechte Strafe zukommen zu lassen. Nachdem sich Wachs bereits in der Folge DUNKLER ZWILLING bei Frau König telefonisch aus dem Knast zurückgemeldet hat, setzt er in der gestrigen Folge die LKA-Beamtin dermaßen unter Druck, dass diese psychisch fast vor die Hunde geht. Doch glücklicherweise gibt es auch noch den großartigen Kommissar Bukow...

Düster, intensiv und erstklassig inszeniert!
Eine der besten Polizeiruf-Folgen aus Rostock.



Mediathek:

Für Janina
Der Tag wird kommen

(Wer sich die gestrige Folge ansehen möchte, der sollte sich am besten zunächst die Folge 'Für Janina' anschauen, denn mit dem Hintergrundwissen über die Vorgeschichte wirkt 'Der Tag wird kommen' noch intensiver)


Übrigens: Kommissar Bukow trägt in dieser Folge beim Kochen eine "BRATORT"-Schürze zur Schau:


Bild Bild




https://de.wikipedia.org/wiki/Bukow_und_K%C3%B6nig
https://www.ndr.de/der_ndr/presse/mappe ... ruf672.pdf
https://www.sueddeutsche.de/medien/poli ... -1.4934011
https://www.spiegel.de/kultur/tv/polize ... 46e95d32b4
https://www.spiegel.de/kultur/tv/polize ... 187d7d239e

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Richie Pistilli »

TATORT Ludwigshafen - Folge 720: Kassensturz (2009)



"Willkommen in der Hölle!"


Nachdem ein Filialleiter einer erfolgreichen Discounter-Kette ermordet auf einer Müllhalde aufgefunden wurde, geraten Lena Odenthal und Mario Kopper im Rahmen ihrer Ermittlungen in den erbarmungslosen Sumpf der Billig-Supermärkte - eine unmenschliche Welt, in der die ausgebeuteten Angestellten rein gar nichts mehr zu lachen haben. Eine Welt, in der abhängige Niedriglohnarbeiter schutzlos menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen ausgeliefert sind, die obendrein auch noch staatlich legitimiert wurden. Eine herzlose Welt, in der die unliebsamen Arbeitssklaven von diktatorischen Unmenschen gemobbt, getriezt, schikaniert, beleidigt, erniedrigt und so lange unter Druck gesetzt werden, bis sie ihre eigene Kündigung schreiben. Eine grausame Welt, in der zwar arbeitsrechtlich eine 38,5 Stunden-Woche vertraglich 'auf dem Papier' festgeschrieben ist, die gepeinigten Beschäftigten 'auf der Realitätsebene' aber mindestens 60 Stunden schieben müssen - wobei die geleisteten Überstunden selbstredend als ehrenamtliche Freizeitbeschäftigung unentgeltlich abgegolten werden. Eine wehmutsvolle Welt, in der den Lohnabhängigen private Kontakte untereinander untersagt werden, unrechtsmäßige Spindkontrollen auf der Tagesordnung stehen und Privatsphären hemmungslos ausspioniert werden. Eine gnadenlose Welt, in der die skrupellosen Akteure für ihren persönlichen Profit ohne mit der Wimper zu zucken über Leichenberge gehen. Und in diesem üblen Dunstkreis gilt es nun für die beiden Tatort-Kommissare den Mörder ausfindig zu machen, der dem erfolglosen Gebietsleiter Boris Blaschke Tags zuvor den Gar ausmachte.


"Wissen Sie, ich bin der Meinung, wenn man bei Billy nicht zufrieden ist, dann sollte man sein Glück bei Aldi oder Lidl oder Netto oder Penny oder Hartz IV versuchen!"


Eine sehr beeindruckende als auch zugleich beklemmende Tatort-Folge, die mir von den Ludwighafener-Episoden obendrein mit am stärksten im Gedächtnis haften geblieben war. Aufgrund der sehr realitätsnahen und ungeschönten Darstellung der abscheulichen Arbeitsbedingungen im Billigmarktsegment wurde diese bemerkenswerte Folge im Nachhinein nicht nur verdienterweise mit dem Verdi-Fernsehpreis ausgezeichnet, sondern das zugrundegelegte Drehbuch auch noch für den deutschen Fernsehpreis nominiert. Das folgende Zitat aus dem Stern bringt das Fazit dieser sehenswerten Folge übrigens ganz gut auf den Punkt:


Kaum ein "Tatort" ist so wertvoll wie dieser. Denn keine noch so gut gemachte Reportage kann den Zuschauer so tief in das Schicksal gepeinigter Angestellter einführen, kann sie emotional so bewegen. Und wenn Sie das nächste Mal beim Einkaufen im Billigmarkt um die Ecke ein mulmiges Gefühl beschleicht und Sie sich fragen, warum die Waren eigentlich so billig sein können, war jeder Cent für diesen "Tatort" bestens investiert.“ (Quelle)




ZAPP-Beitrag zur vorliegenden Tatort-Folge:














Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Tatort:_K ... urz_(2009)
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ ... 58707.html
https://www.focus.de/kultur/kino_tv/foc ... 66303.html

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Richie Pistilli »


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Jimmy Stewart
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Jimmy Stewart »

Der ziemlich ungewöhnliche SFB TATORT - Tod im U-Bahnschacht von Wolf Gremm, über den hier ja schon mal nicht wenig Lob ausgebreitet wurde, ist nun auch in viel besserer Quali als bisher abrufbar. Der RBB hat die restaurierten TATORT Folgen aus mit unverständlichen Gründen leider nicht in die Mediathek aufgenommen; also muss man sich wohl mit diesem "Rip" behelfen. :-?

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Richie Pistilli »

Jimmy Stewart hat geschrieben:
So., 29.11.2020 20:29
Der RBB hat die restaurierten TATORT Folgen aus mit unverständlichen Gründen leider nicht in die Mediathek aufgenommen...

Schade, denn diese außergewöhnliche Episode hätte ich mir gerne mal in einer besseren Fassung angesehen. Dafür steht aktuell (mal wieder) mit WEIL SIE BÖSE SIND eine der besten TATORT-Folgen in der Mediathek zur Verfügung.






Von den seit Ende der Sommerpause gezeigten Folgen, haben mir bis dato nur die folgenden zugesagt:


Tatort Berlin - Folge 1139 Ein paar Worte nach Mitternacht

https://www.ardmediathek.de/ard/video/t ... cyN2U4NDE/



Tatort Zürich - Folge 1140 Züri brännt

https://www.srf.ch/play/tv/tatort/video ... 9fb2698bc6



Tatort Wiesbaden - Folge 1145: Die Ferien des Monsieur Murot

https://www.ardmediathek.de/ard/video/t ... MxMGU5ZTQ/



Tatort Dortmund / München - Folge 1146: In der Familie (Teil I) (R: Dominik Graf)

https://www.ardmediathek.de/ard/video/t ... NkN2QwZTU/


Die gestrige Folge von Dominik Graf war sehr beeindruckend. Gleiches gilt für die letzte Murot-Episode. Ganz grausam fand ich die letzten Folgen aus Münster, Stuttgart und Wien.

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Richie Pistilli »

Aktuell in der Mediathek: Die ersten beiden TATORT-Folgen von 1970



Folge 001: TAXI NACH LEIPZIG (1970)

https://www.ardmediathek.de/ard/video/t ... FhNTBlNmM/



Folge 002: SAARBRÜCKEN, AN EINEM MONTAG (1970)

https://www.ardmediathek.de/ard/video/t ... RfOTYzNTA/

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Maulwurf
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Maulwurf »

Tatort: Die Nacht gehört Dir (Max Färberböck, 2020) 4/10

Die erfolgreiche Immobilienmaklerin Barbara Springer wird am Tag nach ihrem Geburtstag tot aufgefunden. Todesursache: Zwei Stiche mit einem Sushimesser. Recht schnell bekommen die beiden Kommissare Ringelhahn und Voss heraus, dass die integere, beliebte, menschenscheue und freigiebige Luxusdame sich schon seit Jahren erfolgreich in Dating-Portalen rumgetrieben hat. Vor einem halben Jahr allerdings war abrupt Schluss damit, und den Geburtstag hat sie ausgerechnet mit ihrer Kollegin verbracht. Könnte Eifersucht das Motiv gewesen sein? Oder steckt da vielleicht noch mehr dahinter?

Bild Bild Bild

Als fast-gebürtiger Nürnberger habe ich mir die Folge eigentlich nur wegen der alten Mehr-oder-weniger-Heimat angeschaut. Entsprechend waren meine persönlichen Highlights die beiden Assis Fleischer und Schatz, die in breitestem Fränkisch immer wieder Stimmung erzeugten. Aber der Rest, also alles was mit dem Kriminalfall zu tun hatte, war eher dröge. Ein mühsam konstruiertes Drama mit mühsam konstruierten Zusammenhängen und mühsam konstruierten Figuren, die kaum Realitätsnähe hatten und einer wie der andere unsympathisch waren. Auch bei den beiden Kriminalhauptkommissaren hielt sich meine Zuneigung in Grenzen – Dagmar Manzel kam mir mit ihrer melancholischen Art im Lauf der Folge durchaus immer näher, während Fabian Hinrichs als alerter Nordfriese eher fremd blieb. Aber dann doch nicht so fremd, als dass er wie ein Fremdkörper in der fränkischen Gemütlichkeit gewirkt, und somit zu skurrilen oder merkwürdigen Situationen beigetragen hätte. Nein, der Fall an sich war nichts Besonderes, die Ermittler ebenfalls nicht, und nur die Ansichten der Städte Nürnberg und Fürth, sowie die Verwendung des traumhaft schönen Keep the streets empty for me von Fever Ray haben für Zustimmung und gegen Schlaf geholfen. Mühsame Durchschnittsfernsehware …


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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Richie Pistilli »

In der Mediathek steht aktuell die folgende TATORT-Doku zur Verfügung:


30 Jahre Batic und Leitmayr - Die Zwei vom Tatort

https://www.ardmediathek.de/ard/video/t ... jdlYzAyMQ/

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Jimmy Stewart
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Jimmy Stewart »

Kürzlich lief im TV mal wieder ein feiner TATORT mit einem meiner Lieblingsteams: "Das Böse" mit den Frankfurter Ermittlern Sänger und Dellwo. Als das titelgebende "Böse" liefert Ulrich Tukur eine Glanzleistung ab, wie sie in der Reihe selten von einem Antagonisten erreicht wurde. Der Schluß ist ein echter Schocker! :o

Dieser herausragende TATORT ist in der ARD Mediathek abrufbar, und von mir sehr empfohlen. :ja:

https://www.ardmediathek.de/daserste/vi ... 8xMjMwMTM/

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Maulwurf
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Maulwurf »

Tatort: Die Guten und die Bösen (Petra Katharina Wagner, 2019) 6/10

„Polizeiarbeit bedeutet für mich, die Guten zu beschützen, und die Bösen zu bestrafen. Und zwar ohne Ausnahme.“ Der dies sagt ist Polizist. Derjenige Polizist, der den Vergewaltiger seiner Frau gefoltert und getötet, und sich anschließend seinen Kollegen ausgeliefert hat. Jetzt möchte er selber bestraft werden. Die Bösen müssen bestraft werden, auch wenn die Guten das vielleicht nicht so sehen, und verzweifelt versuchen, für ihren geschätzten Kollegen mindestens mildernde Umstände zu suchen. Obwohl der das gar nicht will …

Ein sehr philosophischer Tatort, der da gezeigt wurde. Einer, der hochinteressante Fragen aufwarf und Stoff für Diskussionsrunden liefern kann. Und der unzähligen Erklärbär-Kritikern im Internet die Möglichkeit gibt, eigene Gedanken zu Wort zu bringen. So wie ich es tue …

Tatsächlich ein sehr philosophischer Krimi. Die Denkmodelle „Wir sind die Guten, weil wir Verbrecher jagen“ und „Das sind die Bösen, weil sie Verbrechen begehen“ kollidieren hier auf das Gemeinste. Vielleicht hätte ich gerne sogar noch einen Politiker im Film gehabt, der seinen Wahlkampfschmonzes dazugibt, um die Skurrilität und Grenzwertigkeit von Moralvorstellungen endgültig zu persiflieren. Wieso Grenzwertigkeit von Moralvorstellungen? Ist es denn nicht so, dass jemand, der einen Mord begeht, per Definition böse ist? Doch, so ist es. In den allermeisten Fällen zumindest. Aber was ist, wenn der einzige Mensch, den man so liebt wie sich selbst, wenn dieser Einzige grausam behandelt, unter Umständen getötet wird, und der Täter davon kommt – Was ist dann? Die andere Wange hinhalten? Vergebung? Ich glaube, die allermeisten Menschen würden zur Blutwurst tendieren, ganz unabhängig davon, dass die moderne Medienwelt uns diese Möglichkeit sowieso als die einzig Wahre und Glücklichmachende vorgaukelt.

Aber macht das wirklich glücklich? Wirkt Peter Lohmeyer in DIE GUTEN UND DIE BÖSEN irgendwie befreiter? Glücklicher? Sein Leben wurde von einem Dritten in eine Hölle verwandelt, und jetzt, nach der Tat, entscheidet er sich selber für ein weiteres Leben in einer anderen Hölle. Der Polizist im Gefängnis als Strafe für eine Tat, die das System, an das er fest glaubte, nicht verhindern und nicht sühnen konnte. Und die Kollegen, die „wissen“ dass sie die Guten sind, die versuchen den Bösen davor zu bewahren, zu viel Strafe auf sich zu nehmen …

Denkgebäude, in denen man sich verlaufen kann. So wie der Coach, dessen eigentliche Aufgabe es ist, die Polizisten mit ihrer Aufgabe zu versöhnen soll. Der dabei die Orientierung in den seelenlosen und fremden Gängen verlor, und ganz furchtbar schnell zu einem wimmernden und weinenden Haufen Elend wurde, sobald die rettenden Leitplanken verloren gingen. Meines Erachtens die zentrale Szene der Folge, denn hier wird gezeigt wie schnell wir degenerieren, wenn die Richtlinien der Zivilisation wegfallen. Wenn die selbst gesetzten Wegweiser fehlen, an denen wir uns Tag für Tag entlangtasten um das Leben irgendwie in den Griff zu bekommen und zu funktionieren. Die labyrinthischen Gänge des Polizeipräsidiums als Analogie zu Begriffen wie Recht und Ordnung, oder Recht und Gerechtigkeit, zwischen denen man ebenfalls sehr schnell die „richtige“ Richtung verlieren kann. Wenn die eigenen Worte und der eigene Kompass wegfallen, zu was werden wir dann? Was würde der Leser dieser Zeilen empfinden, wenn ein zweibeiniges Tier den Liebsten oder die Liebste des Lesers grausam an Leib und Seele verstümmelt? Würde er denken „So, und morgen ist alles wieder gut“? Würde er wie der Coach dasitzen und weinen und verzweifeln, unfähig auch nur eine weitere Entscheidung im Leben zu treffen? Oder würde er wie Peter Lohmeyers Charakter Ansgar Matzerath zur Waffe greifen und sich letzten Endes auf die gleiche Stufe begeben wie das zweibeinige Tier? Vom Guten zum Bösen mutieren? Der Coach jedenfalls wurde durch einen Polizisten aus dem Irrgarten gerettet. Einer, der Gutes tut. Einer der Guten. Und der andere Polizist hat zur Waffe gegriffen und Gleiches mit Gleichem vergolten. Einer, der Böses tut. Einer der … Ja was denn nun?

Bild Bild Bild Bild

Interessant auch der Umstand, dass die allermeisten Szenen innerhalb des Polizeipräsidiums spielen, inklusive einer sehr langen und starken Plansequenz durch 2 Stockwerke, also durch mehrere Ebenen einer komplexen Welt. Sicher sind die Kommissare Janneke und Brix oft an den Fenstern gestanden und haben über die Stadt geblickt, haben quasi den Durchblick gesucht, aber das Gebäude verlassen und sich dem Leben gestellt, das haben sie in dieser Tatort-Folge eher selten. Die Scheiben geben das Spiegelbild wieder, und das „wahre“ Leben bleibt außen vor. Die Komfortzone darf bloß nicht verlassen werden. Höchstens zum Umziehen, um eine schönere und edlere äußere Hülle zu zeigen.
Und die Wahrheit, beziehungsweise der Weg dorthin, wird an die Alten übergeben und im Keller versteckt, damit bloß niemand aufgeschreckt wird. Damit die allgemeine Zufriedenheit nicht gestört wird. Ansgar Matzerath, der Mörder des Mörders, wirkt bereits durch seine Größe und seine Präsenz wie ein Störfaktor. Wie etwas Böses, was von außen in das gemütliche Leben der Guten einbricht und alles durcheinanderbringt.
Und wenn am Ende die Aussagen darüber, was sich jeder unter dem Begriff Polizeiarbeit vorstellt, vom Band laufen, dann sind Gemeinsamkeit und Miteinander aufs wunderbarste wieder hergestellt. Nur Matzerath muss auch hier das irritierende Schlusswort haben. Und sorgt dafür, dass die Denkgebäude vielleicht doch ein klein wenig gegeneinander ins Wanken geraten. Das ein klein wenig Unbehagen verbreitet wird.

Ein sehr philosophischer Krimi. Einer, der so spannende Fragen stellt wie „Hast Du schon mal jemanden so sehr geliebt wie Dich selbst?“. Oder genauso gut: „Hast Du schon mal jemanden so sehr gehasst, dass Du ihn töten wolltest?“ Eine aufregende Reise in ein (Denk)-Gebäude mit vielen Gängen und wenigen Türen. Aber leider ein wenig zu kopflastig, der Bauch wurde nicht gekitzelt. Trotzdem, auch solche Tatorte muss es geben. Und das sind dann oft auch diejenigen, an die man sich unter Umständen lange erinnert.

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Richie Pistilli
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Re: TATORT & POLIZEIRUF 110 - Deutschtümelei in Serie

Beitrag von Richie Pistilli »

TATORT Ludwigshafen - Folge 1156: Hetzjagd (2021)



Kuscheln mit Nazis!


Ein hasserfüllter Neonazi macht sich auf den Weg, um einen ihm verhassten Menschen das Lebenslicht auszublasen. Doch leider kam ihm jemand zuvor, denn er findet nur noch die Leiche seines auserkorenen Opfers in den nebelverhangenen Rheinanlagen vor. Was folgt, ist ein panischer Anfall, infolgedessen der fassungslose Neonazi im Rahmen einer Polizeikontrolle die Nerven verliert und ohne groß vorzuwarnen eine hilflose Polizistin über den Haufen schießt. Während es seiner Freundin gelingt, der Polizei zu entkommen, wird der polizistenmordende Neonazi ratzfatz eingebuchtet. Und wie sollte es auch anders sein, steht kurz darauf bereits der Verfassungsschutz vor der Tür. In der Zwischenzeit irrt seine Freundin planlos durchs nächtliche Ludwigshafen, wo sie die ehemalige Lebensgefährtin des ermordeten Opfers kennen lernt. Die Frage, um die es sich letztendlich dreht, lautet: Wenn der Neonazi das Opfer nicht ermordet hat, wer dann?


Was war das denn gestern bitte schön für ein Mist? Meines Erachtens entpuppte sich die romantisierte Nazi-Folge HETZJAGD als eine totale Frechheit, denn anstatt sich kritisch mit der Thematik 'Rechtsextremismus' auseinanderzusetzen, werden die gezeigten Nazis nicht nur verharmlost, sondern schlussendlich auch entpolitisiert. Hinzu gesellen sich zahlreiche handlungsbedingte 'Fauxpas' sowie ein schrecklicher Schnitt, der bei mir stellenweise zu einer inneren Unruhe führte.


Warum Thomas Bohn seine schwache Geschichte ausgerechnet mit der Nazi-Thematik garnierte, bleibt für mich ein Rätsel, denn wenn ihm das Interesse an dieser immer erheblicher werdenden Problematik fehlt, sollte er am besten gleich die Finger davon lassen. Möchte nicht wissen, wie sich beispielsweise die Angehörigen Walter Lübckes und der Mordopfer aus Hanau angesichts dieser TATORT-Folge gefühlt haben müssen... Eine absolute Frechheit!


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